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SOFIA: DER RING DES NIBELUNGEN

04.07.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

SOFIA: Kurzbericht über den „Ring des Nibelungen“ in der Inszenierung von Plamen Kartaloff an der Oper von Sofia vom 22. bis 29. Juni 2013


Das Rheingold“ – die Rheintöchter. Foto: Victor Victorov

 Es war der Sommer 1970. Acad. Plamen Kartaloff, heute Direktor der Sofia Oper und Ballett, war in Bayreuth bei den Festspielen und hatte dort seine erste „Begegnung“ mit Richard Wagner, damals natürlich als Mitglied des Jugend-Festspieltreffens. Sie wurde ausschlaggebend für seine Berufswahl als Regisseur. Mit einigen Opern und einem Klavier wanderte er durch Bulgarien und machte Oper im Kleinformat. Es kam auch zu einer Kooperation mit dem Festival Amazonas de Opera (FAO) in Manaus/Brasilien. Nun, 40 Jahre später und nach langer Erfahrung mit über 100 Produktionen, erinnerte er sich daran zurück.

Der Gedanke, den „Ring“ in Sofia zu schmieden, beginnend mit dem „Rheingold“ im Jahre 2010, nahm Gestalt an. Immerhin hatte er schon 2009 die „Salome“ von Richard Strauss in Sofia gebracht. Bei einem Essen mit dem österreichischen Produzenten legte Kartaloff ihm damals seine Idee dar, ein eigenes neues Publikum zu kreieren, vor allem junge Leute, und mit einem konsistenten Repertoire. Gerade hatte „Das Rheingold“ in Wien Premiere, und so empfahl ihm der Österreicher, dieses Werk in Sofia zu bringen – man könne es als eine Geschichte für Menschen jeden Alters sehen. Eine schlaflose Nacht folgte, aber der Stachel saß tief – wie jener, den Wotan in seinem Dialog mit Erda im „Siegfried“ besingt… Immerhin hatte Wagner ihm ja die Inspiration für seinen Beruf gegeben.


Die Walküre“ – 3. Aufzug. Foto: Victor Victorov

 Also entschied Kartaloff: Nicht nur „Das Rheingold“ sondern die ganze Tetralogie! Und das nur mit bulgarischen Sängern und Sängerinnen, die schon länger gut das italienische und russische Repertoire sangen. So wählte er nach einem internen Wettbewerb die besten aus und fand in Richard Trimborn einen ausgezeichneten deutschen Experten und Coach für die SängerInnen und ihr Deutschverständnis. Er bekam auch die finanziellen Mittel, ließ adäquate Instrumente anschaffen und vertraute auf die ohnehin gute Qualität des Chores, des Balletts, der technischen Dienste und Werkstätten. Und so entstand nach 125 Jahren bulgarischer Operntradition der erste komplette „Ring“ auf dem Balkan. Und alle vier Stücke mit einheimischen Mitteln – eine wahrlich heroische Arbeit über vier Jahre!

 In einem Interview, das ich mit Plamen Kartaloff am Tag der „Götterdämmerung“ führte, wollte ich Näheres über das Zustandekommen dieses Erfolges wissen. Es stellte sich heraus, dass er einen Künstler für die szenischen Lösungen suchte, der kein Bühnenbildner war, also völlig vorurteilslos an diese ganz neue Aufgabe heranging. Er fand den kongenialen bulgarischen Maler Nikolay Panayotov, der ihm einige wenige universal und in immer neuen Variationen zu präsentierende Bühnenbild-Elemente entwarf, im wesentlichen einen großen, beliebig variationsfähigen bühnengroßen Ring, einen kegelförmigen Konus in vielen Ausführungen, und eine Art Mandorla – minimalistische Elemente, reduziert auf wesentliche symbolische Bedeutungen. Kartaloff setzt sie in ständiger Variation dramaturgisch ein, wobei Multimedia Design und Beleuchtung von Vera Petrova und Georgi Hristov eine ganz entscheidende Rolle spielen. Es gelingt ihm, mit den Bildern und Figurinen von Payanotov und dem facettenreichen Multimedia-Design in einer äußerst sehenswerten Produktion, den Mythos des „Ring“ mit einer nahe an Wagners Regieanweisungen operierenden Dramaturgie und ausgefeilten Personenregie mit großem Unterhaltungswert zu verbinden. Farbintensive und eindringliche Bilder, immer wieder von Retrospektiven durchsetzt, tun sich vor uns auf, vieles in dieser Form noch nie so gesehen. Selbst in bisweilen langatmig wirkenden Momenten verliert die Inszenierung nie an Spannung, Frische und Lebendigkeit. Und die Bilder stehen stets in engstem Kontakt mit der Musik. Warum das so war, offenbarte mir Plamen Kartaloff in unserem Gespräch. Er entwickelte ein Scoreboard mit dem Ziel, dass nie Langeweile aufkommen würde. Die visuelle Gestaltung im Rahmen dieses Scoreboards entwickelte er konsequent aus der Partitur heraus, wobei er nicht die geringsten Probleme beim Notenlesen hat – eine conditio sine qua non für eine solche Arbeit, nicht mehr selbstverständlich für heutige „Ring“-Regisseure… Kartaloff zeigt mir die „Ring“-Partitur voller Bleistiftanmerkungen Takt für Takt, sowie parallele Aufzeichnungen, wie die jeweilige Szene schließlich auf der Bühne optisch und dramaturgisch umgesetzt werden könnte. Dies ist das eigentliche Geheimnis der Arbeit dieses Regisseurs, die zum großen Erfolg der Produktion beim Publikum führte, obwohl es keine solch langen Opernaufführungen wie die drei Hauptwerke des „Ring“ bis dahin gewohnt war.


Siegfried“ – der Drachenkampf. Foto: Victor Victorov

 Unter der Stabführung des erfahrenen Detmolder „Ring“-Dirigenten Erich Wächter kam mit dem nicht gerade Wagner-erfahrenen Orchester ein gutes musikalisches Ergebnis zustande. Auch bei den bulgarischen SängerInnen gab es keine Ausfälle, die meisten gestalteten ihre Partien sehr versiert und emphatisch, viele sangen sie auch sehr gut. Einige Protagonisten empfahlen sich für größere, auch internationale Aufgaben. Wie stark der Teamgeist hier entscheidend am Erfolg beteiligt war, zeigt die Tatsache, dass das Orchester nach jeder der vier Aufführungen geschlossen auf die Bühne kam und mit dem gesamten Ensemble und dem Regieteam den Applaus entgegen nahm.

Eine ausführliche Rezension folgt in Kürze.

(Fotos in der Bildergalerie)

 Klaus Billand

Götterdämmerung“ – Mannenszene. Foto: Victor Victorov

 

 

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