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SHAME

07.03.2012 | FILM/TV

 

Ab 9. März 2012 in den österreichischen Kinos
SHAME
Regie: Steve McQueen
Mit: Michael Fassbender, Carey Mulligan u.a.

Jeder Mensch hat ein Geheimnis. Vielleicht nur ein kleines, Ängste, die man nicht zeigt. Vielleicht ein großes, Verbrechen, vor deren Aufdeckung man sich fürchtet. Oder Süchte, die von einer Persönlichkeit Besitz ergreifen können bis zu deren erschreckender Veränderung – und dabei leben solche Menschen wie gänzlich „normal“ unter den anderen und hüten in Einsamkeit ihr Geheimnis.

Wie Brandon, der ganz scheinbar normale Geschäftsmann, ein eleganter, gut aussehender Mann mit Waschbrettbauch, mit seiner coolen Ausstrahlung Objekt der Begierde von Normalfrauen, nur ein bisschen unzugänglich… was den Reiz am Ende noch erhöht. Aber dieser Brandon kann nicht „normal“ kommunizieren: Er ist nämlich sexsüchtig, und das macht den Umgang mit Normal-Frauen nahezu unmöglich. Ein Besessener mit einem Drang, dessen er nicht Herr werden kann. Es ist eine Krankheit der Seele, die Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus ihm macht.

Michael Fassbender spielt diesen Brandon, und seine Leistung übertrifft alles, was die heuer „Oscar“-Nominierten gezeigt haben. Aber nein, für ein solches Borderline-Meisterstück – das auch noch beinhaltet, dass der Darsteller in aller Selbstverständlichkeit der Situation immer splitterfasernackt erscheint – wird man selbst in liberalen Zeiten nicht für den höchsten Darstellerpreis nominiert. Das ist zu – peinlich. Und tatsächlich empfindet man als Zuschauer manchmal fast Unbehagen, weil man einem Menschen so nahe kommen kann, wie Fassbender es zulässt. Er zieht sich in jeder Hinsicht aus, lässt uns die Fassade sehen und die schrankenlose Verzweiflung darunter, wenn man ihm nicht nur beim Pinkeln und Vögeln zusieht (das ist das einfachste Wort für den eisigen Sexualakt, den er ohne Empathie, nur zur Befreiung von Druck vollzieht), sondern auch beim Onanieren, bei Orgasmen, bei verbalen Schmutztiraden, die er nicht zurückhalten kann, wenn er eine Frau in einer Bar anspricht – das scheint Amerika immer noch zu überfordern. Das ist zu nah, das ist zu echt, das ist zu wahr. Egal, mit welcher absoluter Selbstaufgabe diese Rolle gespielt wird.

Wobei sich sogar das Gesicht von Fassbender verändert – der coole Geschäftsmann im Büro ist ein anderer als jener, der durch die Unterwelt zieht, um zu seinen Erregungen und Erleichterungen zu kommen… um gleich wieder zu erstarren. Innerlich, in seiner Einsamkeit, äußerlich zu seiner verbindlichen gesellschaftlichen Maske.

Der Film des englischen Regisseurs Steve McQueen, der Spiegeleffekte liebt, die stark und hintergründig wirken, ist nicht handlungsreich: Brandon mit Huren, Brandon bei dem Versuch scheiternd, eine normale Beziehung mit einer Bürokollegin einzugehen, schließlich Brandon und seine Schwester, die ungefragt bei ihm einzieht, seine selbst gewählte Einsamkeit stört und nicht nur eine Nervensäge, sondern ebenso kaputt ist wie er: Carey Mulligan ist ideal, weil man ihm nachfühlen kann, wie sehr sie ihm auf die Nerven geht, wie sehr diese Menschen, die ihren Mitmenschen die Verantwortung für das eigene verfehlte Leben aufdrücken, eine Belastung darstellen…

Am Ende hat dieser Film eine Betroffenheit erzeugt, wie man sie selten erlebt hat. Weil man Brandon im höheren Sinn versteht. Er ist nicht ohne Erkenntnis: Scham ist das Grundmotiv, das diesen Charakter treibt. Fassbender hat in der Darstellung dieser Figur Grenzen überschritten, wie es nur wenige Schauspieler imstande sind. An Ende bleibt offen, ob er – wie es seine Gewohnheit ist – den körpersprachlichen Begierde-Signalen, die er wieder einer Frau in der U-Bahn sendet, folgen wird… Nur eines ist klar: Das ist kein billiger, triefender Film für Sex-Voyeure. Das ist ein Psychogramm, eine fast klinische Studie von höchstem Niveau.

Renate Wagner

 

 

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