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ST. PETERSBURG: DER RING DES NIBELUNGEN als Mariinsky-Ring

01.10.2012 | KRITIKEN, Oper

Mariinsky-Theater : Der Ring des Nibelungen (26. – 30.9.2012)

 Da sich der „Ring“ am St. Petersburger Mariinsky-Theater als eine weitgehend RFZ (Regie Freie Zone) entpuppte, konnte ich mir erlauben, meine Gedanken zur Vorgeschichte dieser Produktion zurückschweifen zu lassen. Nach ihrer erfolgreichen Zusammenarbeit am Münchner „Boris Godunow“ Anfang der 90er Jahre war der deutsche Regisseur Johannes Schaaf von Valery Gergiev auserkoren worden, an seinem Mariinsky-Theater Wagners „Ring des Nibelungen“ in der Ausstattung von Gottfried Pilz zu inszenieren. Es sollte eine Produktion werden, mit der man weltweit gastieren wollte. Doch der als äußerst akribisch arbeitend bekannte Schaaf kollidierte mit den eher an „laisséz faire“ gemahnenden Arbeitsbedingungen am Mariinsky. Folge : Die Zusammenarbeit wurde nach dem „Rheingold“ beendet. „Die Walküre“ sollte in den bereits vorhandenen Dekorationen Pilz‘ vom britischen Regisseur David Freeman in Szene gesetzt werden, der an der Newa mit einer interessanten Inszenierung von Prokofiews „Feurigem Engel“ für Aufsehen gesorgt hatte. Doch Regisseur und Ausstatter konnten sich nicht einigen, so dass „Die Walküre“ dem manchmal auch als Regisseur auftretenden Gottfried Pilz anvertraut wurde. Das Resultat ähnelte nach Aussagen Gergievs zu sehr einem von ihm nicht so gewollten „deutschen Regietheater“, so dass auch das zweite Stück der „Ring“-Tetralogie nach Walhall geschickt wurde.

 Mit dem Entwurf für einen neuen „Ring“ wurde nun der aus Kazakhstan stammende amerikanische Bühnenbildner GEORGE TSYPIN betraut wurde, der sich in seinen Dekorationen an kaukasischen Mythen orientierte. Die Informationen des Programmheftes sind eher verräterisch. „Production Supervisor and Conductor – VALERY GERGIEV; Production Concept – Valery Gergiev and George Tsypin; Revival Director and Musical Preparation – Marina Mishuk”. Dem aufmerksamen Leser wird auffallen, das hier kein Regisseur genannt wird, sieht man einmal von Marina Mishuk ab, einer (in Deutschland würde man sagen) Studienleiterin, die ungewöhnlicherweise auch für die szenische Einstudierung verantwortlich war. Und dieses Fehlen einer Interaktion zwischen den einzelnen Figuren, spätestens seit dem Chéreau-„Ring“ Personenführung genannt, ließ diesen „Ring“ zu einer konzertanten Aufführung in Kostümen und Dekorationen werden – also „alter Wein in kaukasischen Schläuchen“.

 War dieser „Ring“, dessen Defizite Gergiev offenbar bewusst sind, also weniger sehenswert, so war er doch – was den orchestralen Teil anbelangt – äußerst hörenswert. Zu Beginn dieser Saison, nach einer Russland- und China-Tournee mit 14 Konzerten innerhalb von 8 Tagen, nach einem Vorabend-Konzert in Moskau mit Werken von Schostakowitsch, präsentierte sich dieses Weltklasse-Orchester in Hochform. Der satte, dunkle Streicherklang verband sich ideal mit den Holzbläsern und den nie zu stark auftrumpfenden, traumhaft sicheren Blechbläsern – eine nur in den höchsten Tönen zu lobende Leistung. VALERY GERGIEVs Interpretation ließ mich merkwürdigerweise an Karl Böhms Mozart zurückdenken. (Fast) alles war richtig, sowohl in der Balance zwischen Anpassen an die Sänger und Führen als auch in den Tempi, die ich (fast) immer als richtig empfand. Lediglich mit den für meine Ohren überhetzten Tempi bei Siegfrieds Auftritten im 1. Aufzug der gleichnamigen Oper konnte ich mich nicht anfreunden. Verstandesmäßig konnte ich nachvollziehen, dass Gergiev damit Siegfrieds Überfülle an Kraft musikalischen Ausdruck verleihen wollte; das Resultat gab ihm jedoch nicht Recht, denn der Interpret geriet schnell außer Atem und konnte keine Phrase aussingen. Trotz dieser geringen Einwände eine Interpretation, die ich den größten der Vergangenheit an die Seite stellen möchte.

