Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

SALZBURG/ Großes Festspielhaus: MANON LESCAUT – konzertant. Ein Hexenkessel der Gefühle. – Anna Netrebko und Yusif Eyvazov triumphierten

03.08.2016 | Oper

Großes Festspielhaus: EIN HEXENKESSEL DER GEFÜHLE – ANNA NETREBKO UND YUSIF EYVAZOV TRIUMPHIERTEN IN  „MANON LESCAUT“ IN SALZBURG (1.8.2016)


Anna Netrebko. Copyright: Monika Rittershaus

Woran erkennt man eine Primadonna? Etwa an der Tatsache, dass für die Diva Programm-Projekte entstehen, die ansonsten nicht geplant worden wären. Die konzertante „Manon Lescaut“ von Giacomo Puccini, die in diesem Sommer in der Salzach-Stadt  3 mal gegeben wird, ist dafür ein typisches Beispiel. Anna Netrebko, die russische Star-Sopranistin, die vor 12 Jahren als Donna Anna in Salzburg international „entdeckt“ wurde, wechselt immer mehr ins dramatische Fach. Lady Macbeth war bereits ein Riesen-Erfolg, nun werden Tosca und Aida folgen. Aus Norina und Mimi wurde nun Troubadour-Leonore und Manon Lescaut. Und außerdem lernte sie bei ihrem  Rollend-Debüt als Manon Lescaut in Rom – unter Riccardo Muti – ihren  jetzigen Ehemann kennen. Yusif Eyvazov –aus Aserbaidschan – heißt er und ist ein wirklicher C-Tenor. Und bei der Wiener Turandot-Premiere, als er für Johan Botha einsprang – konnte man sich überzeugen, was seine Vorzüge sind. Mag sein, dass er in der Mittellage zu wenig Schmelz hat. Dafür entschädigt er mit fulminanten Höhen, seine Stimme ist riesig und die Durchschlagskraft enorm. Dennoch bezweifelten auch Fans von Anna Netrebko, ob er den Ansprüchen seiner eigenen Ehefrau „standhalten“ könnte. Doch sehr rasch wurde klar. Er kann! Am Ende gab es Jubel, Trubel, Blumen und „standing ovations“ und Yusif  Eyvazov kniete vor dem Publikum nieder und wischte sich Tränen der Rührung aus den Augen. Der psychische Druck muss jedenfalls enorm gewesen sein. Doch der gleichwertige Triumph im Vergleich zu Anna Netrebko – im  riesigen Großen Festspielhaus – entschädigte zweifellos für  die seelischen Belastungen. Doch zurück zur konzertanten „Manon Lescaut“.

Am Pult des Münchner Rundfunkorchesters stand Marco Armiliato, der legitime Nachfolger  eines Albert Erede – ein echter italienischer Kapellmeister, bei dem sich die Sänger besonders wohl fühlen. Er leitete  auch die Wiener „Manon Lescaut“-Vorstellungen mit Anna Netrebko (aber ohne Ehemann) und erwies sich ideal für die Klang-Pracht von Puccini, die von der Melancholie des Zwischenspiels (3.Akt) bis zur Dramatik des tödlichen Finales reicht. Apropos Dramatik: die Abgrund-hässliche und unlogische Wiener Inszenierung geht einem in Salzburg in keiner Weise ab: das Spiel von Anna Netrebko mit ihren Partnern ist intensiv und glaubhaft und unterstreicht die emotionale Wirkung dieser Oper, die für Puccini den Durchbruch brachte. Anna Netrebko als Puccini-Manon – das liefert einen Hexenkessel an Emotionen. Die russische Diva hat nicht nur eine der schönsten Stimmen, sie erzeugt geradezu elektrische Spannungen. Dabei sitzen die Piani wie eh und je, die üppige, dunkle Stimme füllt das riesige Festspielhaus. Anna Netrebko verbindet Musikalität und Psycho-Spannungen, wie sie an die Callas oder Rysanek erinnern. Ein Glücksfall, wer zu Karten kommt.

Yusif Eyvazov kann zunächst noch nicht ganz mit seiner Ehefrau konkurrieren. Die beiden ersten Akte sind nicht für einen Otello oder Radames geschrieben. Aber spätestens mit seiner großen Arie im 3. Akt („Udite“), wenn er sich die Mitreise-Erlaubnis erbittet, zieht er mit Anna Netrebko gleich. Das ist große Oper, die einen kollektiven Flow auslöst. Man fühlt sich an die Zeiten eines Franco Corelli erinnert. Der Rest der Besetzung schwankt zwischen vielversprechend ( Benjamin Bernheim als Edmondo) und ordentlich ( Armando Pina als Bruder mit zu wenig Stimmvolumen). Als Chor sind einmal mehr die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Leitung Ernst Raffelsberger) aufgeboten – wie immer in Bestform! Doch man kann es drehen und wenden wie man will. Mit dieser „Manon Lescaut“ wurden Primadonnen-Wünsche befriedigt. Zur Freude aller Beteiligter! Und das Ehepaar Netrebko-Eyavazov werden wir wohl noch öfters gemeinsam erleben. Wunderbar!

Peter Dusek

 

Diese Seite drucken