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ST. PETERSBURG: EIN WOCHENENDE AM MARIINSKY-THEATER (20.- 22.3.)

23.03.2015 | Ballett/Tanz

St. Petersburg : Ein Wochenende am Mariinsky-Theater (20. – 22.3.2015)

Auch im Winter ist St. Petersburg eine Reise wert. Wegen der Ukraine-Krise ausbleibende Touristen und der fallende (sich jetzt allerdings wieder erholende) Rubel-Kurs machen den Aufenthalt selbst in einem Hochpreis-Hotel erschwinglich. Und dass die Newa-Metropole für jeden Musikfreund etwas bietet, setze ich einmal als bekannt voraus. In der Philharmonie geben sich die Weltstars die Klinke in die Hand. Unweit davon gelingt es dem Mikhailovsky-Theater (in Sowjetzeiten unter Maly-Theater = Kleines Theater bekannt) dank seines steinreichen Generaldirektors Vladimir Kechman, der sein Geld mit dem Import von Bananen verdiente, selbst Stars wie Neil Shicoff (Pagliacci, La Juive) an das Haus zu locken, das seit dem vom Mariinsky-Theater gekommenen Mikhail Tatarnikov als Chefdirigenten auch künstlerisch einen Aufschwung verzeichnen konnte.

 Valery Gergiev, Künstlerischer und Generaldirektor des Mariinsky-Theaters, hatte in den ersten 16 Tagen des Monats März an seinem Haus 13 Aufführungen und Konzerte geleitet, darunter mit dem gesamten Ring, Tristan und Mahlers 8. Sinfonie Monumentalwerke, zum Teil 2 Vorstellungen pro Tag, eine Ballettpremiere plus abendliches Konzert! Danach war er mit „seinem“ Orchester, also der Königsklasse der Musiker, den winterlichen Temperaturen zu Hause entfliehend, in den sonnigen Süden zu Gastspielen in Spanien und Frankreich entschwunden. Auch ohne ihn hatte das Mariinsky vieles zu bieten; so hatte ich mich an den 3 Tagen meines Aufenthaltes zwischen 14 (!) Angeboten zu entscheiden, im historischen Mariinsky, auf der neuen Bühne sowie den 5 Kammermusiksälen dieses 2013 eröffneten Hauses sowie in der Konzerthalle.

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Szene aus „Dornröschen“. Foto : Natascha Razina

Wenn man schon in St. Petersburg ist, ist der Besuch eines Balletts natürlich ein Muss, zumal von Tschaikowskys „Dornröschen“ (20. März) in der Choreographie Petipas (Revidierte Version von Konstantin Sergeyev). Was man an diesem mit 4 Stunden (3. Pausen!) sehr langen Abend zu sehen und zu hören bekam, war purer Luxux für alle Sinne, exzellent die Protagonisten, die bezaubernden OLESYA NOVOKOVA (Aurora) und KRISTINA SHAPRAN (Lilafee), der elegante FILIP STEPIN (Prinz Desiré) und der ausdrucksstarke IGOR KOLB als Carabosse. Natürlich spielt bei einem Ballett das Visuelle die Hauptrolle, doch was man vom Orchester zu hören bekam, war dem visuellen Luxus adäquat (man vergesse nicht, das Hauptorchester war auf Tournee, und im historischen Mariinsky wurde „Jenufa“ gespielt!). Weit davon entfernt, sich lediglich auf die Rolle als Begleiter der Tänzer beschränken zu wollen, entfaltete der junge US-Amerikaner GAVRIEL HEINE die ganze Schönheit dieser herrlichen Partitur. Heine (einer der letzten Schüler des legendären St. Petersburger Dirigenten-Lehrers Ilya Musin) hatte 2007 am Mariinsky debütiert, war in den letzten Jahren hauptsächlich mit der Leitung von Opernaufführungen und Jugend-Konzerten in der Konzerthalle betraut und „avancierte“ erst in dieser Saison zum Ballett-Dirigenten, eine Wahl, die Lust darauf macht, mehr von ihm zu hören!

 Am 21. März dann in der Konzerthalle ein Konzert zum Gedenken an den großen sowjetisch-estnischen Bariton Georg Ots, der vor 95 Jahren im damaligen Petrograd, dem heutigen St. Petersburg, zur Welt gekommen war. Ots Karriere erinnert ein wenig an den Weg, den im Westen bekannte Künstler wie Anneliese Rothenberger, Rudolf Schock, Hermann Prey und andere genommen haben – von der Oper zur „leichten“ Muse. So war es für dieses Gedenkkonzert eine logische Wahl, einen Bariton einzuladen, dessen Karriereverlauf dem von Ots und seinen westlichen Kollegen ähnelte : VLADIMIR SAMSONOV.