 Die vokale Qualität dieser Tetralogie würde ich als durchwachsen bezeichnen, adäquat einem mittleren deutschen Stadttheater-Niveau. Wäre ich Intendant eines deutschen Opernhauses, würde ich mit Sicherheit ZHANNA DOMBROVSKAYA (Woglinde), YEKATERINA SERGEYEVA („Rheingold“-Flosshilde), PAVEL SHMULEVICH („Siegfried“-Fafner mit nachtschwarzem Bass und tadellosem Deutsch) und evtl. VICTORIA YASTREBOVA (Freia) und VLADIMIR BAIKOV (Gunther) verpflichten. Sie zeichneten sich durch hohe Stimmqualität und sehr gute deutsche Diktion aus. Natürlich ist nicht zu überhören, dass an der Aussprache in den vergangenen Jahren gearbeitet wurde, so sehr, dass man jetzt die Fehler deutlicher versteht : „ü“ statt „u“, zu offenes „o“, Probleme mit den verschiedenen „e“s. Es waren eigentlich nur zwei Sänger, deren Diktion total unverständlich war : OLGA SAVOVA („Walküren“-Brünnhilde sowie „Götterdämmerungs“-Waltraute) und ALEXEI TANOVITSKI (Wotan in „Rheingold“ und „Walküre“), der zudem erhebliche Stimmprobleme hatte und ganz offensichtlich seine Partien noch nicht (oder nicht mehr?) in der Kehle hatte. Die mangelhafte Diktion des Deutschen wird dem russischen Publikum verborgen geblieben sein, aber das Mariinsky gastierte mit dieser Produktion in der Vergangenheit auch in Ländern, in denen das als Manko angekreidet wurde.

 Aufgeboten wurden 3 Brünnhilden : die bereits erwähnte Olga Savova in der „Walküre“, eine Mezzosopranistin (Eboli, Amneris), die die Brünnhilden-Tessitura ohne Probleme bewältigte; im „Siegfried“ OLGA SERGEYEVA, eigentlich eher eine Jugendlich-Dramatische, deren starkes Vibrato irritierte, dazu in der „Götterdämmerung“ mit LARISA GOGOLEVSKAYA eine echte Hochdramatische mit allen Attributen einer (schlechten) russischen Sängerin : Höhenschärfe, weites Vibrato, Registerbrüche – dafür stimmte das Volumen! 2 Siegfriede teilten sich die Aufgabe : LEONID ZAKHOZHAEV, ein intelligenter Darsteller, vom Stimmtyp her eher Charaktertenor, und VIKTOR LUTSYUK mit gutem Durchhaltevermögen, aber verquollener Tongebung. Nach dem unzureichenden Alexei Tanovitski debütierte VLADIMIR FELYAUER als Wanderer, mit ihm könnten die Wotan-Probleme des Mariinsky-Theaters (wenn der großartige Yevgeny Nikitin nicht zur Verfügung steht) der Vergangenheit angehören : eine etwas an Hans Hotter erinnernde Stimme, für einen hohen Bass erstaunlich die Mühelosigkeit, mit der Felyauer die hoch liegenden Passagen bewältigte. Die 60jährige LARISA DIADKOVA (sie sang Fricka) hätte ich lieber als Erda gehört; hier hätte sie ihre satte Kontraalt-Tiefe besser einbringen können als die nur solide ZLATA BULYCHEVA. 2 Mime-Interpreten : ANDREI ZORIN (trotz schmalerer Stimme überzeugend) und im „Siegfried“ VASILY GORSHKOV mit guter Stimme und schlechter Diktion. Dem stimmlich überzeugenden NIKOLAI PUTILIN (Alberich in „Rheingold“ und Götterdämmerung“) fehlte ein guter Regisseur; so wirkte er mehr wie Falstaff als wie Wotans Nebenbuhler um die Weltherrschaft. Trotz knorriger Stimme brachte es EDEM UMEROV in „Siegfried“ auf an Mehr an Wirkung.

