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SARAHS SCHLÜSSEL

07.03.2012 | FILM/TV

Ab 9. März 2012 in den österreichischen Kinos
SARAHS SCHLÜSSEL
Elle s’appelait Sarah  /  Frankreich  /   2010
Regie: Gilles Paquet-Brenner
Mit: Kristin Scott Thomas, Mélusine Mayance, Niels Arestrup, Aidan Quinn u.a.

Niemand kann, will oder würde einem Thema wie diesem den Respekt versagen: Es geht um das Schicksal, das die Juden im Dritten Reich ereilt hat. Deutschland und Österreich haben verspätet und nicht zuletzt mit Hilfe ihrer Künstler ihre Trauerarbeit geleistet. Nun bekennen sich Länder, die während des Zweiten Weltkriegs zu den „Opfern“ von Nazi-Deutschland gehört haben, langsam ihrer teilweisen Mitschuld am Schicksal „ihrer“ Juden. Die Dänen, die Holländer haben dazu schon Filme gedreht. Auch die Franzosen. „Sarahs Schlüssel“ ist ein weiterer Beitrag dazu.

Zwei Ebenen, Paris damals und heute, verbunden durch dieselbe Wohnung, in der damals eine Tragödie geschah, die die üblichen Tragödien noch toppte: Als die französischen Flics 1942 vor der Tür stehen, gnadenlos die Drecksarbeit der Deutschen zu tun und die Juden aus ihren Wohnungen zu reißen, in behelfsmäßige Auffangquartiere und dann in Lager zu bringen, bis man sie zur Vernichtung in den Osten abschieben kann – da sperrt die zehnjährige Sarah ihren kleinen Bruder Michel in einen Kasten ein, um ihn zu schützen, und man behauptet, er wäre am Land. Sie und die Eltern werden bald getrennt – und Sarah hat begreiflicherweise nur den einen, wie rasenden Gedanken, unbedingt zu fliehen und Michel zu befreien…

Man leidet mit dem Kind im Lager, auf der Flucht (ein edler Franzose lässt sie laufen), bei den Bauern, wo sie anklopft, erst abgewiesen, dann aufgenommen, schließlich gerettet wird. Als sie endlich nach Paris in die ehemalige Wohnung stürmen kann, die längst von ehrenwerten Franzosen bewohnt wird, da braucht man nicht sehen, was Sarah sieht, als sie endlich mit dem wie wahnsinnig gehüteten Schlüssel den Kasten öffnet: Man sieht nur ihr Gesicht – und weiß, dass ihr Leben zerstört ist.

Sarahs Geschichte wird immer wieder parallel in jene von Julia Jarmond hineingeschnitten, der amerikanischen Journalistin im heutigen Paris, die das Schicksal der Juden der Stadt für einen Zeitschriftenartikel dokumentieren will. Der Film basiert auf einem Roman von Tatiana De Rosnay und hat auch jene romanhaften Züge, die man nicht so sehr mag, weil sie Dinge verflachen und verkitschen: Die Wohnung, in der einst Sarah mit ihren Eltern lebte, ist genau jene, in die Julia mit ihrem Zukünftigen einziehen will – und die ihren Schwiegereltern gehörte. Sie recherchiert also hinter der eigenen künftigen Familie her, und gnadenvollerweise ist da einiges an Betroffenheit, aber nichts von persönlicher Schuld zu finden.

Die alten Nachbarn hingegen, die sie interviewt, geben die üblichen Antworten: Wir wollten nicht fragen, wir wollten es nicht wissen, was da geschieht  –  was hätten wir schließlich tun können?

Man erfährt auch einiges über Sarahs weiteres Schicksal, die dann als „Französin“ am Bauernhof aufgewachsen ist, ihr Judentum hinter sich lassen wollte, einen Amerikaner heiratete und schließlich mit Michels Schicksal doch nicht leben konnte und sich das Leben nahm. Es ist Julia, die Sarahs Sohn – nun ein Mann in mittleren Jahren – überhaupt von der Geschichte seiner Mutter erzählt, die für ihn nichts als eine Französin aus der Provinz war…

Mélusine Mayance als die kleine Sarah und Kristin Scott Thomas als Julia tragen mit ihren schmerzdurchfurchten Gesichtern diese furchtbare Geschichte, die Gilles Paquet-Brenner schonungslos, aber nicht spekulativ auf die Leinwand gebracht hat. Auch wenn es nur ein fiktives Schicksal ist, die Glaubwürdigkeit ist gänzlich gegeben. Und man hat ja längst festgestellt, dass Menschen, die angesichts von Millionen Toten nur die Achseln zucken, nachzudenken beginnen, wenn ein Einzelschicksal sie ergreift… Das ist der tiefere Zweck dieses Films.

Renate Wagner

 

 

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