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ST. MARGARETHEN / Steinbruch: Premiere NABUCCO

14.07.2022 | Oper in Österreich
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Lucas Meachem (Nabucco) und Monika Bohinec (Fenena). Alle Fotos: Oper im Steinbruch / Jerzy Bin

MARGARETHEN / Steinbruch: NABUCCO – Premiere

13. Juli 2022

Von Manfred A. Schmid

Verdis Nabucco war 1996 die erste Oper, die vor der imposanten Naturkulisse des St. Margarethener Steinbruchs gezeigt wurde. 2007 stand die Geschichte um Liebe, Eifersucht und Freiheitsdrang erneut auf dem Spielplan. Die nunmehr dritte Inszenierung, für die der spanische Regisseur Francisco Negrin verantwortlich zeichnet, spielt im monumentalen Bühnenbild von Thanassis Demiris, der den Steinbruch nicht als Hintergrund des Geschehens interpretiert, sondern diesen in die Handlung integriert, indem er die die neuen Bauelemente ähnlich aussehen lässt wie die vorgegebenen, zum Teil behauenen Gesteinsmassen. Halbfertig bearbeitete Steinblöcke, die improvisatorisch von Prunkaufgängen und monumentalen Rampen überbaut sind, zeigen, dass das Machtzentrum des assyrischen Herrschers baulich noch längst nicht abgeschlossen ist, sondern wohl noch unendlich weiter in den Himmel wachsen soll. Der Steinbruch gibt so Zeugnis vom Hochmut der Babylonier, die keine transzendentalen Grenzen respektieren und Raubbau an der Natur betreiben. Ihr Stolz und ihre Überheblichkeit drücken sich auch in der bunten Kleidung aus, die in Rot, Gold und Blau gehalten ist, während die in ihrer Gefangenschaft befindlichen Hebräer erdfarben und grün gekleidet sind, was deren Naturverbundenheit dokumentieren soll. Aus der Entfernung wirken die eigenwilligen Kostüme von Pepe Corzo und die dadurch erzeugten Kontraste durchaus effektvoll, mit dem Opernglas näher herangezogen (und vermutlich auch in den Großaufnahmen der TV-Líveübertragung), ist ihr Eindruck aber nicht mehr ganz so überzeugend und wirkt eher billig. Kostüme wie aus dem Kaugummiautomaten, so eine kritische Einschätzung aus dem Umfeld.

Der Umgang mit den enormen Ausmaßen der Bühne (7.000 Quadratmeter!) ist eine Herausforderung, der sich der Regisseur Francisco Negrin, aufgrund seiner Erfahrungen bei Stadion- und Arenaveranstaltungen, souverän gewachsen zeigt. Große Aufmärsche und Paraden, aber auch gut fokussierte und ausgeleuchtete Paarbegegnungen und Auseinandersetzungen (Lichtdesign Bruno Poet) zeugen von einer geschickten Personenführung, die dem Verständnis der Handlung dient und für Abwechslung sorgt. Auf der Steinbruchwand am rechten Bühnenrand gibt es auch Videoeinspielungen (Piedras Muda LAB), mit Großaufnahmen der Protagonisten und Darstellungen von Herrschaftssymbolen, die aber in ihrer Unaufdringlichkeit vom Geschehen auf der Bühne nicht ablenken. Man kann sie manchmal verfolgen, wenn man will, muss es aber keinesfalls immer tun.

Was an diesem Abend geboten wird, ist ein monumentaler, an biblische Hollywoodverfilmungen erinnernder Historienschinken, der dem Publikum gut zu munden scheint und damit den Erwartungen voll entspricht. Sogar eine kleine Anleihe aus dem Fundus des gegenwärtigen Regietheater ist zu registrieren: Nabuccos Tochter Fenena, die den Hebräer Ismaele liebt und deshalb als Verräterin sterben soll, nimmt einmal ein Bad und bestätigt damit die Erkenntnis, dass heutzutage in jeder Inszenierung, die etwas auf sich hält, eine Wasserstelle irgendwelcher Art unbedingt vorhanden sein und genützt werden muss.

