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Schreiben mit der Partitur vorm Kopf

28.10.2019 | Feuilleton

Schreiben mit der Partitur vorm Kopf

Anmerkungen zum Typus des fundamentalistischen Musikkritikers

 Von Manfred A. Schmid

 I

Studierende, die mit aufgeschlagener Partitur (heute vermehrt auch mit einer elektronischen Partitur) eine Opernvorstellung verfolgen, tun dies aus guten Studiengründen. Ein Kritiker, der – von Ausnahmefällen abgesehen – einen Opernabend prinzipiell immer mit der Partitur vorm Kopf über sich ergehen lässt und penibel die Einhaltung einer jeden dort angegebenen Tempo- oder Dynamikanweisung überprüft, ist entweder ein Angeber oder – als Kontrollfreak – ein armer Narr. In beiden Fällen weiß er jedenfalls nicht, worum es in einer Oper wirklich geht. Indem der mit einer Partitur und einer Stoppuhr bewaffnete Rezensent  (ohne diese Hilfsmittel wäre er vermutlich orientierungslos) ständig aufpasst wie ein Haftelmacher und alle ihm auffallenden „Verfehlungen“ notiert, ist er so fokussiert auf  Details, dass ihm, dem Buchhalter der Musik, der Blick auf das Ganze, das bekanntlich mehr ist als die Summe seiner Teile, völlig entgeht: Er sieht den Wald vor lauter – in seinen Augen meist ohnehin krummgewachsener – Bäume nicht.

II

Zu bedenken ist, dass Angaben in einer Partitur wie ff, piano, Andante oder ritardando der Interpretation bedürfen. Sie sind nicht exakt fassbar. Jeder Wert gilt zudem nicht absolut, sondern wird relativiert durch alle übrigen Werte. Das Entscheidende ist die ausbalancierte Gesamtheit aller dynamischen Abläufe. Wie und was sich da der Komponist jeweils genau vorgestellt hat, lässt sich jedenfalls nie mit letzter Gewissheit sagen. Der Musikkritiker Volker Hagedorn geht sogar so weit, jede Partitur ein „Provisorium“ zu nennen, also nichts Endgültiges, sondern etwas Vorläufiges, das – um umgesetzt zu werden – die Kreativität, die Erfahrung, die Kenntnis sowie das richtige Gespür des Dirigenten bzw. der Dirigentin braucht: „Dieses Provisorium, in dem ein Komponist seine Vorstellung fixiert, fordert aber Musiker, die weiterdenken, zu den Quellen und auf uns zu.“ Und in diesem Zusammenhang verweist Hagedorn auf den Umstand, „dass gerade die an historischer Aufführungspraxis interessierte Orchesterleiter, gründliche Partiturentzifferer, gern mit Regisseuren arbeiten, die zwischen den Zeilen lesen können.“ (Der Spiegel, 27. September 2014) 

III

Höchst aufschlussreich im Zusammenhang mit der – von fundamentalistischen Rezensenten behaupteten – absoluten Verbindlichkeit der Vorgaben in einer Partitur ist, was Christian Thielemann unlängst in einem Pressegespräch anlässlich der Neuproduktion der Frau ohne Schatten in Wien erzählt hat. Er hatte nämlich beim Einarbeiten die Möglichkeit gehabt, in eine Partitur Einblick zu nehmen, die Richard Strauss bei einer von ihm selbst geleiteten Neueinstudierung des Werks zur Verfügung gestanden hatte. Und siehe da: Es fand sich darin eine Vielzahl von handschriftlich Korrekturen, die vom Komponisten selbst angebracht worden waren. Wohl weil ihn die konkrete Aufführungspraxis gelehrt hatte, dass manche Angaben in der Praxis nicht umsetzbar gewesen wären. Soviel zur beschworenen Unantastbarkeit jeder einzelnen Anweisung, die ein Komponist in seine Partitur hineingeschrieben hat, sowie zur rigorosen Überwachung der Einhaltung derselben durch den Kritiker, der sich als allwissender Hüter der Wahrheit dazu berufen fühlt, einem Großinquisitor gleich gegen von ihm in flagranti ertappte Abweichler rigoros vorgehen zu müssen.

