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SPANIEN

21.03.2012 | FILM/TV

Ab 23. März 2012 in den österreichischen Kinos
SPANIEN
Österreich  /  2012 
Regie: Anja Salomonowitz
Mit: Tatjana Alexander, Grégoire Colin, Cornelius Obonya, Lukas Miko u.a.

Wenn ein Film schon so viel Lob von der heimischen Filmkritik erhalten hat und er auserwählt wurde, die diesjährige „Diagonale“, Österreichs zu Recht stolzes heimisches Filmfestival zu eröffnen, macht man sich mit Einwänden vermutlich keine Freunde. Aber sie müssen wohl erlaubt sein.

Zuerst das Faktische: Die 35jährige österreichische Filmemacherin Anja Salomonowitz hat gemeinsam mit dem bulgarischen, in Österreich ansässigen Schriftsteller Dimitré Dinev das Drehbuch zu „Spanien“ geschrieben und dieses als ihren ersten abendfüllenden Spielfilm realisiert, nachdem sie in der Szene bereits einen Namen als Dokumentarfilmerin hatte.

Es ist ein Puzzle-Film mit vier gleichwertigen Hauptgestalten: Da begegnet man gleich zu Beginn nach einem Unfall irgendwo in Niederösterreich dem Mann, der aus dem kaputten Lastwagen kriecht. Was es mit diesem Sava auf sich hat, erfährt man erst später. Jedenfalls fragt er, als er praktischerweise einen Mann trifft, dessen Moped er wieder in Gang setzen kann, ob er in Spanien sei. Nein, Niederösterreich, meint dieser. Warum Spanien? „Die Menschen dort fürchten noch Gott, und wo man Gott fürchtet, kann man gut leben“, lautet die Erklärung. Aber der Flüchtling aus Moldavien ist erst einmal gestrandet, und glücklicherweise hat der Mann, der ihn aufgelesen hat, als Pfarrer in einer verfallenen Kirche eine Menge Handarbeit für den stillen, geschickten Arbeiter.

Der zweite Handlungsstrang fügt sich in den ersten: Magdalena, die Frau, die mit Restaurierungsarbeiten auch in der Kirche beschäftigt ist, verrät – wiederum ohne dass es ausgesprochen wird – eine Menge über ihre Probleme, bevor sie mit Sava ihr persönliches Happyend anstrebt: Ihr Ex-Gatte ist Fremdenpolizist, hat sie immer furchtbar behandelt (man sieht mehrfach die Riesennarbe auf ihrem Oberkörper), verfolgt sie immer noch.

Dieser Albert ist der Psychopath des Geschehens, was die anderen zu wenig sagen, spricht er zu viel. Warum der Hass gegen die Ehefrau in den Hass gegen die Migranten umgekippt ist, die er gnadenlos verfolgt, wird so wenig klar wie vieles andere in diesem Film.

Vor allem hängt die vierte Figur, der spielsüchtige Kranfahrer Gabriel (mit hilfloser Frau und zwei kleinen Kindern) absolut in der Luft, bis er am Ende für einen filmischen Gag sorgt – er ist es, der in dem Auto, das mutwillig mit dem Lastwagen  zusammen geprallt ist, den Tod gesucht hat, weil er das Problem seiner Spielschulden nicht anders bewältigen konnte.

Die Geschichte, sehr langsam erzählt, in bräunlichen Bildern von trostloser Großstadt und nicht viel tröstlicherer ländlicher Gegend, bleibt vage. Vielleicht ist es vornehm, die Aussagen schuldig zu bleiben – wir können uns selbst über das Schicksal von Sava den Kopf zerbrechen, der Mann, der für die Passage Moldavien – Spanien bezahlt hat und in Österreich hängen bleibt (wobei nicht jeder einen Pfarrer für Arbeit und Unterschlupf und eine Frau von Wert für die wahre Liebe findet). Immerhin verfügt Darsteller Grégoire Colin über eine Präsenz, die ihm ein Geheimnis gibt (und als er sich von den Schleppern das Geld zurückholt, das man ihm für die Reise abgeknöpft hat, zeigt er die kämpferischen Fähigkeiten eines Kriminellen).

Was man sich zu Magdalena denken soll (Tatjana Alexander ist sozusagen edel-schlicht und gelegentlich sehr betrübt), wird schon weit weniger klar, unglücklich verheiratet, ja, begabte Restauratorin und Ikonenmalerin, ja. Und?

Die aufdringlichste Figur ist jene des gewaltvoll überzeichneten Polizisten Albert: Cornelius Obonya muss nicht nur vor der Kamera pissen und onanieren, sondern sich mit aller penetranten, spekulativen Vordergründigkeit auch als aggressives Arschloch gebärden – wie aus einem schlechten Film, möchte man sagen.

Und irgendwie passt Lukas Miko als der tragisch-großäugige, spielsüchtige Kranfahrer (mit Stefanie Dvorak als verheulter Gattin) gar nicht ins Konzept.

Was immer Drehbuchautor und Regisseurin ihre Menschen tun lassen, es ist betont unecht, aufdringlich, pathetisch, absichtsvoll, tremolierend (wozu dann auch noch die Musik ihren Teil beiträgt). „Spanien“ als Land der Sehnsucht (wo man Gott fürchtet? wenn’s wahr ist) spielt außer für Sava, von dem man absolut nichts erfährt, keine Rolle. Die anderen Gestalten bleiben uninteressant oder so künstlich, dass man sie nicht als echt empfindet.

Und das ist das österreichische Repräsentationskino, mit dem man Festivals eröffnet? Welch ein Glück, dass wir einen Haneke haben, sonst müsste man an der heimischen Filmkunst, zumindest an diesem Beispiel, resignieren.

Renate Wagner

 

 

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