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SALZBURG/ Großes Festspielhaus: Andris Nelsons dirigiert Mahlers dritte Sinfonie

09.08.2021 | Konzert/Liederabende

Andris Nelsons dirigiert Mahlers dritte Sinfonie mit den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen

TRÄUMERISCH ENTRÜCKT

Stream: Andris Nelsons dirigiert Mahlers dritte Sinfonie im Großen Festspielhaus am 8.8.2021 bei den Festspielen/SALZBURG

Die dritte Sinfonie in d-Moll hat Gustav Mahler im Sommer 1896 vollendet. Sie verlangt sogar noch eine reichere Instrumentalbesetzung als dessen gigantische zweite Sinfonie. Der erste Satz schilderte bei dieser konzentrierten Wiedergabe in wahrhaft aufwühlender Weise, wie Pan erwacht. Wie ein Marsch  in vielen Bildern entwickelte sie sich hier aus einem wanderliedartigen Thema, das immer weiter wuchs und sich kunsvoll abwandelte. Mystisches, Naturpoesie und Daseinsangst vereinigten sich in einem bewegten Klangkomsos, den die Wiener Philharmoniker unter Andris Nelsons facettenreich steuerten. In der zweiten Abteilung wurde dann das Gewordene eindringlich vorgestellt: „Was mir die Blumen erzählen“. Nach Mahlers eigenen Worten bleibt es hier nicht bei einem Idyll, sondern „alles wird furchtbar ernst und schwer“. Gerade diesen Aspekt arbeitete Nelsons mit den Wiener Philharmonikern sehr konsequent heraus. Der dritte Satz mit dem Motto „Was mir die Tiere erzählen“ erreichte gerade bei dieser Interpretation einen ungeheuer starken Intensitätsgrad, der sich immer mehr verdichtete. Dieses Scherzo hat als Grundlage die Melodie von Mahlers „Wunderhorn“-Lied „Ablösung im Sommer“. Man vernahm Vogelrufe und volksliedhaft schlichte Themen, die die Wiener Philharmoniker sehr durchsichtig musizierten. Den idyllischen Charakter dieses Satzes unterstrich das nuancenreich gespielte Trio, wo das Posthorn eine gefühlvolle Volksweise blies. Kraftvoll trat dann die Tierepisode wieder in den Vordergrund. Im langsamen vierten Satz beeindruckte die Altistin Violeta Urmana mit ebenmäßigen und überaus ausdrucksvollen Kantilenen. Das Lied vom Leid „Was mir der Mensch erzählt“ erinnerte an Nietzsches Worte. Und die Melodie „Doch alle Lust will Ewigkeit“ war hier von großer Wärme erfüllt. Knaben- und Frauenchor des Bayerischen Rundfunks (Choreinstudierung: Howard Arman) sowie der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor (Einstudierung: Wolfgang Götz) beschrieben zu Glockenklang höchst sphärenhaft die visionären Verse des „Wunderhorn“-Liedes „Es sungen drei Engel einen süßen Gesang“. Es handelt sich dabei um eine der schönsten Vertonungen Mahlers. Auch arbeitete Nelsons das dynamische Gleichgewicht von Chor und Orchester ausgezeichnet heraus. Zarte Glockenklänge begleiteten den kindlich-frohen Ton. Träumerisch entrückt erschien das Finale „Was mir die Liebe erzählt“. Die Streichermelodie breitete sich hier mit unendlicher  Klarheit in immer größerer Weite aus, bis sie von den monumentalen Pauken-Einsätzen gekrönt wurde. Dass die drei letzten Sätze unmittelbar ineinander übergehen, machte Nelsons mit den Wiener Philharmonikern sehr gut deutlich. Was zuletzt folgte, war ein gewaltiger klanglicher Aufbau voller lichter Harmonie. Großer Jubel.

Alexander Walther

 

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