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SOMMER DER GAUKLER

13.06.2012 | FILM/TV

Ab 15. Juni 2012 in den österreichischen Kinos
SOMMER DER GAUKLER
Regie: Marcus H. Rosenmüller
Mit: Max von Thun, Lisa Potthoff, Nicholas Ofczarek, Erwin Steinhauer, Florian Teichtmeister u.a.

Ja, wenn dieser Emanuel Schikaneder nicht das Libretto zu Mozarts „Zauberflöte“ geschrieben hätte – wo wäre er heute in der Erinnerung der Nachwelt? Verweht wie zahllose andere, die sich in der wilden Theater-Wanderbühnen-Szene des 18. Jahrhunderts umtaten, so begabt und umtriebig viele von ihnen auch gewesen sein mögen. Aber dieser Schikander kreuzte die Wege von Wolfgang Amadeus Mozart, diese Begegnung schenkte der Welt ein unsterbliches Meisterwerk – und folglich ist 2012 auch ein „Schikaneder-Jahr“.

Er starb vor 200 Jahren in Wien. Er, nicht Mozart, ist durch die „Zauberflöte“ so reich geworden, dass er das Theater an der Wien bauen konnte, in das die Wiener heute noch mit Begeisterung hineingehen. Doch gestorben ist Emanuel Schikander vergessen und verarmt, auch ein Opfer der Wiener Intrigen, an denen zuvor schon Kollege Mozart so heftig gelitten hatte…

All das klingt nach einer tollen Geschichte, ist es auch, aber sie hat Regisseur Marcus H. Rosenmüller nicht interessiert, als er daran ging, zum Jubiläumsjahr einen Schikaneder-Film vorzulegen. Er nimmt sich eine kleine und mit Sicherheit fiktive Episode aus dem Jahr 1780 her, wo Emanuel Schikaneder mit seiner Wandertruppe auf holprigen Wegen durch Bayern in Richtung Salzburg reist und in einem kleinen Ort strandet – keine Aufführungserlaubnis in Salzburg, also im Nirgendwo warten, was nun?

Ja, und da ist dem Drehbuch (Robert Hültner, Klaus Wolfertstetter), das sich durch höhere Belanglosigkeit auszeichnet, nicht viel eingefallen. Wir erfahren, dass der Schikaneder kein Geld hat und die Schauspieler aufsässig sind (Neuigkeit!). Wir erfahren weiters – in Deutschland muss man die Dinge „politisch“ hinterfragen, und das ist natürlich richtig so – einiges über die Machtstrukturen in dem kleinen Ort, wo dann auch gleich die Bergarbeiter streiken: So richtig mit Schikaneder hat das absolut nichts zu tun, aber der Theaterkenner wird lächeln, wenn der Schauspieler im Kerker unsichtbar der Freundin des Rebellen als dieser süße Worte zuflüstert wie einst Cyrano de Bergerac in Vertretung von Christian der schönen Roxane… aber eine übertrieben interessante Pointe ist das auch nicht. (Kabarettist Maxi Schafroth spielt diesen Rebellen wider Willen Georg Vester, „Polizeiruf“-Anna Maria Sturm seine Babette, und mit diesem Handlungsstrang ist nicht viel los.)

Schikaneder muss im übrigen fürchten, sein treues Weibchen an einen Schauspieler-Rivalen zu verlieren, die Truppe zerbröselt sich, er führt mit dem Rest ein Stück auf (damit man sich vorstellen kann, wie Wanderbühnen-Schmiere damals aussah), Mozart taucht gelegentlich auf und der Wirt jammert immer um sein Geld. Das ist irgendwie dürftig, und wenn man die knapp zwei Stunden hinter sich gebracht hat, weiß man nicht so ganz, warum dies ein Schikander-Film sein soll. Eine Wald-und-Wiesen-Impression aus dem 18. Jahrhundert ist es geworden, die nicht wirklich interessiert.

Immerhin, Rosenmüller hat schön besetzt: Max von Thun glaubt man den feschen Strizzi und Hansdampf in allen Gassen, der sich durch seine windige Existenz lügt, lügt und lügt, und Lisa Potthoff ist eine so attraktive und verständnisvolle Gattin, wie sie sich jeder Mann (zudem, wenn er dauernd auf Seitensprünge aus ist) wünschen kann. Wie oversexed das Zeitalter war, zeigt nicht zuletzt eine Szene beim Diner eines Barons, wo es mit Füßeln beginnt und die einander bislang fremden Beteiligten durchaus unter den Tisch kriechen, um zur Sache zu kommen…

Man hat auf ein reiches Reservoire von österreichischen Schauspielern zurückgegriffen, die allesamt bestens besetzt sind: Erwin Steinhauer als reicher, betrügerischer und schleimischer Dorfkapazunder, gegen den die Arbeiter aufstehen, Nicholas Ofczarek als nicht unbedingt sympathischer Schauspieler-Rivale (aber wann wäre er das je, sympathisch nämlich), Fritz Karl in einer Episode als verschwenderischer Baron, Martin Weinek (dessen Gesicht aus dem „Kommissar Rex“ in Erinnerung ist) als schmieriger Wirt – und natürlich Florian Teichtmeister als Mozart. Dieser hat sich, den Eindruck wird man nicht los, Tom Hulce in dem „Amadeus“-Film genau angesehen, aber vielleicht kann man Mozart heute gar nicht mehr anders darstellen als den hyperaktiven kleinen Faun, dessen Genialität sich hinter einem Clown versteckte. In diesem Sinn erfüllt Teichtmeister die Nebenrolle mit Leben – wüsste man nicht, wer Mozart war, er fiele einem allerdings hier nicht sonderlich auf. Aber vielleicht war das so damals?

Wie war es damals? Sicher ist, dass man zu dem bunten Leben des Emanuel Schikaneder tausendmal Anderes und Interessanteres hätte erzählen können, als dieser Film es tut.

Renate Wagner

 

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