Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Salzburger Festspiele – Haus für Mozart LE NOZZE DI FIGARO – Im Puppenhaus der Gefühle

17.08.2016 | Allgemein, KRITIKEN, Oper
Das "Puppenhaus" des Grafen Almaviva

Das „Puppenhaus“ des Grafen Almaviva

Salzburger Festspiele 2016 – Haus für Mozart

EMBLEM SALZBURGER FESTSPIELE 1

Wolfgang Amadeus Mozart   LE NOZZE DI FIGARO
16.August 2016   Premiere der Wiederaufnahme
Ein Bericht von Peter Skorepa MerkerOnline
Fotos von Ruth Walz

 

Im Puppenhaus der Gefühle

 

Mit dem Schlussvorhang dieser Premiere der Wiederaufnahme von Mozarts „Le Nozze di Figaro“, bei welchem sich auch der Regisseur verbeugte und durchaus sehr freundlich von seinem Publikum verabschiedet wurde, mit diesem also ist das Ende der Ära Bechtolf als dem künstlerische Leiter der Festspiele eingeleitet. Nicht unumstritten war sein Bemühen um eine Gestaltung der Da Ponte Opern, einem Zykluss, der in einer ähnlichen Bedeutung für Salzburg steht, wie jener des Ringes für Bayreuth.

Sven – Eric Bechtolf feilte bis zuletzt an seinen Mozart-Regien, seine Cosi-Inszenierung wurde sogar neu aufgelegt und ihr mit einer Verlagerung in das Riesenareal der Felsenreitschule mehr Bedeutung unterschoben. Was aber in der Erinnerung bleiben wird mit aller vordergründig-positiven theatralischen Betrachtung und der Missachtung der Einwände all jener, denen es nicht genug sein kann an Deutung oder Inhaltsschwere, das ist diese Inszenierung des „tollen Tages“, des Folle Journée von Beaumarchais. Vielleicht manchmal absteigend in die Tiefen eines Vaudevilles mit Mozartscher Begleitmusik, streifend an Feydeaus Komödien in der Aufbereitung, artete er jedoch nie in Klamauk aus. Und sich über ihre Gefühle auszulassen – Eifersucht und Liebe sind ja die Triebfeder dieses Dramas – bleibt in der Personenführung genügend Raum. Ich hatte den Eindruck, dass sich das Publikum an diesem Abend gut unterhalten hat.

Das „Puppenhaus“ des Gräflichen Schlosses – Stil Englisches Landhaus zu Beginn des vorigen Jahrhunderts – mit seinen vielen Türen, Gängen und Treppen ist natürlich ein gut gewählter Ort für konspirative Treffen und Belauschungen. Er gewährt auch Einblicke in die Küche, den Weinkeller und in die gräflichen, getrennten Schlafzimmer, ja sogar die Verstecke und Fluchtwege im Dachraum und in den Leitungsschächten für Barbarina und dem Pagen sind einsichtig geworden. Verantwortlich als Baumeister stand Alea Eales zur Verfügung, ein Brite, ausgebildet aus der Wimbledon School of Arts, für die gelungenen Kostüme im britischen Originalstil der Zeit sorgte Mark Bouman, Abgänger der gleichen Schule.

Die Damen des Abends, die haben ja die Fäden in der Hand. Nein, Herr Graf hat sie nicht! Luca Pisaroni wirkt in seiner Art anfangs eher wie ein Untermieter bei der Morgentoilette, der dann seinen Hund äußerln führt. Ja richtig, Tristan, der Hund Pisaronis spielt auch mit, entgegen Goethes Warnung und zieht sofort das Interesse an sich. Nach und nach verliert der Graf seine Contenance, aber er poltert baritonal und idiomatisch vorbildlich durch die Szene, ehe er mit einem ergreifenden Contessa perdono vor seiner Gattin auf die Knie sinkt. Nur zögernd folgt diese seiner Aufforderung, an dem allgemeinen Schlussjubel teilzunehmen, sie weiß um die Wandelbarkeit dieses „verzogenen Herrenmenschen“ (Hildesheimer) der immer zu neuen Streichen bereit ist.

