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ST. GALLEN/ Theater/ UM!BAU: Missy Mazzoli: BREAKING TH WAVES.  «She tried to be a good girl». Europäische Erstaufführung

27.09.2021 | Oper international

Missy Mazzoli: Breaking the Waves • Theater St.Gallen im UM!BAU • Vorstellung: 26.09.2021

 Europäische Erstaufführung

 (2. Vorstellung • Premiere am 18.09.2021)

 «She tried to be a good girl»

Der neue Operndirektor von Konzert und Theater St.Gallen beginnt seine Amtszeitmit einem Ausrufezeichen. Als erste Produktion hat er nicht ein populäres Repertoirestück ausgesucht, sondern bringt die am 22. September 2016 in der Opera Philadelphia uraufgeführte Oper in drei Akten «Breaking the Waves» der zeitgenössischen amerikanischen Komponistin Missy Mazzoli (*1980) als Europäische Erstaufführung. Der Vorschlag, aus dem Film Lars von Triers eine Oper zu machen, stammt vom Librettisten Royce Vavrek. Als Missy Mazzoli Composer in Residence der Philadelphia Opera war, schlug ihr Vavrek das Projekt in einer New Yorker Bar vor.

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Foto © Edyta Dufaj

Die Handlung von «Breaking the Waves» spielt in den 1970er-Jahren auf der Isle of Skye. Bess McNeill ist Mitglied einer konservativen Kirchengemeinde, die Neugier, Phantasie, Musik, Lebenslust, Offenheit und Empathie zu unterdrücken versucht. Das Leben auf der Insel ist geprägt vom regelmässigen Tod der Männer durch das Meer, das ihre Lebensgrundlage bildet. Die neu in Betrieb genommene Bohrinsel bringt nun «Aussenseiter» auf die Insel und Bess heiratet nun, trotz der Skepsis der Gemeinde, einen der Arbeiter. Als ihr Mann dann zurück zur Arbeit auf die Bohrinsel muss, erleidet Bess einen Nervenzusammenbruch. In intensiven Gesprächen mit Gott sucht sie Trost und Halt und hofft, er könne ihr den Mann zurückbringen. Auf der Bohrinsel erleidet Jan einen schweren Unfall und wird nach Skye ins Krankenhaus geflogen. Bess gibt sich die Schuld an Jans Unfall. Nach dem Unfall ist Jan weitgehend gelähmt: Trauer und Ekel über den Verlust seiner Männlichkeit nehmen Besitz von ihm. Rasch löst aber die Sorge über Bess Zukunft diese Gefühle ab: Jan ist sich bewusst, dass er Bess weder wirtschaftlich noch körperlich eine Zukunft bieten kann. So versucht er Bess zu ermutigen, mit anderen Männern zu schlafen: Die Berichte über ihre Erlebnisse sollen ihre nicht mehr mögliche körperliche Beziehung ersetzen. Ein misslungener Suizidversuch Jans bringt Bess dazu, seinen Wunsch umzusetzen. Ihre Aktivitäten bleiben der Gemeinde nicht verborgen und so wird sie ausgeschlossen. Umso entschlossener versucht sie Jan, dem es nach einem Herzstillstand allmählich besser geht, zu retten: auf einem Frachtschiff wird sie misshandelt und vergewaltigt. Bess erliegt ihren tödlichen Verletzungen, Jan ist wieder genesen. Ihre Oper, so Mazzoli, handelt von der Selbstverwirklichung der Frau und ihre vernichtende Gefährdung durch patriarchalische Güte. Bess scheitert an ihrer Selbstverwirklichung: «I tried to be a good girl.»

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Foto © Edyta Dufaj

Die Partitur zu dieser äusserst intensiven Oper umfasst neben «klassischen» melodischen Dialogen zwischen Orchester und Solisten an sinfonische Filmmusik erinnernde Episoden, laute orchestrale Klänge, gälische Psalmen wie auch Geräusche (so des Helikopters, der von und zur Bohrinsel fliegt). Der Herrenchor des Theaters St.Gallen (Choreinstudierung: Franz Obermair) und das Sinfonieorchester St.Gallen unter Leitung von Modestas Pitrenas setzen die Partitur klanggewaltig um.

Die fast leere Bühne die der Regisseurin Melly Still als Einheitsbühnenraum: lediglich ein Wasserbecken auf der Hinterbühne, dessen Bewegungen gefilmt und auf die Leinwand übertragen werden, ist die ganze Zeit über präsent. Das zweite wichtige Element der Ausstattung (Ana Inés Jabares-Pita) ist eine Telefonzelle. Sie dient Bess als Verbindung zur Aussenwelt. Mit weiteren Versatzstücken wie Kirchenstühlen oder Spitalmobiliar wird jeweils die situative Atmosphäre geschaffen. Malcolm Rippeths Lichtgestaltung krönt die ideale szenische Umsetzung, in der drei Tänzerinnen (Swane Küpper, Emily Pak und Elenita Queiroz) die Szenerie beleben.

Vuvu Mpofu als Bess McNeill und Robin Adams als Jan Nyman gelingt eine emotional höchst intensive Umsetzung der Hauptrollen. Mit bewundernswerter Bühnenpräsenz und kaum versiegender stimmlicher Energie nehmen sie den Zuhörer mit in eine andere Welt. Genauso intensiv gestalten Jennifer Panara und Claude Eichenberger die Dodo McNeill und die Mutter (Mother). Christopher Sokolowski lässt sich als erkältet ansagen. Justin Hopkins als Terry, Kristján Jóhannesson als Sadistic Sailor, David Maze als Council Man und Cristian Joita als Young Sailor ergänzen das Ensemble.

Ein bewegender Abend!

Weitere Aufführungen: 29.09.2021 um 19.30, 24.10.2021 um 17.00 und 05.11.2021 um 19.30.

27.09.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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