IV

Außerdem – auch das lehrt die Originalklangbewegung – haben sich die dynamischen Werte im Laufe der Geschichte immer wieder verändert und verändern sich weiter. Einer aktuellen Erhebung von Universal Music zufolge haben klassische Musikaufführungen heute ein erheblich höheres Tempo als noch vor 50 Jahre. In dieser Studie haben die Forscher drei Aufnahmen des berühmtem Doppel-Violinkonzerts von Johann Sebastian Bach untersucht. Die früheste Aufnahme von David Oistrach und Igor Oistrach stammt aus dem Jahr 1961 und dauert 17 Minuten. Eine spätere Aufnahme von 1978 dauerte bereits nur noch etwas mehr als 15 Minuten, während die aktuellste Aufnahme von 2016 nur zwölf Minuten währt. Das sind fast fünf Minuten weniger (eine Minute pro Jahrzehnt), was einer Reduktion um fast 30 Prozent entspricht!

V

Mit derlei Quantifizierungen allein ist natürlich noch nichts über die Qualität der jeweiligen Aufführung gesagt, sie sind nur einer von vielen Parametern einer kritischen Würdigung. Auch wenn sich ein Dirigent oder eine Dirigentin um eine höchstmögliche Annäherung an das vermeintliche Original bemüht, es bleibt letztlich immer eine Interpretation und Auslegungssache. Das Umsetzen einer Partitur ist immer auch eine Art Über-Setzen. Und das macht ja nicht zuletzt das Faszinierende und Spannende eines Opernabends aus: Die Spannbreite der Interpretationsmöglichkeiten. Und mit diesem Pluralismus vor Augen kann man dann daran gehen, die jeweilige Auslegung genau in Augenschein zu nehmen, um sie auf ihre Tauglichkeit, Sinnhaftigkeit und Stimmigkeit hin zu untersuchen.

VI

Der Fundamentalist unter den Musikkritikern hingegen geht von einer anderen Überzeugung aus. Für ihn ist die Partitur (vielmehr: seine Lesart der Partitur) der alleinige Maßstab, der keinerlei Abweichung verträgt. Mit der Partitur in der Hand glaubt er immer genau zu wissen, was und wie etwas gemeint ist. In seiner Kritik belehrt er dann die Musiker darüber, wie es richtig ginge und was sie demzufolge falsch gemacht hätten. Diese unbeirrbare Überzeugung, mit Berufung auf seine Bibel, die Partitur, stets zu wissen, wie es einzig und allein geht, macht einen fundamentalistischen Musikkritiker aus. Die Partitur im Kopf zu haben ist gewiss kein Nachteil, beim Fundamentalisten befindet sie sich aber vor seinem Kopf und verhindert so den freien Blick auf das musikalische Ereignis.

VII

Die oben als Beispiel zitierte Beschleunigung bei der Wiedergabe von Musikstücken mag man bekritteln oder begrüßen, jedenfalls handelt es sich dabei um eine verifizierbare Tatsache. Der Kritiker mit der Partitur vor dem Kopf aber verwendet weiterhin den Standard von anno dazumal als einzig gültige Richtschnur seines unerbittlichen Richteramts. Und wenn er dann urteilt, geht der Daumen naturgemäß fast immer nach unten. Diese Inflexibilität angesichts veränderter Rahmenbedingungen und Verhältnisse erfüllt das konstitutive Kriterium für die Verwendung des Begriffs Fundamentalismus. Und damit wird auch klar, wieso ein fundamentalistischer Kritiker in seinen Rezensionen mit Vorliebe Vergleiche mit den Leistungen längst verstorbener Künstler anstellt und diese logischerweise immer für besser und heute schier unerreichbar hält. Dabei ist die Erklärung ganz einfach: Er hat es nur verabsäumt, seine Waage nachzueichen.

VIII

Die Wahrheit aber ist – auch in der Musikkritik – eine Tochter der Zeit.  

Oktober 2019

 

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