Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Salzburger Festspiele, Hangar 7: „DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL“ 26.August 2013

27.08.2013 | KRITIKEN, Oper

 

Salzburger Festspiele 2013/Hangar 7
DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL
26.August 2013

 

HANGAR 7: Die Geburt der Oper der Zukunft?

HANGAR 7: Die Geburtsstätte der „Opernaufführung der Zukunft“? (Foto MERKEROnline)

 

 In diesem heil`gen Hangar…

…extemporierte Kurt Rydl als Osmin bzw. als Angestellter eines Modezaren und auch Personalchef über eine Schar von Näherinnen und Models. Rebecca Nelsen, das gar nicht so blonde Blondchen und Eingesprungene für die abgesprungene Daniela Fally muss für den herumtönenden Drangsalierer die Kleider der Models bügeln und der sogar als Faktotum eines heutigen Großunternehmers und Flugzeugsammlers seine ihm zugewiesenen Geiseln spießen und köpfen will. Die Bügelei ist ja ein nettes Detail, eine Reminiszenz, hatte doch einst bei den Festspielen der damals noch neue Regieberserker Stefan Herheim das Blondchen die Wäsche bügeln lassen. Welch einen Aufstand hat das damals verursacht!

Intendant und Begleitung (Foto MERKEROnline)

Intendant und Begleitung (Foto MERKEROnline)

So also schaut die Zukunft aus für die Oper oder zumindest für jenen Teil davon, der für die TV-Zuschauer produziert wird. Denn diese und nur diese werden aus diesem Puzzle der Einzelszenen zu Hause einen Life-Ablauf erleben können, ein aus dem Gewusel vor Ort destilliertes Original, bestehend aus den Besuchern der Zukunft (Ich verkneife mir den Ausdruck Opernbesucher), die mit dem Glas in der Hand von Szene zu Szene eilen, von diesem Geschehen allerdings nur aus einem, in der ersten Reihe eroberten Platz etwas mitbekommen. Eine Schar von Ordnern, welche die Massen – zugegebenermaßen geduldig und höflich – dirigieren und im Zaum halten, um Platz für die zu bewundernden Sänger, die Life Kameras, die Subdirigenten und sonstigen Adabeis zu schaffen. “Wie schön ist es in den Käse zu beißen und gleichzeitig Opern herunterzureißen”, was einst Georg Kreisler so passend besang wird hier Wirklichkeit.

Für die Besucher vor Ort ist das Ganze wirklich nur ein spassiges Event, man schlurft, schlürft, begrüßt nach dem Motto “Ja, was ich sagen wollt, wie gehts ihnen denn” und mittendrinn der Intendant mit seiner aufregend hübschen Freundin, immer die Hand frei für Begrüßungen. Nein, so ganz uninformiert bleibt der ernsthafte Opernfreund in der mit sehenswerten Flugapparaten ausgestatteten Halle ja nicht, über winzige Empfänger und Kopfhörer kann man immerhin den Originalton einfangen.
Dirigiert wird auch, die Camerata Salzburg steht unter der Leitung von Hans Graf, Oberösterreicher und Chef des Houston Symphonie Orchesters, die Musik wird aus dem Nachbarhangar geliefert und über Bildschirme und mit entsprechend wachelnden Subdirigenten den Sängern übermittelt.

In der leider rauchgeschwängerten Luft jener einzigen Lounge, in der das Original im TV zu sehen war, sah ich mir in der letzten halben Stunde schlussendlich das an, was der Regisseur, der Schweizer Adrian Marthaler gebastelt hatte, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass das Endprodukt für das Patschenkino daheim  tatsächlich zu einem geschlossenen und verständlichen Ablauf geführt werden konnte.
Ob das alles als Ersatz für eine im Original und in einem Theatersaal stattfindende Aufführung, als “Oper der Zukunft” angesehen werden kann, das hoffe ich bezweifeln zu dürfen. Noch mit dem “Don Carlos” des Vorabends im Ohr, mit der so traumhaft gesungenen Schlussszene mit Harteros und Kaufmann, da glaube ich ganz einfach nicht an den Sieg des Events über die Musik, der Elektronik über die Atmosphäre eines Opernhauses. Für das TV ergeben sich dafür natürlich weitere tolle Alternativen: Die “Aida” im ägyptischen Museum in Kairo mit Originalkampfszenen vor Ort, der “Otello” auf dem Gänsehäufel mit Zillenlandung des Oberbadewaschels Otti und seiner geliebten Desty aus Kaisermühlen oder vielleicht eine “Turandot” aus einem chinesischen Restaurant mit der Originalfrage an Kalaf: “Was ist in unseren Speisen drinnen”?

Rebecca Nelsen und Rancatore (Foto MERKEROnline)

Rebecca Nelsen und Desirèe Rancatore (Foto MERKEROnline)

Spass beiseite, die Künstler sind dran und haben Extralob zu bekommen für die Extraplage, in dem ordentlichen Durcheinander künstlerische Haltung und musikalische Leistung zu zeigen. Desirèe Rancatore als eher dramatisch angelegte Konstanze, Rebecca Nelsen als ganz wunderbare Blonde, Javier Camarena als lyrisch eleganter Belmonte und Thomas Ebenstein ließ als engagierter Pedrillo aufhorchen. Kurt Rydl polterte gekonnt zwischen Fitnesstudio und Modesalon durch den Abend und Tobias Moretti tobte durch die Sprechrolle des Bassa Selim. Das sind nur Kurzsignaturen für die Darsteller, die dazwischen geschaltenen Medien, Mikrofone und Elektronik verbieten eine exakte stimmliche Beurteilung, was sich für diese Art von Opernproduktion erübrigt. Die Sänger einer derartigen Zukunft müssen Stimmen für das Mikrofon haben und damit auch musikalisch und ausdrucksmäßig präzise sein. Besonderes stimmliches Volumen scheint da eher nicht notwendig. Neben der geforderten mimischen Eloquenz für die Nahaufnahmen müssen sie auch ständig unterwegs sein, im Falle des Hangars zwischen Flugzeuginnerem und Hängebrücken in schwindeligen Höhen……..Ich bleibe für die Oper lieber am Boden.

Peter Skorepa
MERKEROnline

 

 

Diese Seite drucken