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SCHWETZINGEN/Festspiele: WILDE von Hector Parra. Uraufführung

23.05.2015 | Oper

Schwetzinger Festspiele: „Wilde“ von Hector Parra,  UA 22.5.2015


Ekkehard Abele. Foto: Hans Jörg Michel

 Der katalanische Komponist H.Parra wurde zum 1.Mal mit einer Oper bei den Schwetzinger Festspielen betraut. Nach einer Residenz beim Pariser IRCAM  legte er mittlerweile einige (Kammer-)Opern vor, eine davon wurde auf der Münchner Biennale gespielt. Als Libretto wurde ein Text des Österreichers Händl Klaus gewählt, der mit „Bluthaus“ (2011) und ‚Thomas‘ (2013) , beide mit der Musik von Georg Friedrich Haas, bereits zur Vertonung stand.

„Wilde“ handelt von einem Arzt, der bei ‚Ärzte ohne Grenzen‘ in Moldavien praktiziert hatte und nun auf der Rückfahrt zu seinen Eltern nach Bleibach ist. Er steigt aber, von der langen Reise erledigt, zu früh aus dem Zug und trifft in Neumünster a.d. Lau auf die Brüder Emil und Hanno Flick, die ihn überzeugen wollen, nicht weiterzufahren, sondern bei ihnen die Nacht zu verbringen. Es ergeben sich absurde, in Gewalttätigkeiten ausartende Situationen mit den durchgeknallten Brüdern, und auch der junge Arzt erweist sich als schwer traumatisiert. Brutal und absurd geht es auch an einer Tankstelle zu, wo sie den Tankwart, der später auch als der Vater der Brüder auftaucht, niederschlagen. Als  Hanno und Emil Wasser an der Lau holen gehen, bleibt der Arzt mit den Schwestern Angela, Hedy und Iris Flick allein, die den Gast bedrängen, der sich dabei mit einem Messer verletzt und von den ehemaligen Krankenschwestern mit Jod behandelt wird. Gunter aus Bleibach bleibt bei dieser Restfamilie, deren Mutter sich am Elektroherd schon getötet hat.

 Hector Parra hat dafür eine sehr sensible, einfühlende Musik komponiert, die die makabren Situationen gut auslotet, so etwa zu Beginn, wenn Gunter in weiten Tonabständen eher markant singend von Moldavien erzählt, während die Brüder, besonders Emil, ein Countertenor, in aberwitzigen Melismen und Koloraturen zu singen haben. Das setzt sich später wie spiegelverkehrt bei den Damen fort.

Die Oper bewegt über weite Strecken in atonalen Gefilden, seltener ergeben sich tonale Inseln, die die auch in etwas kryptische Zitate bekannter Komponisten münden können. Das RSO Stuttgart unter der bewährten Leitung von Peter Rundel spielt diese schwierige, weit aufgefächerte Partitur mit gutem Gespür und läßt die Oper dadurch auch musikdramatisch spannend erscheinen.

 Calixto Bieito ist mit seinen Mitarbeiterinnen Susanne Gschwender/Bühne und Sophia Schneider/Kostüme selber für Regie, Bühne und Lichtdesign verantwortlich. Der spanische Regisseur setzt ganz auf die dramatisch in Szene gesetzten teils nackten Körper seiner Darsteller. Dazu hat ihm S. Gschwender ein dreistöckiges rohgezimmertes ‚langschiffiges‘ Haus gebaut, das von der Bühne über den Orchestergraben in den Zuschauerraum schräg hineinragt. (Das Orchester spielt dahinter halb sichtbar.) Die oberen Stockwerke sind nur über Leitern erreichbar. Die Gewalttätigkeiten werden von Bieito nur in abgedämpfter Form gezeigt. Zuletzt stehen fast alle mit blutverschmierten Mullbinden da, die eine der Krankenschwestern auch unter ihrem Kleid trägt, die andere tritt in High Heels und hautengem Kleidchen auf. Hier ergeben sich auch erotisch aufgeladene Situationen. 

 Den Vater und den ‚Tankwart‘ gibt sehr eindringlich der Schauspieler Ernst Alisch. Mireille Lebel singt sie Angela Flick mit gut prononciertem Mezzo, am innigsten zusammen mit dem Gunter, Ekkehard Abele. Marisol Montalvo führt als Hedy Flick einen ganz markanten klangreichen Sopran ins Treffen und geriert sich dabei auch am verführerischsten. Lini Gong kann als Iris mit einem fast jugendlich dramatischen Sopran überzeugen und führt das Ensemble glutvoll an. Die Brüder Hanno, der Tenor Vincent Lievre-Picard, und Emil Flick, der Counter Bernhard Landauer, agieren völlig verstört, wobei der Tenor aber der Verhaltenere erscheint. Stimmlich sind sie dabei auf einem guten Level. Ekkehard Abele, lange Zeit Mitglied der Neuen Vocalsolisten Stuttgart, hat einen robusten und ausdrucksreich klangschönen Bariton, den er auch in den Exzentrizitäten der Partie immer klug einsetzt. 

  Friedeon Rosen

 

Foto c: Internet  Unter.: Ekkehard Abele

 

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