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SPIEGLEIN, SPIEGLEIN

03.04.2012 | FILM/TV

Ab 6. April 2012 in den österreichischen Kinos
SPIEGLEIN SPIEGLEIN – DIE WIRKLICH WAHRE GESCHICHTE VON SCHNEEWITTCHEN
Mirror, Mirror  /  USA  /   2012
Regie: Tarsem Singh
Mit: Julia Roberts, Lily Collins, Nathan Lane, Armie Hammer u.a.

Wie uns die Literaturgeschichte überzeugend versichert, zählen Märchen zum großen Mythenschatz der Weltliteratur, und es ist nicht nur bequem, sondern auch sinnvoll, sie immer wieder zu paraphrasieren. Schneewittchen –das ist die Geschichte der Prinzessin, die zu den Outcasts (sprich: Zwergen) flüchten muss, weil es der bösen Stiefmutter so gefällt. Glücklicherweise taucht – im Märchen immer, im Leben nicht so oft – der Prinz auf, der alles ins rechte Lot rückt: Hochzeit mit der Prinzessin, Eliminierung der Bösen. Im Grunde läuft es auch in „Spieglein, Spieglein“ so, aber dennoch hat sich       der indische Regisseur Tarsem Singh, der hier eines der berühmtesten Grimm-Märchen verfilmt, eine Menge neuer Nuancen ausgedacht. Der rote Faden, der die Geschichte durchzieht, ist übrigens eine höchst heutige Ironie – und die wirkt prächtig. Ganz abgesehen von der opulenten Ausstattung, die altmodischen Geschmäckern wahres Vergnügen vermitteln wird.

Der Titel mit dem „Spieglein“ an der Wand verweist darauf, dass sich die Akzente hier verschieben. Nicht das Schneewittchen ist die alleinige Heldin des Geschehens, sondern die böse Königin rückt in den Vordergrund, sprich: Julia Roberts. Die Dame, scheint mir, hat Humor, denn im Grunde spielt sie genau das, was Julia Roberts (satte Mitte 40 – kein Alter und doch, in Hollywood!) privat auszutragen hat: Dass man einst die jüngste, schönste, einzigste, berühmteste, begehrteste war… und dass nun die anderen nachrücken. Wie man da seine Stellung halten kann, das ist noch nicht erfunden, denn den Kampf gegen die Zeit hat noch kein Menschenwesen gewonnen. (Auch wenn sich die Königin einer Schönheitskur unterzieht, bei der es einem nur schaudern kann… Details seien ausgespart, man grause sich individuell in dieser Szene.)

Immerhin – Julia sieht noch immer ravissante aus, wenngleich die pompösen, grellen Königinnen-Gewänder, das akkurat geschminkte Gesicht schon etwas von ironischer Deutlichkeit ausstrahlen. Die Dame ist nun nicht nur nach wie vor sehr gut aussehend, sondern auch – fies. Fieser geht es nicht. Wie verächtlich sie von ihrem Volk spricht! Wie sie ihr Personal behandelt! Und gar die schwarzhaarige, scheinbar naive Stieftochter! Dass da irgendwann der Mordbefehl ergehen muss, ist klar. Denn das Spieglein, das die Königin zwar nicht mit den berühmten Worten befragt und das ihr nicht ihr Konterfei, sondern ihr glanzloses Alter Ego zeigt, macht klar: Mit dieser Konkurrenz kann man nicht leben… Besonders in der englischen Originalfassung sind die süffisant-giftig-zynisch-skrupellosen Texte der Julia Roberts wunderschön, und sie zischt sie geradezu lustvoll hinaus. Nein, den Fehler macht sie nicht, dass sie sich gar zu ernst nähme. Die Dame ist noch immer voll da, sie ist brillant, das ist ihr Film. Die böse Alte kann noch siegen.

Dabei steht ihr als Schneewittchen gar kein Leichtgewicht gegenüber: Die 22jährige Lily Collins (Tochter von Pop-Star Phil) gibt sich als großäugige, schwarzhaarige Schönheit keinesfalls naiv. Was sie betrifft, so macht der Film den großen Schwenk zur gegenwärtigen politischen Korrektheit: Das Töchterchen des verschwundenen Königs macht sich nicht nur auf den Weg zu ihren bettelarmen Untertanen, die für die Parties der bösen Königin mit Steuern ausgepresst werden, und stellt sich an deren Seite –mehr noch, sie integriert auch noch die sieben Zwerge, die Außenseiter, als ihre Gefährten in die Gemeinschaft. Edel, wirklich.

Außerdem zeigt es dieses Schneewittchen allen, die meinen, dass sie mit Frauen schlittenfahren können. Die sieben Zwerge, anfangs eine hochmütige Räuberbande, die sich auf Stelzen als Riesen ausgibt, steckt sie mit ihrem süßesten Lächeln in die Tasche, dem Prinzen zeigt sie, dass auch ein Mädchen fechten kann wie der Teufel – und als ihr die böse Stiefmutter, ganz am Ende als runzelige Alte verwandelt, den vergifteten Apfel anbietet, kann sie nur lachen: Auf so einen Dreh fällt doch dieses Schneewittchen nicht herein… Kurz, das ist ein Film für Erwachsene, die an solchen Umdrehungen Spaß haben können: Kindergemüter, denen man das Original vorgelesen hat (allerdings: Wer liest heute noch Grimm?), könnten verwirrt sein.

Armie Hammer ist der Inbegriff des glatten, gut aussehenden Gesichts, und wenn da nicht noch im Lauf der Zeit eine gewaltige Persönlichkeitsspritze dazu kommt, möchte man bezweifeln, dass er für das Prinzen- (sprich: Liebhaber)-Rollenfach interessant genug ist. (Als er die beiden empörten Zwillinge im „Face-Book“-Film „The Social Network“ spielte, hat er allerdings Talent erkennen lassen, das hier auch dann kaum überzeugt, wenn er als Verzauberter das Schosshündchen der bösen Königin hechelt.)

Reizend der geplagte Haushofmeister des Nathan Lane, nur peripher vorhanden (weil am Ende in die Menschengestalt zurück gezaubert) Sean Bean als König, und brillant die sieben Zwerge: Sie sind alle „echt“, und für ihresgleichen sind die Rollen in Filmen ja nicht so übertrieben dicht gesät. Dennoch meint man, jeden von einen schon gesehen zu haben, und keiner lässt es sich entgehen, einen ganz individuellen Charakter hinzustellen…

War’s am Ende ein Märchen? Eher eine amüsante Satire im Märchengewand. Und ein Film, von dem es später heißen wird: „Erinnerst Du Dich noch, wie herrlich Julia Roberts als böse Königin im ‚Schneewittchen’ herumgezickt hat?“

Renate Wagner

 

 

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