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SIMON

24.06.2012 | FILM/TV

 

Ab 29. Juni 2012 in den österreichischen Kinos
SIMON
Simon och ekarna  /  Schweden, Dänemark, Deutschland, Norwegen / 2011
Regie: Lisa Ohlin
Mit: Bill Skarsgard, Jan Josef Liefers, Helen Sjöholm, Stefan Gödicke u.a.

Die unbewältigte Vergangenheit des Zweiten Weltkrieges ist nicht nur die der Deutschen und Österreicher, die mittlerweile auch künstlerisch einiges getan haben, dies aufzuarbeiten. Auch die anderen Nationen Europas waren betroffen, ob sie es wollten oder nicht, und alle hatten ihre eigenen Schicksale – und ihre eigenen Verhaltensweisen den Juden gegenüber. Die Holländer, die Franzosen haben das in bemerkenswerten Filmen gestaltet. Nun gibt es diese All-skandinavische Großproduktion, die sich einen Roman der schwedischen Bestseller-Autorin Marianne Fredriksson vornimmt. Darin überleben zwar die betroffenen Juden das Dritte Reich – aber dennoch ist die Geschichte von Simon, Isak und Ruben kein Ruhmesblatt für ihre Landsleute.

Simon lebt in Schweden am Lande, an einem See, mit den Menschen, die er für seine Eltern hält: Man begegnet ihm als Kind, der Junge, der anders ist als die anderen, sehr zum geradezu aggressiven Ärger seines Vaters Erik (großartig: Stefan Gödicke). Simon sitzt unter einem Baum, zu dem er ganz besondere Beziehung entwickelt hat (mit dem er spricht und sich austauscht) – und liest. Wenn Erik, der Handwerker (Tischler und Schiffbauer) ihm beibringen will, wie man sich schlägt, sieht Simon das absolut nicht ein. Er will nur lernen und liebt die Musik…

Erik und seine Frau Karin (phantastisch: Helen Sjöholm) wissen natürlich, warum das so ist: Simon ist der hoch begabte Sohn der verstörten Schwägerin aus deren Affäre mit einem deutschen Juden. Erst viel, viel später wird man es dem Jungen sagen – und ihn dann in die schlimmste Identitätskrise zu stürzen.

Doch lange Zeit spielt die Geschichte 1939, Simon ist noch ein Junge, und in der Eliteschule, die Erik zähneknirschend zahlt, begegnet er Isak, der von den Mitschülern als „Jude“ gemobbt wird. Sein Vater, der Buchhändler Ruben (eine große Rolle für Jan Josef Liefers) ist von Deutschland nach Schweden geflüchtet. Seine Frau reagiert mit Hysterie auf die Situation, so kommt Isak eine zeitlang bei Erik und Karin unter. Und Ruben wird ein Teil der Familie – sehr zu Eriks Zorn, der den „ganz normalen Antisemitismus“ des schlichten Mannes hier auslebt, die Abneigung gegen die Intellektuellen, die Abneigung gegen die Reichen, die Abneigung gegen die „Anderen“…

Als die Geschichte 1945 weitergeht, sind Simon und der nun in den Hintergrund tretende Isak (Karl Linnertorp) junge Männer, der wunderbare Bill Skarsgard übernimmt die verstörte Titelfigur, und das Judenproblem kommt auch in Gestalt der jungen Iza wieder(die Deutsche Katharina Schüttler, die im deutschen TV einst die Frau von Reich-Ranicki gespielt hat): Sie hat Auschwitz überlebt und findet keinen Boden mehr unter den Füßen…

Es ist schon sehr „romanhaft“, wie Simon von seiner Herkunft hört, mit Ruben in Deutschland seinen Dirigenten-Onkel aufsucht (der Vater ist erst vor kurzem gestorben – tragische Vergeblichkeit, dass man ihm seine Identität nicht früher geoffenbart hat), endlich „sich selbst findet“, in seiner Liebe zur Musik seine Bestimmung erkennt. Wo der Film von Regisseur Lisa Ohlin bei aller schlichten Schilderung des Alltags doch die Schärfen nicht vermissen ließ, beginnt es am Ende leider so ziemlich zu triefen.

Freilich, wunderschöne Landschaft hat sie immer schon zelebriert, bewusst poetische Bilder in gekonnten Überblendungen über die Leinwand gejagt, die durchaus etwas Pathetisches an sich haben. Dennoch – hier wird gezeigt, was einstmals war, und die Menschen werden nicht frei gesprochen.

Renate Wagner

 

 

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