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Fenena (Monika Bohinec) nimmt ein Bad. Foto: Oper im Steinbruch/ Jerzy Bin

Der Steinbruch ist, darin stimmen Regisseur, Bühnenbildner und Intendant in diversen Presseaussendungen durchaus mit Recht überein, einer der zentralen Protagonisten dieser Aufführung. Das Wichtigste ist und bleibt aber natürlich die Musik, die unter der Leitung von Alvise Casellati am Pult des famos aufspielenden Piedra Festivalorchesters zum Klingen gebracht wird. Große Gefühle – Liebe, Leidenschaft, Eifersucht und Rache, Machtgehabe und Freiheitsdrang, alles findet sich, von Giuseppe Verdi genial eingefangen, hier melodisch einprägsam und rhythmisch mitreißend ausgedrückt. Kein Wunder, dass dieses Werk Verdi zum Durchbruch als Opernkomponist verholfen hat. Sein eigenwilliges musikdramatisches Genie ist nicht mehr zu überhören, Anklänge an seine Vorgänger Rossini, Bellini und Donizetti aber durchaus noch vorhanden. Lobend zu erwähnen ist die elektronische Verstärkung, die optimal ausbalanciert und abgestimmt ist, so dass der Zusammenklang zwischen Orchestergraben, wo sich seitlich auch der von Walter Zeh geleitete, fabelhaft singende Philharmonia Chor Wien befindet, und dem mit Mikroports ausgestatteten Gesangsensemble auf der Bühne wunderbar klappt (Sounddesign Volker Werner).

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Ekaterina Sannikova (Abigaille). Foto: „Oper im Steinbruch“/ Jerzy Bin

Die fünf im Mittelpunkt stehenden Protagonistinnen und Protagonisten ist top besetzt, was auch bei einer sommerlichen Freiluftaufführung selbstverständlich wichtig ist, aber nicht immer eingehalten wird, wenn etwa nur zwei zugkräftige Stimmen aufgeboten werden und der Rest unter ferner liefen firmiert. Hier singen alle auf Augenhöhe, keine Stimme fällt negativ aus dem Rahmen. Auch darstellerisch wird durchwegs hohe Qualität geboten.

Erfreulicherweise befinden sich auch Neuentdeckungen darunter. Ekaterina Sannikova, der die hochdramatische Partie der von unstillbarem Ehrgeiz angetriebenen Abgaille anvertraut ist, betört mit einem in der Höhe stimmsicheren Sopran, der auch in den tiefen Lagen zu überzeugen weiß. Auf den weiteren Weg dieser jungen, in der Ukraine geborenen und in St. Petersburg auch als Schauspielerin ausgebildeten Operalia 2021 Gewinnerin darf man gespannt sein.

Weitgehend noch immer unbekannt hierzulande ist auch der amerikanische Bariton Lucas Meachem, der in der Titelpartie seine kernige, mit anschmiegsamen Ecken versehene Stimme kraftvoll verströmen lässt, sich als – vorübergehend – gebrochener Mann aber auch zurückzunehmen versteht. Sein erster Auftritt in Österreich, gleichzeitig sein Rollendebüt als Nabucco, lässt nachvollziehen, wieso dieser Sänger bereits 2016 für seinen Leistung als Figaro in einem Opernpasticcio mit einem Grammy ausgezeichnet wurde.

Schon bewährt als Fenena ist Monika Bohinec, die diese Rolle an der Staatsoper, deren höchst angesehenes Ensemblemitglied sie ist, bereits öfters gesungen hat. Ihr in allen Registern ausgewogen klingender Mezzosopran ermächtigt sie zu erfolgreichen Ausflügen in stimmlich höhere Regionen. Wie immer ist es ein Genuss, diese Sängerin/Darstellerin auf der Bühne zu erleben.

Ebenfalls dem Staatsopernensemble angehörig ist der chinesische Tenor Jinxu Xiahou, der am 17.6.20 an der Seite von Domingo sein Debüt als Ismaele gegeben hätte sollen. Corona-bedingt ist es nicht dazu gekommen. Sein nunmehriger erster Auftritt in dieser Rolle liefert einen weiteren Beweis für seine breit einsetzbare, helle, durchschlagskräftige Tenorstimme. Zuletzt im Haus am Ring als Nemorino und Cassio im Einsatz, zeigt er, dass er auch dieser fordernden Rolle durchaus gewachsen ist.

Ein donnernder, mahnender und unbeirrbar auf Gott vertrauender Zaccaria ist Jongmin Park. Sein mächtiger mit samtigem Timbre verleiht dem geistlichen und politischen Führer der Hebräer Autorität und Würde.

In Nebenrollen treten noch Ivan Zinoviev (Oberpriester des Baal), David Jagodic (Abdallo) und die sympathische junge Wiener Sängerin Amélie Hois (Anna) rollendeckend  auf.

Starker Applaus für das Ensemble und das insgesamt ebenfalls erfolgreiche leading team. Vorstellungen noch bis 14.8. Wer eine davon besuchen und mit dem Auto fahren will, braucht Zeit und gute Nerven. Die Fahrt von St. Margarethen Ortsbeginn bis zu den gefüllten Parkplätzen beim Steinbruch dauerte am Tag der Premiere 40 Minuten.

 

 

 

 

 

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