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SALZBURG: TAMERLANO mit Originalklangensemble und Placido Domingo

14.08.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Salzburg: “TAMERLANO” – Großes Festspielhaus, 9. u. 12. 8. 2012

Seit langem sehnten sich viele danach, endlich war es so weit: Händels „Tamerlano“ mit Originalklangensemble (Les Musicien du Louvre Grenoble) unter Marc Minkowski. Weiters hatte man sowohl die Titelrolle des Tamerlano als auch die Partie des Andronico mit Countertenören besetzt. Eigentlich sollte dieses Werk nur so aufgeführt werden, die Mezzosoprane wirken neben der tieferen und voluminöseren Tenorstimme Bajazets immer etwas komisch, es stört sowohl die optische als auch die stimmliche Balance. Mochte man vorher noch die Nase gerümpft haben über den riesigen Raum des Großen Festspielhauses für eine barocke Oper, so wurden alle Zweifel sofort zerstreut. Man spielte vor dem eisernen Vorhang, ohne Klangmuschel. Der Klang war brillant, präzise und füllte mühelos den Raum. Die Sänger standen rechts und links an der Rampe, der Dirigent musste sich leicht umdrehen, um Kontakt zu halten. Doch so konnten die Sänger vor dem Pult auch miteinander interagieren und zwar so intensiv, dass man bei dieser konzertanten Fassung Regie, Bühnenbild und Kostüme gar nicht vermisste.

Die Festspiele boten ein Solistenensemble auf, das bis in die kleinste Rolle luxuriös war: Bejun Mehta als Tamerlano, Plácido Domingo als Bajazet. Franco Fagioli als Andronico, Julia Lezhneva als Asteria, Marianne Crebassa als Irene und Michael Volle als Leone.

Neu für mich waren eine zusätzliche Arie für Irene und nach Bajazets Todesszene ein Duett zwischen Andronico und Tamerlano („Coronata di gigli e di rose“). Bejun Mehta ersetzte eine der originalen Arien in der ersten Szene des 2. Akts wieder durch „Sento la gioia“ aus „Amadigi di Gaula“ (ich habe diese Arie bereits in Barcelona im Juli 2011 gehört). Wie Mehta in einem Künstlergespräch betonte, ist diese Arie nicht nur wesentlich effektvoller und gesanglich anspruchsvoller, sondern passt auch textlich bruchlos hinein. Außerdem verleiht sie dem Charakter des Tamerlano sogar eine zusätzliche Dimension.

Bejun Mehta in der Titelrolle agierte ohne Noten (alle anderen verwendeten sie zumindest zeitweise), war dadurch in seinen Aktionen völlig frei und gestaltete den Tamerlano mit unglaublichen Details und Nuancen. Faszinierend sowohl im Spiel als auch im Gesang. Die Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit, mit der er die aberwitzigsten Koloraturen singt, dabei den Text bis in die kleinste Silbe ausleuchtet, ist einfach überwältigend. Das macht ihm keiner nach! Eine beeindruckend durchdrungene Rollengestaltung, die nie oberflächlichen Effekt sucht, aber enormen Effekt macht! Zum Niederknien!

Nach Los Angeles und Barcelona stand dem Tamerlano von Mehta nun zum dritten Mal der Bajazet in Gestalt von Plácido Domingo gegenüber. Wiederum flogen die Funken zwischen beiden, auch ohne Regie! Dass diese Musik nicht seine Domäne ist, merkt man – wenn man die Musik gut kennt – an kleinen Ungenauigkeiten in den Koloraturen und Verzierungen, doch hat Domingo hörbar an der Partie gearbeitet und sie weiter perfektioniert. Gerade bei den Verzierungen wurde er in der Zwischenzeit immer „mutiger“ und wagte so manches Risiko. Domingo war von den rasanten Tempi des Dirigenten durchaus gefordert, so schnell habe ich manche der Arien überhaupt noch nie gehört! Aber er schlug sich ausgezeichnet, selbst kleine Hoppalas wurden bravourös gemeistert. Marc Minkowski erwies sich besonders Domingo gegenüber als äußert aufmerksamer und wirklich „begleitender“ Dirigent. Ein Geben und Nehmen, dass es eine Freude war.