 Für Loge und Gunther waren interessanterweise zwei Moskauer, aber vielfach in Deutschland arbeitende Gäste aufgeboten : MIKHAIL VEKUA (Loge) und der schon genannte Vladimir Baikov, Vekua prägnanter durch seine Diktion als durch sein vokales Material, Baikov, ein hoher Bass in einer Baritonrolle, dieser dadurch mehr Gewicht als üblich verleihend. MLADA KHUDOLEY war eine ausdrucksstarke Sieglinde, der der Höhenstrahl des 3. Aufzugs mehr lag als die vielen tieferen Passagen, die resonanzärmer klangen. Ihr Siegmund AVGUST AMONOV verfügt über ein relativ dunkel timbriertes robustes Material, führte dieses aber ab „Winterstürme“ viel zu offen, so dass die vorher ganz gute Diktion darunter litt. Immerhin gönnte er den Zuhörern die längsten Wälse-Rufe, die ich je live hörte. Die Stimme des Veterans GENNADY BEZZUBENKOV („Rheingold“-Fafner, Hunding) ist noch immer intakt. Er sollte gewisse sprachliche Überakzentuierungen aber zugunsten einer klareren Linienführung unterlassen. Sein Riesenbruder EDWARD TSANGA wäre mit seiner Durchschlagkraft ein besserer Donner gewesen als der etwas zu leichtgewichtige YEVGENY ULONOV, ebenso wie YEVGENY AKIMOV vom Stimmtyp her gut als Loge hätte eingesetzt werden können. Für die sonst immer hervorragende ANASTASIA KALAGINA liegt der Waldvogel inzwischen zu hoch; sie ist solchen Zwitscherpartien wie auch Donizettis Norina entwachsen. Und die Gutrune EKATERINA SHIMANOVICHs bekam ihr Vibrato leider nie in den Griff.

 Und Hagen? Wer wie ich mit Gottlob Frick und Josef Greindl in dieser Rolle aufgewachsen ist, dem wird man nachsehen müssen, wenn er mit einem so hell timbrierten und eher leichtgewichtigen Interpreten wie MIKHAIL PETRENKO Schwierigkeiten hat. Doch Dirigenten wie Rattle oder Barenboim werden sich etwas dabei gedacht haben, die Partie mit dem jungen Russen zu besetzen. Und in der Tat – wenn man sich von seinen Vorerfahrungen lösen konnte, blieb Petrenkos die anderen Protagonisten mit leiser Stimme umgarnende, seine Worte wie Gift eintröpfelnde Interpretation nicht ohne Wirkung. Ungewöhnlich, aber letzten Endes überzeugend, auch wenn ich ein saftigeres Material nach wie vor bevorzugen würde.

 Fazit einer auf unbequemen Stühlen durchlittenen „Ring“-Tetralogie : Orchester und Dirigent hörenswert; eine „Inszenierung“, die viel zu wünschen übrig lässt; eine Sängerbesetzung, die (mit Ausnahme Tanovitskis) nicht schlecht war, doch „nothing to write home about“. Trotzdem : Die offenbar nach Wagner hungrigen Russen (alle Vorstellungen waren ausverkauft) feierten alle Mitwirkenden stürmisch.

 Sune Manninen

 

 

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