Ja, Anett Fritsch als bildhübsche Gräfin wirkt, trotz aller Injurien durch ihren Gatten – sogar der Bedrohung mit der Jagdwaffe entgeht sie nicht – als Ruhepol auch dieser Inszenierung, macht ihren adeligen Stand ebenso begreiflich wie ihre Herkunft aus dem bürgerlichen Milieu. Wenn sie anfangs dem Ständchen des Cherubino mit Interesse zuhört, dann aber ihre ganze Aufmerksamkeit abwandert in die Weite ihres Innenlebens und zur verlorenen Liebe ihres Gatten (oder gibt es da andere Weiten?) und wie sich dieser Vorgang in ihrem Gesicht spiegelt, das allein ist schon faszinierend. Stimmlich wandert ihr apart eingesetzter Sopran im Ausdruck zwischen der Entschlossenheit gräflichen Auftretens und der Traurigkeit schmerzlicher Enttäuschung.   

Anna PROHASKA als Susanna und Anett FRITSCH als Contessa

Anna PROHASKA als Susanna und Anett FRITSCH als Contessa

Ein Lackel von einem Mann, stimmlich ausgestattet mit einem durchschlagkräftigen und ungehobelt wirkenden Bariton, wäre er mehr zu einem Grafen geeignet als sein Herr, so poltert liebenswürdig Adam Plachetka durch die Szene. Seine Eifersucht im letzten Akt läßt er den Zusehern und Hörern fühlbar werden. Seine quirlige Verlobte, neu heuer in diesem Ensemble, ist Anna Prohaska, sie zeigt librettobedingt wenig Mitgefühl für den lästigen Grafen, auch weniger für ihren leidenden Mann, kann mit ihrem eher kleinen aber gut gestützten Sopran den einen wie den anderen um den Finger wickeln.

Cherubino, dieses so androgyn wirkende liebenswerte kleine Monster bekam durch Margarita Gritskowa die richtige verhuschte Art an aller Unfertigkeit des Charakters, schüchtern-stürmischer Verliebtheit und Neugierde erweckender sexueller Bereitschaft. Ihr schöner Mezzo unterstrich nur noch diese Eigenschaften. Dass er bei Beaumarchais im letzten Teil seiner Trilogie die Gräfin doch noch erobert und mit ihr einen Sohn hat, bestätigt nur diese, auch bei der Gritskowa nachvollziehbare Wirkung. Kirkegaard hat diese Rolle nicht umsonst einen „jugendlichen Don Giovanni“ bezeichnet. Und Barbara Gansch als salzburgischer Beitrag zu dieser Aufführung gab eine ausgezeichnete Kostprobe ihres gesanglichen Könnens und beklagte erbarmenswürdig den Verlust ihrer Nadel. Sie wirkte gar nicht so, als wäre da ihre Unschuld gemeint.

Ann Murray und Carlos Chausson als Intrigantenpaar mit Elternfreuden kennen wir aus der Staatsoper. Auch in buffonesken Partien machen beide noch sowohl gesanglich als auch darstellerisch große Freude. Franz Supper war in der Rolle des Don Curzio eingesetzt und Paul Schweinester, der als Charaktertenor von der Volksoper aus jetzt international tätig ist, bot eine vorzügliche Leistung als Basilio, während Erik Anstine, der junge, fesche Amerikaner aus Eugene, Oregon in die Rolle des lausigen und versoffenen Gärtners schlüpfen musste. Mit Erfolg übrigens, hat er doch schon bei vielen Wettbewerben gewonnen und internationale Engagements hinter sich.

Der tolle Tag lief unter der Stabführung von Dan Ettinger sauber ab, immerhin waren es Mitglieder der Wiener Philharmoniker, die da im Graben saßen. Dass der Dirigent mit Vorliebe die Ensembles fühlbar langsamer entstehen ließ und seine Neigung zu längeren Generalpausen hörbar wurde, sei angemerkt, daran scheiden sich die Geister, vor allem in Tempofragen. Eine stringent vom Pult aus geführte Aufführung klingt anders!

Der Wiener Staatsopernchor und die zwei Chorsolistinnen Martina Reder und Cornelia Sonnleithner sorgten für die choristische und chorsolistische Qualität.

 Schlussbild im Mondschein, das stimmige Licht kam von Friedrich Rom

hires-Figaro_Anna_Prohaska_Anett_Fritsch_Adam_Plachetka_Luca_Pisaroni_Ensemble_0032_Walz

 

Diese Seite drucken