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SALZBURG/ Festspiele/ im Dom – Konzertreihe 20.16: MISSA SALISBURGENSIS von Heinrich Ignaz Biber (geb. 1644)

28.07.2016 | Konzert/Liederabende

Salzburger Festspiele Konzertreihe 20.16: Heinrich Ignaz Franz Biber: Missa Salisburgensis – 27.7.2016

missa
Copyright: Karl Masek

 Der Feier zur 200-jährigen Zugehörigkeit Salzburgs zu Österreich sind anlässlich der heurigen Festspiele vier Konzerte „20.16“ im Rahmen der „Ouverture spirituelle“ gewidmet. Zu den wichtigsten Salzburger Kapellmeistern gehörte ab 1684 der 1644 in Wartenberg, Böhmen, geborene. H.I.F. Biber. Bereits ab 1670 lebte der Violinvirtuose in Salzburg und war in Diensten des Salzburger Fürsterzbischofs Max Gandolph von Kuenburg. Biber lebte bis zu seinem Tod 1704 in Salzburg

 Mit dem Salzburger Dom stand dem ehrgeizigen Komponisten ein besonderer Klangraum zur Verfügung, der ihm alle Möglichkeiten für mehrchörige „Musikarchitektur“ bot. Mit der 53-stimmigen Missa Salisburgensis schrieb er ein groß dimensioniertes, ganz auf den barocken Sakralbau zugeschnittenes Werk, mit – so würde man heute sagen – Quadrophonie-Effekten. Der äußere Anlass war das 1100-jährige Jubiläum der Gründung des Erzstiftes Salzburg, welches 1682 mit Pomp und Gloria gefeiert wurde.

Zwei vokale Chöre zu jeweils achtzehn Stimmen – die Hälfte mit solistischen Aufgaben-, vier instrumentale Chöre (46 Mitwirkende, darunter vier Orgeln und zehn Trompeten!) geben dem Monumentalwerk spektakuläre Dimension und prachtvolle barocke Sinnlichkeit. Blech und Pauken spielen von den vier Orgelemporen aus, Sänger und das „restliche“ Orchester befinden sich vor dem Altar. Der Dirigent hat den herausfordernden Part, dies alles zu koordinieren.

 Václav Luks, 2005 Gründer und seither Leiter des  Prager Collegium 1704“ und des „Collegium Vocale 1704“ tut dies mit Bravour. Und er ist weit, weit mehr als ein „Musikalischer Verkehrspolizist“! Er wird gestalterisch allen Facetten zwischen majestätischem C-Dur-Klang, dramatischer Durchschlagskraft, homophonen Blöcken, polyphonen Geflechten und innigen Ruhepunkten gerecht, verleiht mit klarer Zeichengebung Sicherheit. Und vor allem: Er spielt meisterhaft mit spezieller Akustik und Nachhall im Dom!

 Orchester und Chor setzen die Intentionen des Dirigenten perfekt um. Nicht allzu oft hört man bei Barockmusik so makellose Trompeten (stellvertretend seien die beiden Solisten Hannes Lux und Almut Lux genannt), perfekt abgestimmt mit den beiden Paukisten. Wunderbar homogen alle Streicher, die Holzbläser Basis hin zu Theorben und Zink.

 Aus einem Guss der 36-stimmige Chor in den Tutti-Abschnitten, die subtilen Soli heben sich mit Diskretion heraus, liefern gleichwohl höchste Perfektion. Und alle singen an diesem Abend sozusagen in der Champions League des Barock: Von den glasklaren Sopranen Silvia Frigato und Miriam Feuersinger bis zu den schlanken Bässen Tomàš Kràl und Stephan McLeod, von den samtigen Alt(us)stimmen Terry Wey und Kamila Nazalovà bis zu den biegsamen Tenören Vàclav Čizek und Alessio Tosi.

 Verdiente Ovationen für alle von einem enthusiasmierten Publikum im praktisch ausverkauften Dom.

 Als Kontrast hörten wir zu Beginn von Claudio Monteverdi vier Werke aus „Selva morale et spirituale“, einen „Bunten moralisch-geistlichen Wald“, wie die Salzburger Musikwissenschaftlerin Irene Brandenburg im Programmheft schreibt, und ein Stück aus der Marienvesper. Alles eine Art Zusammenschau aus einem Komponistenleben, was Monteverdis Sakralwerk betrifft.  Und alles komponiert für Venedigs Markusdom. Dies die dramaturgische Klammer in diesem bemerkenswerten Konzert.

 „Ouverture spirituelle“ war eine innovative Idee des Alexander Pereira am Beginn seiner Salzburger Intendanz. Diese Idee wurde auch von jenen, die nicht alles goutierten, was von Pereira kam, mit Begeisterung aufgenommen: Vor dem offiziellen Beginn der Festspiele „ankommen“, Spirituelles und Kontemplatives aufnehmen. Anscheinend wird es diese wunderbare Einführung nächstes Jahr nicht mehr in dieser Form geben. Was schade wäre, und Markus Hinterhäuser wäre gut beraten, eine ähnliche Programmschiene auch in Zukunft zu planen.

 Karl Masek

 P.S.: Der Salzburger Bachchor   (Leitung: Alois Glaßner) führte insgesamt viermal zur Mittagszeit in der Salzburger Peterskirche die zehnminütige Motette zu vierzig solistischen (!!) Stimmen, „Spem in alium“, von Thomas Tallis (1573) auf. Ein künstlerischer Kraftakt, den sich kaum ein Chor sonst zutrauen würde. Bei freiem Eintritt war die Kirche bummvoll von begeisterten Menschen, die diesem künstlerischen Kleinod lauschten. Ein weiteres. Argument, dass so etwas wie „Ouverture spirituelle“ weiterhin zum Salzburger Festspielsommer passen würde…

 

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