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SALZBURG/ Festspiele: KATJA KABANOWA – miterlebt via 3SAT

21.08.2022 | Oper in Österreich

„Katja Kabanowa“ via 3sat bei den Salzburger Festspielen (20. August 2022)

Exzellente Personenführung

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Jarmila Balazkova (Varvara) und Corinne Winters (Katja).  Copyright: Salzburger Festspiele/ Monika Rittershaus

Leos Janaceks „Katja Kabanowa“ am 20.8. via 3sat bei den Salzburger Festspielen/ Nach Alexander Ostrowskijs Schauspiel „Das Gewitter“ komponierte Leos Janacek seine dreiaktige Oper „Katja Kabanowa“, für die Barrie Kosky in seiner schlichten, aber weiträumigen Inszenierung eine spannungsgeladene psychologische Personenführung findet. Neben ein paar vermummten Gestalten dominiert hier der große Chor, der in statischer Pose mit dem Rücken zum Publikum steht und eine grausame und teilnahmslose Gesellschaft verkörpert. Wohlhabende Kaufleute werden in diesem großstädtischen Milieu zu Mumien. Dabei erweist sich Kosky als idealer Regisseur, der es sehr gut versteht, mit den Opernsängern schauspielerisch zu arbeiten. Dieser Aspekt kommt in der Inszenierung auch noch weit überzeugender zum Vorschein als im fahlen Bühnenbild.

Davon profitiert vor allem die ausgezeichnete Sopranistin Corinne Winters als Katja Kabanowa, die von ihrer Schwiegermutter tyrannisiert wird. Diese verkörpert packend die wandlungsfähige Mezzosopranistin Evelyn Herlitzius als reiche Witwe Kabanicha, die allerdings die Fäden der Handlung hexenhaft in ihren Händen hält. Ihr willensschwacher Sohn Tichon (mit strahlkräftigem Tenor: Jaroslav Brezina) steht hilflos zwischen diesen beiden starken Frauen, was die Inszenierung facettenreich herausarbeitet. Im weiträumigen, requisitenlosen Bühnenbild von Rufus Didwiszus kommt es zu einer weiteren erheblichen Steigerung des dramaturgischen Spannungsbogens, als Katja mit Varvara, der recht lebenslustigen Ziehtochter der Kabanicha, zusammentrifft und ihr von ihren Träumen erzählt. Die Mezzosopranistin Jarmila Balazkova bildet hier als Varvara zu Katja Kabanowa einen nuancenreichen Gegenpol. Katja gesteht ihr schließlich, einen anderen Mann zu lieben, obwohl sie sich gegen dieses Gefühl wehrt. Ihr Ehemann Tichon macht sich zur Abreise bereit – und Katja wird von ihrer Schwiegermutter nochmals heftig attackiert. Sie soll während Tichons Abwesenheit keinen anderen Mann anschauen.

Das Geschehen nimmt jetzt eine elektrisierende Wendung, denn Varvara steckt Katja für ihr Treffen mit Boris heimlich einen Schlüssel zu. David Butt Philip gibt Boris nicht nur starke stimmliche Präsenz, sondern er sorgt auch in erheblicher Weise für eine weitere dramatische Steigerung des Geschehens. Während sich Varvara und ihr Liebhaber Kudrjas (gesanglich beweglich: Benjamin Hulett) vergnügen, gesteht Katja Boris in ergreifender Weise ihre Liebe. Hier kommt es auch szenisch zu einem bewegenden Höhepunkt in dieser interessanten Aufführung. Im weiteren Verlauf der Handlung gesteht Katja ihre Liebe zu Boris in Gegenwart der gesamten Gesellschaft – und in der unheimlichen Gewitterstimmung  fordert Katjas Schwiegermutter deren strengste Bestrafung. Zuletzt sucht Katja den Tod in der Wolga, was durch einen schachtartigen Sturz symbolisiert wird.

Es ist der große Pluspunkt dieser Inszenierung, dass hier alle Personen in geheimnisvoller Weise miteinander verbunden sind. Sie agieren immer wieder wie an unsichtbaren Fäden. In weiteren Rollen überzeugen weitgehend Jens Larsen als Svjol Prokofevic Dikoj (der sich mit der bösen Kabanicha als „Hündchen“ ein köstliches Duell liefert), Michael Mofidian als Kuligin, Nicole Chirka als Glasa (eine Frau) sowie Ann-Kathrin Niemczyk als Feklusa. Die Wiener Philharmoniker überzeugen unter der einfühlsamen Leitung von Jakob Hrusa bei dieser klanglich subtilen Wiedergabe durch ausgefeilte Detailarbeit. Leos Janaceks Klangsprache gewinnt so immer wieder ungeahnte Intensität und Ausdruckskraft. Die Magie des Naturklangs triumphiert. Lyrik und Dramatik halten sich so in aufregender Weise die Waage. Trotz des Fehlens der Leitthematik gelingt es, der reizvollen Harmonik ständig neue Akzente abzugewinnen. Man spürt bei diesem differenzierten Dirigat neben Mussorgskis Naturalismus und dem Impressionismus Debussys sogar ganz versteckt den Verismus der italienischen Oper. Mit der glühenden Anteilnahme seines slawischen Herzens scheint Janacek dabei das an „Jenufa“ gemahnende Geschehen zu schildern. Der tschechische Sprachrhythmus beherrscht das melodische Material. Und auch der Wiener Staatsopernchor (Einstudierung: Huw Rhys James) bietet an diesem Abend eine Glanzleistung.

Viele „Bravo“-Rufe, Ovationen.

Alexander Walther

 

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