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SLATIN PASCHA

01.06.2012 | FILM/TV

 

 

Ab 1. Juni 2012 in den österreichischen Kinos
SLATIN PASCHA – IM AUFTRAG IHRER MAJESTÄT
Slatin Pasha – On Her Majesty’s Service
Österreich / 2012 
Buch und Regie: Thomas Macho
Mit George Galitzine u.a.

Die Österreicher beanspruchen ihn immer noch, schließlich ist er in Ober St. Veit (damals noch nicht Hietzing, sondern ein Vorort von Wien) geboren und auf dem dortigen Friedhof begraben: Rudolf Slatin (1857–1932). Sein Abenteuerleben hatte er Afrika gewidmet – und das im Dienst der Briten. Zwölf Jahre vom Mahdi gefangen – das klingt romantischer, als es ist. Wie eine Figur, die Karl May erfunden hat. Aber er war real…

Filmemacher Thomas Macho – der selber in Penzing gerade zwei U-Bahn-Stationen vom Slatin-Ursprung entfernt wohnt – kam auf Grund einer Internet-Recherche zufällig auf Rudolf Slatin, dessen Popularität in der Nachtwelt seltsamerweise nicht so groß ist, wie er es verdiente. Er fand Slatins Enkel, einen englischen Maler namens George Galitzine, der mit offenbar großer Ambition bereit war, sich mit Macho in einer Reise im Sudan auf die Spuren des Großvaters zu setzen, mit „demselben Abenteuergeist und Optimismus, den Großvater gehabt haben muss“, wie er sagt (auf Englisch natürlich). Er weiß viel über Rudolf Slatin und erzählt mit Temperament und Begeisterung von ihm. Und ist unendlich glücklich, als er im Museum von Khartoum das Bild des Großvaters entdeckt – als Teil der Geschichte des Sudan…

Man sieht viel vom Sudan heute, und das macht einen großen Teil des Reizes des Films aus. Und die Filmemacher hatten ihre Probleme mit den bekannten Umständlichkeiten in Afrika, Warten auf alle möglichen Permits, aber man nützte die Zeit für Besichtigungen, etwa in Meroe, die Hauptstadt des legendären Reichs von Kusch, und Galitzine malte mit Begeisterung. Aber sie suchten nicht nur den Glanz der Vergangenheit, sondern auch das Elend von heute in Darfur, wo sich die Filmemacher direkt in die brodelnden  Probleme begaben, wenn einer ihrer Führer sich als ehemaliger „Kindersoldat“ entpuppt… Es ist ein gefährliches Land.

Wir sind in der Welt der Enkel – der Enkel von Slatin trifft den Enkel des legendären Mahdi (der in Oxford war genau wie Galitzine, wie die Herren im Gespräch feststellen), und sie versichern einander (überzeugt), welch großer Mann der jeweils andere Großvater war. Der Slatin-Enkel brachte Fotos mit, und der Mahdi-Enkel zeigt Fotos von sich und seinen Familienmitgliedern mit den Großen der Welt… Aber er erklärt auch die Leistung seines Großvaters (dessen pompöses Grabmal die Filmemacher besuchen) im Widerstand gegen die Engländer.

Daneben wird immer wieder mit alten Fotos auf die Lebensgeschichte des Sohnes eines jüdischen Seidenfärbers zurückgeblendet, der große Karriere machte – mit 22 wurde Rudolf Slatin in englischen Diensten der Gouverneur von Darfur, das heute eine der Höllen der Welt ist. 1883, im Alter von 26 Jahren, geriet Slatin in die Gefangenschaft des legendären Mahdi und überlebte die nächsten zwölf Jahre nur, weil er zum Islam übergetreten war – mehr aus Überlebensstrategie denn aus Überzeugung. „Man to man he liked the Mahdi very much“, erzählt seine Tochter.

Unter dessen Nachfolger wurde die Situation für Slatin wirklich schlimm. 1895 konnte er mit britischer Hilfe fliehen und nahm in der Folge in der englischen Armee den höchsten Rang ein, den ein Ausländer erlangen konnte – die Gunst von Queen Victoria inbegriffen. (Unter anderem, weil sie mit ihm Deutsch sprechen konnte, wie Slatins Tochter berichtet.) Er genoss, wie auch Zeitungsartikel zeigen, bei den Briten allerhöchste Achtung, wurde General und „Sir“. Der Erste Weltkrieg brachte ihn nach Österreich zurück, wo er in den Adel heiratete. Die einzige, 1916 geborene Tochter ist die Mutter der heutigen Enkel, und von der mittlerweile verstorbenen Dame gibt es auch noch Filmaufnahmen. Sie erinnert sich lebhaft, wie sie als kleines Mädchen mit dem Vater im Buckingham Palast beim König eingeladen waren… Rudolf Slatin starb 1932 an Krebs. Neben Egon Schiele ist er heute der prominenteste „Bewohner“ des Friedhofs von Ober St.Veit…

Faszinierend zwischen einst und heute changierend, weder die Vergangenheit noch die Gegenwart beschönigend, ebenso informativ wie pittoresk, ist das das Musterbeispiel einer spannenden Dokumentation, die sich mit Respekt und Liebe auf die Suche nach einem besonderen Menschen begibt. Was für ein Filmheld wäre dieser Rudolf Slatin! Das Leben schreibt doch die unglaublichsten Geschichten.

Renate Wagner

 

 

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