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SAVONLINNA: AUS EINEM TOTENHAUS. Premiere

24.07.2016 | Oper

Savonlinna: Aus einem Totenhaus – Premiere am 23.7.2016
Es gehört viel Wagemut dazu, bei einem überwiegend von Touristen besuchten Festival Janáčeks nachgelassene Oper „Aus einem Totenhaus“ anzusetzen, ein Werk, das bei Experten eine Art Kultstatus errungen hat, sich aber im „normalen“ Opernbetrieb nicht als Kassenmagnet erwiesen hat. Kompliment also an die Verantwortlichen, dieses finanzielle Risiko eingegangen zu sein, das durch die Gelder des finnischen und japanischen Fernsehens für eine TV-Ûbertragung ein wenig verringert worden war.

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Ville Rusanen (Gorjančikov) und Hanna Ranta (Aljeja) – Foto: Soila Puurtinen, Itä-Savo

Für die Regie war der bedeutende Janáček-Kenner DAVID POUNTNEY gewonnen worden, dessen Produktion vorher in Palermo herausgekommen war, doch zusammen mit ihm müssen MARIA BJORNSON (Ausstattung) und CHRIS ELLIS (Lichtdesign) genannt werden, die alle für ein überaus bewegendes, ja beklemmendes Erleben dieses Werkes gesorgt haben. Bedauerlich nur, dass selbst bei dieser Premiere sehr viele Plätze leer geblieben waren. Wie wird es erst bei den Reprisen aussehen?

Janáčeks Werk hat keine eigentliche Handlung, es gibt keine Hauptpersonen, aber immer wieder treten einzelne Männer aus der anonymen Masse der Sträflinge hervor und berichten von ihrem Schicksal, das sie ins Gefängnis geführt hat. Jeder Partie Gewicht gebend, und sei sie noch so klein, sie damit zu einem Individuum in der Masse der Häftlinge machend, erzählte Pountney die Dostojewski-Geschichte behutsam und gestaltete sie durch seine Kunst der Personenführung überaus intensiv. Sein nicht geringes (und in der heutigen Zeit eher seltenes) Verdienst war es, sie in ihrer Zeit zu lassen, somit der Verlockung zu widerstehen, sie durch äußeres Aktualisieren in unsere Gegenwart holen zu wollen.

Kompliment an das ganze Kollektiv als „Star“ dieser Aufführung, darin eingeschlossen der wie immer voluminöse Chor (Einstudierung MATTI HYÖKKI). Abgesehen von den Schicksalen einzelner Individuen wird hier die Geschichte des Aristokraten Gorjančikov erzählt, keines Verbrechers, sondern eines politischen Gefangenen, dem am Schluss die Freiheit geschenkt wird. Pountney vertraut hier ganz der Musik (und dem Text) und konterkariert diese Sehnsucht nach Freiheit nicht dadurch, dass Gorjančikov (wie in einer Nürnberger Inszenierung zu sehen war), nach Verlassen des Straflagers hinterrücks erschossen wird. Obwohl vom Komponisten relativ karg bedacht, macht VILLE RUSANEN sehr eindrücklich auf seinen sehr schön timbrierten lyrischen Bariton aufmerksam, mit dem er sich im nächsten Sommer eine solche Charakterpartie wie Sallinens Kullervo aneignen will.

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Foto: Soila Puurtinen, Itä-Savo

CLAUDIO OTELLI gestaltete die große Szene Šiškovs eindringlich mit metallischem Charakterbariton, sein Widersacher Luka Kuzmič (alias Filka Morozov) war mit MIKA POHJONEN ebenso dramatisch und voluminös besetzt, während ALEŠ BRISCEIN (Skuratov) und ADRIAN THOMPSON (Šapkin) pointierte Charakterstudien gelangen. Die Rolle Aljejas war hier einem Sopran (HANNA RANTALA) anvertraut.

Der Dirigent TOMÁŠ HANUS hatte Schwerarbeit zu verrichten, einem Orchester, das mit diesem Werk noch nicht vertraut war, Janáčeks vertrackte Rhythmik abzutrotzen, was ihm im Verlaufe des Abends immer mehr gelang. Auch für das Publikum war es nicht leicht, einer Komposition zu folgen, in der einzelne melodische Fetzen nur zu erahnen sind, konzentriert zu folgen, doch ließ die Regie keinerlei Abfall der Spannung zu. Schade nur, dass die Zuschauer den beklemmenden Schluss nicht ein bisschen länger mit Stille auf sich wirken ließen und so den Eindruck, der zumindest bei mir einen Kloß im Hals hinterlassen hatte, durch den unmittelbar einsetzenden „Savonlinna roar“ zerstörten. Es ist zwar nur „Oper“, aber doch so realitätsnah! Danke an Savonlinnas Mut für eine der bewegendsten Aufführungen, die ich hier in 21 Jahren erleben durfte.

Sune Manninen

 

 

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