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SALZBURG/ Großes Festspielhaus: DER ROSENKAVALIER – „Das Ganze ist halt eine Farce…“. Gedanken zur Radioübertragung und zur Presseberichterstattung

03.08.2014 | KRITIKEN, Oper

“Das Ganze ist halt eine Farce…”

Gedanken zur Ö1-Radioübertragung und der Presseberichterstattung über die Neuproduktion von Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier”

Beim Frühstück liest man im Online-Merker die Auszüge aus der Nachtkritik des Kurier und reibt sich verwundert die Augen. Ist der Rezensent nicht derselbe, welcher letztes Jahr Maestro Welser-Möst just am Premièren-Tag der von ihm zurückgelegten “Così fan tutte”-Produktion in einem Interview unüberprüft die Unwahrheit behaupten ließ, Jonas Kaufmann habe kaum für “Don Carlo” geprobt: “[…] Nehmen wir nur als Beispiel den ‘Don Carlo’: Peter Stein hatte angeblich vier Tage Zeit für Proben mit Jonas Kaufmann. […]” (Kurier vom 21.August 2013).

Wie Alexander Pereira wenige Tage später im Rahmen der Diskussionssendung “Talk im Hangar-7” auf Servus TV zu berichten wußte, sei Herr Kaufmann über diese Wortmeldung “not amused” gewesen und habe dies Maestro Welser-Möst auch in einem Telefonat entsprechend wissen lassen (ca. ab 45:00 Minuten).

War es nicht jener Journalist, der einen Tag später über die Sänger der “Così fan tutte”-Première schrieb: “[…] Wenn das das neue Mozart-Ensemble sein soll, muss man sich vor den weiteren Premieren fürchten. Nur zwei der Protagonisten singen auf Topniveau und würden jeder Mozart-Aufführung zur Ehre gereichen: […]” (Kurier vom 22. August 2013)

In derselben Publikumsdiskussion von “Talk im Hangar-7” klärte Alexander Pereira denselben Rezensenten übrigens darüber auf, daß Maestro Welser-Möst die “Così”-Besetzung für die dann von ihm abgegebene Produktion selbst (mit-)ausgewählt hatte (ca. ab 43:30 Minuten).

Schreibt jener Rezensent nicht für eine Tageszeitung, welche die auf den Szenenfotos der “Rosenkavalier”-Produktion abgebildeten Damen und Herren nicht den richtigen Partien und Namen zuzuordnen weiß? (In der Zwischenzeit und nach entsprechenden Kommentaren der p.t. Leserschaft wurden die Bildunterschriften zum Teil entfernt. Schuld ist laut einem Forumseintrag des Blattes die APA; — journalistische Sorgfalt buchstabiert man jedenfalls anders.)

Szene aus „Der Rosenkavalier“: Günther Groissböck und Sophie Koch. Foto: Monika Rittershaus

Und ebendiesem Rezensenten, welcher seine spätere Kritik mit “So geht Festspiele” betiteln wird, soll man gemäß seiner Nachtkritik glauben, daß Frau Stoyanova eine “grandiose, berührende” Marschallin war? Und daß Maestro Welser-Möst ein “emotional starkes, differenziertes Dirigat” ablieferte?

Unbenannt Franz Welser-Möst

Aber es ist August und Festspielzeit und Samstag und man hat Muße, also setzt man sich mit dem Klavierauszug hin und ist bereit, sich einzulassen auf die Ö1-Radioübertragung dieser “besten Festspiel-Opernproduktion seit langem”. Die Damen und Herren Techniker vom Radio wissen nämlich — gottseidank! —, wie man das Große Festspielhaus richtig “aufmikrofoniert”, sodass die Stimmen und das Orchester zu ihrem Recht kommen. (Und dafür sei ihnen an dieser Stelle einmal aufrichtig und von ganzem Herzen gedankt!)

Schon das Vorspiel zum ersten Aufzug lässt einen allerdings zweifeln: Zu grob, zu ungeschlacht geht es da zu, auch wenn — zumindest laut Partitur — hinter dem noch geschlossenen Vorhang zwei Liebende dem Knaben Cupido ein Geschenkerl ablisten. Bald man fragt sich, wo das so gelobte, “differenzierte” Dirigat bleibt: Zu eintönig geht’s einem da dahin, ohne große Unterschiede zwischen piano und forte. Die Dynamikwechsel dauern viel zu lang, als müsse immerzu subito in der Partitur stehen, um sie zu beachten.

