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SERGEIJ TANEYEV: ORESTEIA – Die russische „Elektra“

12.10.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

oresteia  SERGEIJ TANEYEV: ORESTEIA – Die russische „Elektra“ als einzigartge Opernrarität harrt der Bühne  / Melodiya Wiederveröffentlichung 2 CD

Nach einer alten LP Edition durch die Deutsche Grammophon liegt nun der sorgfältig restaurierte Mitschnitt dieses mit nichts zu vergleichenden Opernwunderwerks in drei Teilen durch die weißrussische Staatsoper Minsk aus den 60-Jahren wieder zur Entdeckung auf. Wann ward eine russische Oper auf ein Libretto basierend auf einer antiken Vorlage, nämlich auf Aischylos’ Orestie, gehört geschweige denn gesehen? Sollte aber. Denn die im Gefolge von Wagner und Tchaikovsky durchkomponierte Oper strotzt trotz der oratorienhaften Grundstimmung nur so vor expressiven Klangtürmen, ins fein durchdachte Libretto des Aleksey Venkstern, gesetzt wie Gold auf die Zwiebeltürme Moskauer Kathedralen.

Anders als in Strauss genialem Einakter, der allerdings die komplexe Atriden-Saga auf Elektras Rache fokussiert, bietet Taneyevs Version in drei Teilen (Agamemnon, Die Choephoren, Die Eumeniden), über Elektras Geschichte hinaus (es gibt aber auch eine berührende Erkennungsszene), im ersten Teil einen grandiosen Monolog der Cassandra, und sehr viel rund um die Tragödie Klytämnestras, die sowieso im Zentrum der gewaltigen Musikdramas steht. Im dritten Teil lässt Taneyev auch Aischylos’ Beispiel folgend Apollo, Pallas Athene und die Furien auftreten. Wie überhaupt in der Lesart der 1894 vollendeten Oper ähnlich wie in der frz. Grand Opera dem Chor eine eminente Rolle zukommt. Das hat einige Kommentatoren dazu veranlasst, die Oresteia  in ihrer Einzigartigkeit mit Berlioz Trojanern zu vergleichen, wiewohl musikalisch rein nichts auf frz. Vorbilder weist.

Die Oper hat gar prominente Geburtshelfer, als da waren ein Zuspruch spendender Tchaikovsky, der sogar die Uraufführung der Ouvertüre dirigiert hat und Rachmaninov, der bei der Erarbeitung des Klavierauszugs mit Hand anlegte. Taneyev, der vier Jahre lang das Moskauer Konservatorium leitete, war Lehrer von Scriabin, Rachmaninov, Medtner, Gretchaninov, um nur einige zu nennen.

Sein Kompositionsstil orientiert sich in wenig an Wagners Leitmotivtechnik, die die Oper melodisch und strukturell gliedert. Das Duett Klytämnestra uns Aegisth hat beinahe die Intensität der Ortrud-Telramund Szene. Eine moralische Komponente von Gut und Böse teilt nicht nur das musikalische Material, sondern sorgt am Ende der Oper dafür, dass Apollo als Symbol des Sieges des Guten schlussendlich den Fluch vom Hause der Ariden nimmt, die Furien aus dem Tempel verbannt und Orestes von ihrer Verfolgung schützt.

Die nun endlich wieder auf CD erhältliche weißrussische Aufführung von Taneyevs Oper ist sowohl in künstlerischer Hinsicht als auch klangtechnisch herausragend. Die Dirigentin (!) Tatiana Kolomiytseva sorgt für eine hohe Innenspannung und den idiomatisch richtigen Ausdruck, die dunklen Töne kulminieren in den großen Chorszenen in antikischer Wucht. Ausnahmslos alle Solisten (Victor Chernobaev, Lydia Galushkina, Anatoly Bokov, Nelli Tkachenko, Tamara Shimko, Ivan Dubrovin, Arkady Savchenko, Ludmilla Ganestova, Stanislav Fronoff, Mikhail Pushkariev) verfügen über riesige expressive slawische Stimmen, die manchmal rauer und ungeschliffener klingen als das jetzt der (oft leider allzu glatte) Maßstab ist, aber alle gehen unter die Haut und machen das Drama so recht spür- und erfahrbar. Gänsehaut garantiert. Chor und Orchester der weißrussischen Staatsoper lassen keine Wünsche offen.

Man kann nur hoffen, dass viele Operndirektoren und Chefdramaturgen diese Aufnahme hören und sich von den Qualitäten dieser wahrlich russischen „Elektra“ überzeugen lassen. Nicht alle Ende 19. Jahrhundert Opern, deren Wiederbelebung dankenswerterweise da und dort versucht wird, können mit Taneyevs einzigem Opernwurf mithalten. Der Mitschnitt ist aber auch Zeugnis der unglaublich hohen musikalischen Qualität, die damals nicht nur in Minks Standard gewesen sein dürfte.

Anhören und staunen!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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