Ein schönes Miteinander ergab sich auch mit der Asteria der extrem jungen Julia Lezhneva, die unglaubliche 49 Jahre jünger ist als Domingo! Ihre klare, vielleicht manchmal etwas gerade angesetzte Stimme passte hervorragend für ihre besonders am 2. Abend noch inniger gestaltete Asteria. Auch bei ihr perlten die Koloraturen mühelos, die dynamische Bandbreite reichte vom Forte bis ins schwebende Pianissimo. Ein großes Versprechen für die Zukunft!

Franco Fagioli als Andronico ließ am ersten Abend eine etwas uneinheitliche Stimme hören. Da gab es zwar eine sehr gute Tiefe, die aber ziemlich „quallig“ klang, daneben eine unglaublich volle, strahlende Höhe, doch irgendwie waren die Stimmen nicht wirklich miteinander verbunden. Am zweiten Abend war das Quallige so gut wie verschwunden, die Stimme wies mehr Einheitlichkeit auf. Was aber ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, ist seine gekünstelte Körperhaltung und die Art seiner Tonproduktion. Man sollte lieber nicht mit dem Opernglas schauen! Jedoch gestaltete auch er den Andronico mit viel Einsatz und gesanglicher Perfektion in den extrem schwierigen und teils enorm schnellen Koloraturen. Ein wenig mehr Charisma möchte man ihm noch wünschen.

Großartig war die Irene von Marianne Crebassa. Eine sehr attraktive, große Sängerin, mit sattem Mezzosopran und „geläufiger Gurgel“. Ihr zur Seite stand Michael Volle als Leone, eine wirkliche Luxusbesetzung für diese winzige Rolle, die bis auf eine einzige Arie nur Stichwortbringer ist.

Marc Minkowski war über die mehr als dreieinhalb Stunden Musik ein äußerst aufmerksamer, unglaublich energiegeladener Dirigent, der sein Ensemble manchmal bis zur Unhörbarkeitsgrenze dämpfte (Bajazets Tod), aber an den richtigen Stellen auch mit großem Volumen auftrumpfte. Gab es zunächst nach jeder der Arien viel, teils tosenden Applaus, so folgte nach Bajazets/Domingos Todesszene, die im Pianissimo endete, absolute Totenstille. Eine unglaubliche Spannung, man wagte kaum mehr zu atmen. Erst bei der restlichen Szene konnte man sich wieder entspannen und die Versöhnung und das Ende der Rachegelüste Tamerlanos genießen. Dass ein derartiger Tyrann sich so schnell in einen liebenden Gatten und milden Herrscher verwandeln kann, geschieht leider nur auf der Opernbühne.

Unglaublicher Jubel, Bravi, Trampeln, Standing Ovation an beiden Abenden. Außergewöhnlich war am zweiten Abend, der erst um 0:30 endete (!), dass Orchester und Solisten schon fast alle von der Bühne gegangen waren, sich nur durch die enge, einzige Türe hinauszwängten, das Publikum aber nicht aufhörte zu klatschen. Da kamen alle nochmals zurück, es begann der Jubel erneut, mit rhythmischem Klatschen. Dass es nach jeder Vorstellung für die Sänger und den Maestro neben den offiziellen Blumen des Hauses auch vom Publikum ein kleines Blumensträußchen gab, das manche sogar im Flug auffingen, war natürlich besonders nett.


© Margit Rihl

Eine besondere Freude für alle Fans war die Tatsache, dass die vier Hauptrollensänger vor dem Bühneneingang auf der Straße noch Autogramme schrieben: mit viel Geduld und Liebenswürdigkeit, bis 1:30!!! Die Besucher von Popkonzerten kann da nur mehr der Neid fressen!

Margit Rihl

 

 

 

 

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