Nichts bleibt mehr von den selbst formulierten Zielen: “Als Sophie mit Octavian über ihre Verwandtschaft redet, sagt sie: Sie nehme das Buch mit den Stammbäumen, den ‘Ehrenspiegel Österreichs’, abends ins Bett und suche sich ihre ‘zukünft’ge, gräflich‘ und fürstlich‘ Verwandtschaft drin zusammen’. Auf ‘Bett’ setzt Strauss ein Subito pianissimo, gleich danach schreibt er ein Espressivo den Geigen hin. Nur beim Wort ‘Bett’! In zwei Sekunden ist eine winzige Anzüglichkeit komponiert. Das muss man herausbringen! […]” (II<41>-4). Das hört man nur leider in der Aufführung nicht, ebenso wie bei II<46>, wo zwar Strauss, nicht aber der Dirigent des Abends das dasselbe Spiel zu Sophies Worten “[So nennen Ihn halt seine guten Freunde] und schöne Damen, denk‘ ich mir, mit denen er recht gut ist.” wiederholt.

Nach dem zweiten Akt findet man sich damit ab, daß das Dirigat streckenweise eintönig erscheint und so mit Fortdauer des Werkes langweilig wird, mögen da die Wiener Philharmoniker auch spielen, wie sie es für richtig halten.

Aber zuviel Routine ist offenbar hinderlich bei “Leib- und Magenstück[en]”, wie man sich auch satt essen kann an Lieblingsgerichten, denn “unübersehbar oft hat Franz Welser-Möst den ‘Rosenkavalier’ dirigiert, vor allem in Zürich und Wien”, wie die Salzburger Nachrichten (25. Juli 2014) vorab zu berichten wußten. Die Zahl “drei” darf man in Hinkunft also mit “unübersehbar oft” gleichsetzen, denn ebenso viele Vorstellungen des “Rosenkavalier“ dirigierte der Herr Generalmusikdirektor bisher an der Wiener Staatsoper, erstmals am 23. April 2014 und mit eher durchwachsenem Erfolg, wenn man von der professionellen Berichterstattung absieht, welche — siehe obige Beispiele — doch über alle Zweifel in der Qualität ihrer Berichterstattung erhaben ist. Da wird sich Maestro Adam Fischer, der seine Dirigate im Oktober 2013 viel differenzierter und interessanter zu gestalten wußte und den Sängern ein verlässlicher Begleiter war, sicher kränken. Stand er doch bislang nur bei 18 “Rosenkavalier”-Vorstellungen am Pult des Staatsopernorchesters und nicht wie sein Kollege “unübersehbar oft”, “vor allem in Zürich und Wien”.

Im dritten Aufzug sind Bühnenmusik und Graben nicht immer beieinander, vor allem, wenn — Mozarts “Don Giovanni” läßt grüßen — wie ab Ziffer 56 die einen im Walzertakt spielen, die anderen im 4/4-Takt. Hat man das im Repertoire nicht auch schon in Dresden oder München sauberer, stringenter gehört, die Walzer runder und zündender?

Wie aber läßt sich angesichts eines oberflächlich vorbeihuschenden Terzetts ein “emotional starkes, differenziertes Dirigat” konstatieren, wenn man je dem Finale des auf Orfeo verfügbaren Live-Mitschnitts vom 13. Juli 1973 aus der Bayerischen Staatsoper lauschte, mit Carlos Kleiber und den Damen Claire Watson, Brigitte Fassbaender und Lucia Popp? Denn wie da die Zeit im Terzett fast zum Stillstand kommt, wie da ein Mensch am Pult einen — freilich aussichtslosen — Kampf führt dagegen, dass diese Vorstellung ein Ende finde, das ist einzigartig und zählt zu den größten “Rosenkavalier”-Momenten, welche auf Tonträgern veröffentlicht wurden. Wie das Orchester die Sängerinnen liebkost und umschmeichelt, sie doch zum Verweilen einlädt — nein, anfleht — wie da das Orchester im ppp säuselt und uns den Schmerz der Marschallin mitempfinden läßt… Da verzehrt sich einer, wird eins mit der Musik und gibt sich dem Augenblick hin mit einer Zärtlichkeit, die einen als Zuhörer nur mehr Staunen macht…

Nun war die Première des “Rosenkavalier” nach Anhören der Radioübertragung gewiß keine schlechte Vorstellung, mit Bühne und Kostümen vielleicht sogar eine gute. Dennoch ist zu konstatieren, daß viele das Zuhören verlernt zu haben scheinen. Oder, um beim Rezensenten-Deutsch zu bleiben: “Festspiele geht anders.“

Thomas Prochazka

 

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