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Vladimir Samsonov (neben ihm die junge Anna Netrebko) 1995 nach einem „Barbiere di Siviglia“ in Mikkeli / Finnland. Foto : Archiv Sune Manninen

 Vor über 20 Jahren hatte Samsonov am Mariinsky-Theater als Dandini in Rossinis „Cenerentola“ debütiert, danach an diesem Hause aber nur noch vereinzelt gesungen, weil er Publikumsliebling am St. Petersburger Operettentheater geworden war, u.a. mit Rollen (so z.B. dem Mister X in der „Zirkusprinzession“), die auch zum Repertoire von Georg Ots gehört hatten. Begleitet vom Tauride International Symphony Orchestra unter MIKHAIL GOLIKOV und unter Assistenz zweiter Mariinsky-Kollegen, der Sopranistin IRINA MATAEVA und dem Tenor YEVGENY AKIMOV, sang Samsonov im ersten Teil des Konzerts Stücke aus Georg Ots‘ Opernrepertoire, neben Don Giovanni, Rossini-Figaro, Luna, Rigoletto, Escamillo vor allem Anton Rubinsteins „Dämon“, eine der Signaturrollen von Ots. Vokal war bei Samsonov noch immer ein angenehmes Timbre zu konstatieren, aber es war insgesamt nicht zu überhören, dass er heute mehr Entertainer als ernst zu nehmender Gesangskünstler ist. Doch er weiß um den Effekt, auch, wie man begeisterten Applaus aus dem Publikum herauskitzelt.

 Der zweite Teil des Konzerts war, so möchte ich es einmal ausdrücken, populären „patriotischen“ Melodien der Sowjetzeit gewidmet und passte somit perfekt zum von Valery Gergiev initiierten Zyklus „Geboren in der UdSSR“, in der bisher in der Sowjetunion beliebte Opern wie Molchanovs „The Dawns Here Are Quiet“ oder Khrennikovs „In The Storm“ aufgeführt wurden. Ots war bekanntlich Nationalkünstler der UdSSR und aktives Mitglied der KPdSU. So bildeten „patriotische“ Stücke einen wichtigen Teil seines ihn in der Sowjetunion ungemein beliebt machenden Repertoires, und logischerweise durften diese bei einem Konzert zum Gedenken an ihn nicht ausgelassen werden. Doch machte es mich als Besucher aus dem Westen doch recht nachdenklich, solche Titel wie Kolmanovskys „Do The Russians Want War?“ (aus dem Jahre 1961!!!) oder Khozaks „From Heroes of Former Times“ zu hören, abgesehen von Muradelis „Legendary Sevastopol“ oder Listovs „Sevastopol Waltz“, also jenem Sewastopol, der größten Stadt auf der Halbinsel Krim, die von Russland annektiert worden war.

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Alexey Markov und die kürzlich verstorbene Elena Obraztsova 2006 vor der Burg Olavinlinna in Savonlinna / Finnland. Foto : Archiv Sune Manninen

 Sollte man Valery Gergiev unterstellen, seinem Freund Vladimir Putin zuliebe die Stalin-Zeit musikalisch rehabilitieren zu wollen, könnte er diese Behauptung unter Hinweis auf das Konzertprogramm am 22. März widerlegen. Unter dem Titel „A Russian Concert“ gab es im ersten Teil Russisch-Orthodoxe Chormusik und im zweiten Teil Volkslieder. Bekanntlich war die Kirche unter kommunistischer Herrschaft Verfolgungen ausgesetzt und kehrte erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu ihrer Bedeutung für die russische Geschichte und das russische Volk zurück. Dass dieses Konzert zu einem einzigartigen, bewegenden Ereignis wurde, war nicht nur dem Kammerchor der Smolny-Kathedrale unter seinem Leiter VLADIMIR BEGLETSOV zu verdanken, sondern vor allem dem mitwirkenden Solisten, dem Bariton ALEXEY MARKOV. Zu Markov fällt mir eine kleine Anekdote ein, die zeigt, dass auch so große Kenner von Stimmen wie der ehemalige Chef der Wiener Staatsoper Ioan Holender einmal irren können. Holender war vor ungefähr 10 Jahren Jurymitglied beim in St. Petersburg ausgetragenen Rimsky-Korsakov-Wettbewerb. Wie das so üblich ist, geben sich solche Jury-Hochkaräter die Ehre ihrer Anwesenheit nur zum Finale, eventuell noch zum Semi-Finale. So war Holender um das Vergnügen gebracht, den sich in Hochform präsentierenden Alexey Markov mit einer seiner Signatur-Arien, Robert aus „Iolanta“, in der ersten Runde zu hören, während Markov (obwohl Gewinner dieses Wettbewerbs) im Finale nicht optimal disponiert war. In der abschließen Pressekonferenz gefragt, wenn Holender an die Wiener Staatsoper verpflichten würde, war seine Antwort : „Außer Yuri Minenko, dem Counter Tenor, niemand!“ Nun, auch ohne die Unterstützung Holenders ist Markov eine bemerkenswerte Karriere gelungen, die ihn – auch ohne den Förderer Gergiev – bis an die Met geführt hat. Warum, wurde in diesem Konzert deutlich. Wer eine Antenne für Stimmen hat, musste in der Schönheit und Kraft von Markovs Material geradezu baden! Sein herrlich timbriertes Organ ist perfekt fokussiert und kennt auch in diesem Repertoire keinerlei Schwierigkeiten, weder in der resonanzstarken Tiefe noch in der strahlkräftigen Höhe, glänzend durchgestütztes piano bis hin zum forte – alles war da! Ohne die Bedeutung seiner Baritonkollegen vom Mariinsky Bondarenko und Sulimsky schmälern zu wollen, die sich in einer lyrischeren (Bondarenko) bzw. dramatischeren (Sulimsky) Kategorie befinden – das war Stimmpracht der Extraklasse!

Sune Manninen

 

 

 

 

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