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SALZBURG/ Stiftskirche St. Peter: THE CRUCIFIXION von John Stainer

11.04.2022 | Konzert/Liederabende

10.04.2022: John Stainer, „The Crucifixion“ in der Stiftskirche St. Peter, Salzburg

Kaum hört sich John Stainers (1840–1901) Oratorium, mit vollem Titel „The Crucifixion: A Meditation on the Sacred Passion of the Holy Redeemer“ genannt (Text: W. J. Sparrow Simpson), das im Februar 1887, also im selben Monat wie Verdis „Otello“, in der St Marylebone Parish Church in London uraufgeführt wurde, wie ein Werk der Spätromantik an: Mit betont eingängiger Melodik, vorwiegend homophonem Satz und einfacher Harmonik, nicht zuletzt, indem er fünf populäre Hymnen einflocht, die die Gemeinde seiner Zeit mitsingen konnte, war Stainer merklich daran gelegen, Nähe zum Publikum zu stiften; und die Einladung, diese Nähe anzunehmen, sei es auch ,nur‘ geistig, sie liegt wieder in der Luft, wenn man das Werk heute erstmals hört, das somit eine zu manchen Gipfelwerken der Kirchenmusik in weiten Teilen durchaus konträre Wirkung hat. Etwa: Teilhabe statt Ehrfurcht.

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Dass das einstündige Oratorium für die Kirche geschaffen und von ihr schwer zu trennen ist, liegt schon daran, dass Stainer, selbst Organist, es instrumental nur für Orgel schrieb; für seine Schlichtheit bildet das bunt-schnörkelige Rokoko der Salzburger Stiftskirche St. Peter, in der es während einer „Einkehrzeit“ am Palmsonntagnachmittag (erstmals?) aufgeführt wurde, aber einen angemessen kontrastiven Rahmen. Chorleiter Walter Zeh führte den von ihm gegründeten Philharmonia Chor Wien souverän und überaus klangschön austariert durch die Darbietung. Die in Quartetten (plus einem fünften Tenor) besetzten Sängergruppen gestalteten textverständlich und überzeugten vom Auftrumpfen bis zum Verhauchen, etwa an Phrasenenden: Bei der Stelle „to suffer, endure, and die“ am Schluss der Nummer „Fling wide the gates“, deren Refrain mit herrlicher Feierlaune ausgesungen war, erstarb das Tutti gar tonlos. Als Solisten hoben sich der jugendliche, eher weiche, aber schon mit Metall ausgestattete Tenor Gregoire Fedorenko und der rau vibrierende, in der Höhe herbe Bariton Benjamin Harasko, die von der rechten vorderen Empore sangen, deutlich voneinander ab: Mochten ihre Stimmen im Duett „So Thou liftest“ also nicht vollends verschmelzen, so hatte es durchaus seinen Reiz, dass sie klar unterscheidbar blieben. Eindringlich sang auch der Basssolist des Chors seine Passagen als Hohepriester bzw. als neben Jesus gekreuzigter Verbrecher. Ein feiner Effekt der Partitur: Sobald Jesus am Kreuz hängt, singt seine Worte der ganze Chor – er ist schon in uns allen.

Ungeachtet der akustischen Tücken das Tempo möglichst haltend und sorgsam auf den Vorrang der Melodie achtend agierte Stiftskapellmeister Peter Peinstingl an der Orgel im Vitalischor vorn links. Mochte man mehr Bass und Lautstärke gewohnt sein, so vermisste man schnell nichts mehr, sondern lernte Peinstingls Spiel als gefühl- und rücksichtsvollen Umgang mit dem Instrument schätzen. Die Musik ergänzten kurze, anschaulich bildhafte und kluge, aber etwas trocken vorgetragene Gedanken von Pater Jakob Auer und einem anderen Sprecher, die, auf die mittig im Hauptschiff postierte Installation (Felix Igler und Pascal Rößler) einer Verzahnung von Kruzifix und Mensch mit eingekapseltem Coronavirus-Modell verweisend, an die Kraft des Kreuzes wie des Gekreuzigten, aber auch daran appellierten, nichts schönzureden, um diese Kraft nicht zu schmälern – eine Warnung vor der Seifenblasenrhetorik ebenso wie vor der ständigen Hysterie unserer Zeit, in der häufig schon rülpst, wer noch gar nicht gekaut und geschluckt hat.

Eine Aufführung in der Wiener Wotrubakirche am Gründonnerstag (14.04.) folgt und sei allen empfohlen, die etwas Seltenes hören wollen, das einem gleichsam barrierefrei nahegeht.

Gregor Schima

 

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