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SAVONLINNA: FINALE DES INTERNATIONALEN GESANGSWETTBEWERBES

30.07.2012 | KRITIKEN, Oper

Savonlinna : Finale des Internationalen Gesangswettbewerbs (29.7.2012)

Warum nehmen junge Sänger an Gesangswettbewerben teil, und wenn ja, an welchen? Ist es die Aussicht auf das Preisgeld, die renommierte Jury, die Hoffnung auf eine Verpflichtung? Beim 2. Internationalen Gesangswettbewerb in Savonlinna waren alle diese Komponenten gegeben: 20 000 € für den Erstplazierten, eine aus Administratoren bedeutender Opernhäuser zusammengesetzte Jury sowie das Wissen, dass einer der Gewinner des 1. Wettbewerbs im folgenden Jahr gleich als Don Ottavio zum Opernfestival nach Savonlinna verpflichtet worden war.

Zu diesem 2. Wettbewerb waren 27 Sängerinnen und Sänger zugelassen worden, die in der Vorrunde jeweils eine Mozartarie sowie ein Stück ihrer Wahl zu singen hatten. Das Finale wurde dann von 6 jungen Künstlern bestritten, je 3 Damen und Herren. Es sei gerne zugestanden, dass diese Sänger in ihrer Qualität nicht sehr weit auseinander lagen, die Entscheidung, wem nun der 1. Preis zuerteilt werden sollte, sicherlich keine einfache gewesen ist. Sollte zudem die „reifste“, die „fertigste“ Leistung prämiert werden, oder sollte mit dem Siegespreis der Hoffnung auf eine glorreiche Zukunft Ausdruck verliehen werden?

Wenn mich nicht alles täuscht, war letzterer Gesichtspunkt für die Jury ausschlaggebend, denn der 1. Preis wurde an die erst 22jährige Sopranistin HEATHER ENGEBRETSON verliehen, die – zumindest aus meiner Sicht – von allen 6 Konkurrenten die „unfertigste“ Leistung geboten hatte, die vielleicht aber auch die größte Zukunft vor sich hat. In ihrer Vita listet die junge Amerikanerin Rollen wie Barbarina, Taumännchen und Papagena auf, und genau mit diesen Partien würde ich sie zur Zeit betrauen, auf keinen Fall mit Violetta oder der Gounod-Juliette, die sie im Finale sang. Gewiss, eine junge Stimme mit individuellem Timbre und guter Technik, die Höhen schön kopfig genommen, doch, obwohl gut gesungen, die Violetta kommt viel zu früh für sie. Die Juliette offenbarte zudem eine unergiebige Tiefe und Mittellage, als Stück zu dramatisch für sie! Was Miss Engebretson benötigt, ist eine gute pädagogische Beratung in Rollenauswahl. Der 1. Preis ist leider ein Signal in die falsche Richtung!

Größere Bühnenreife würde ich dagegen den beiden Damen zugestehen, die mit dem 2. und 3. Preis ausgezeichnet wurden : der rumänischen Sopranistin IULIA ELENA SURDU, seit 2010/11 im Engagement an der Deutschen Oper am Rhein, die mit Lucia und einer Arie aus „The Ballad of Baby Doe“ brillierte und – zumindest aus meiner Sicht – die reifste Leistung bot, sowie der russischen Mezzosopranistin NADEZHDA KARYAZINA, die sich mit einer besseren Rollenauswahl (sie sang im Finale Carmen und Orlofsky) besser hätte „verkaufen“ können – eine reife Stimme mit guter Tiefe, zur Höhe hin aufgehellter, metallischer. Zu den Preisträgern hätte ich den ukrainischen Tenor OLEKSIY PALCHYKOV gezählt, der mit der 2. Ottavio-Arie einen genuinen Mozart-Tenor hören ließ, mit gutem Stil, ausgezeichneter Geläufigkeit und strahlkräftiger Höhe. In der Lensky-Arie war sein helles, an den legendären Sergei Lemeshev erinnerndes Timbre allerdings sehr gewöhnungsbedürftig. Am unfertigsten waren der finnische Bass MATTI TURUNEN, dessen Tonproduktion noch wesentlich mehr an Ausgeglichenheit gewinnen sollte, um in die Fußstapfen großer finnischer Bässe zu passen, und der rumänische Tenor CHRISTIAN MOGOSAN, dessen merkwürdige Tongebung stark irritierte – ein weiches Timbre, sehr gaumig, die sehr gerade Höhe nicht zur übrigen Stimme passend.

Noch ein Wort zur Organisation, die dringend überdacht werden müsste. Die im Programmheft angegebene Reihenfolge, jeden Finalisten jeweils mit seinen zwei Arien zu Gehör zu bringen, bevor die Jury sich zur Beratung zurückzieht, war aus mir nicht bekannten Gründen aufgebeben worden. So hörte man im ersten Durchlauf jeweils die erste Arie, auf die dann nach einer 30minütigen Pause die zweite folgte. Zwar konnte somit die Pause zum obligatorischen Sektempfang für die Gäste genutzt werden; die Spannung kam jedoch zum Erliegen, so dass der Abend bei 6 Finalisten mit jeweils 2 Arien unangemessen 3 Stunden dauerte. Zudem sollte man davon ausgehen, dass den Zuhörern des Finales eines Gesangswettbewerbs der Inhalt der Arien bekannt ist. Sie der zweisprachigen Moderation des gewohnt eloquenten „Presenters“ Aarno Cronvall auszusetzen, heißt, das Publikum zu unterfordern.

Sune Manninen

 

 

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