Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

SALZBURG/ Festspiele: COSÌ FAN TUTTE – Mozart’sches Vollblut-Theater

08.08.2016 | Oper

Salzburger Festspiele: 6.8. 2016 „COSÌ FAN TUTTE“ – Mozart’sches Vollblut-Theater

Ob man den Damen Unrecht tut, indem man sie alle für wankelmütig, der Treue unfähig, eitel und kokett abstempelt, oder ob diese Charakterlosigkeit eher den Herren nachzusagen wäre – die Frage ist hinfällig geworden angesichts dieser Mozart-Neuproduktion vom selben Regisseur, der das Stück zuletzt bei den Festspielen recht gut inszeniert hat. Sven-Eric Bechtolf hat (nach guten Vorgänger-Produktionen, auch in Zürich) sein absolutes musikdramatisches Meisterwerk vorgelegt – im riesigen Raum der Felsenreitschule und mit sechs) Vollblutsängern und –darstellern. So eindeutig war Mozarts Botschaft in diesem umstrittenen und allzu oft fehlinterpretierten Bühnendrama noch kaum jemals: alle 6 handlungstragenden Personen lieben, leiden, wagen, verzagen, amüsieren sich, verzehren sich vor Leidenschaft, sind ihr hilflos ausgeliefert, versuchen es wegzustecken, suchen nach Auswegen und finden keine: im großen Spiel um die Liebe und mit der Liebe.

Es gibt keine Bösen und Guten – auch Don Alfonso ist nicht böse. Die Wette mit den verliebten Freunden, ob es treue Frauen gibt, ist eine große Risiko-Aktion. Nicht umsonst setzt er alle theatralischen Listen in Bewegung, um letztlich vielleicht dem Rätsel auf den Grund zu kommen. Es gelingt ihm nicht. Was ihm am Ende bleibt: den verwirrten Paaren zur Vernunft zu raten. Aber gerade die würde auf Dauer dem Phänomen Liebe den Todesstoß versetzen.

Ein deprimierendes Stück? Schon überhaupt nicht. Nein, das lebendigste und theatralisch beglückendste, was auf der Opernbühne möglich ist. Warum? Weil sich alle Beteiligten die Seele aus dem Leib spielen und – singen! Und wie das möglich ist? Sie hören in Mozart hinein und jede minimale vokale und gestische Andeutung gibt wieder, was dieses Genie geschrieben hat. Hier endlich kapiert man voll, warum Franz Welser-Möst immer gesagt hat, Bechtolf sei ein ungemein musikalischer Regisseur: Hier ist’s unbestreitbar Bühnenwirklichkeit geworden.

Mögen gescheite Kritiker tadeln, dass die Intimität des Spiels in so großem Rahmen verloren geht. Ein viel größerer Gewinn steht dem gegenüber: Die Bedeutung des ganzen Spiels wächst, wenn die Akteure sich in dem riesigen Areal austoben dürfen. Oftmals sieht man sie durch die Arkaden in ganzer Länge und Breite laufen, Don Alfonso und seine gekürten Helfer beiderlei Geschlechts marschieren nicht nur vermummt zwischen Orchestern und Zuschauerraum ihrem anbefohlenen Ziel zu, sondern bauen auch mal meterlang und b-reit hohe Stoffwände mitten auf der Bühne auf oder ab, der ach! so überlegene „Philosoph“ karrt die Hauptdarsteller seiner intendierten Komödie auf dem Schubkarren herein, serviert ihnen wiederholt obskure Getränke, durch die sie verwirrt oder gar ohnmächtig werden… Der Rätsel gibt es viele im Leben, und viele davon werden gezeigt (Beginn der Vorstellung: 15 Uhr, Ende 18,50 Uhr, Fassung ohne Striche).

Voraussetzung für dieses ebenso erquickliche wie erschreckende Spektakel: großartige Sänger mit herrlichen Stimmen auf meist hell ausgeleuchteter Bühne gut sichtbar in schönen und effektvollen historisierenden Kostümen – offenbar Menschen, denen nichts Menschliches fremd ist. So kann man Mozart gerecht werden, dem ein Gleiches zuzuschreiben ist. Mimik, körperliche Beweglichkeit, vokale Flexibilität und Wohlklang ohn‘ Ende aus menschlichen Kehlen und aus dem Salzburger Mozarteumorchester unter dem italienischen Dirigenten Ottavio Dantone (in Konzert und Oper von der Alten Musik kommend, mit bereits viel Mozart-, aber auch Belcanto-Erfahrung).

Ich wiederhole zusammenfassend: kein sog. Regiekonzept, sondern eine geschmackvolle und einfallsreiche Inszenierung voll prallen Lebens, im großen Rahmen zum Welttheater mutiert.

An der Spitze ein sensationeller Sängerdarsteller als Don Alfonso: Michael Volle. Einer, der ebenso Beckmesser wie Hans Sachs, Madryka wie Scarpia, Dr. Schön wie Wilhelm Tell, Graf Almaviva wie Wozzeck, Wotan wie Papageno „kann“, dazu Lieder und Oratorien singt. Ihm kann man alles zumuten. Bechtolf lässt den tollen Philosophen mit dem unendlichen Spieltrieb schon vor Beginn der Ouvertüre durch die Seitentür hereinkommen und seine Ideen für die kommende Selbstinszenierung halb rezitierend, halb vokalisierend vor sich her trällern. Dann lenkt er die Mitspieler auf ihre Plätze, lässt sie zu Boden fallen und erweckt sie bei Bedarf. Mit der Kraft der Wotanstimme da Pontes raffinierten (vielleicht vom Librettisten ein bisschen autobiographisch angehauchten) Philosophen gestalten? Wie geht das? Ganz wunderbar, wenn diese Prachtstimme flexibel geblieben ist, ganz vom Wort her gelenkt und dem Melos des Komponisten anvertraut wird. Ein Ohrenschmaus. Und dazu ständig Denkanstöße: warum handelt er so gemein und singt so schön? Dieser „Don“ lacht sich schief über alle gelungenen Streiche und spielt Theater bis zum Geht-nicht-mehr: wie er laut aufheulend und in seine Ellenbogen hinein jammernd gebeugten Hauptes das Schicksal der Freunde beklagt, weil sie zum Militär einberufen wurden – alles Leben au fder Bühne steht still, wenn dieser Erzkomödiant es will. Und so geht das weiter an die 4 Stunden. Er hat viel zu tun und bleibt der absolute Star des Abends, ohne aus dem Rahmen zu fallen! Eine Kunst für sich. (Wir haben zu junge und zu alte Alfonsos erlebt, solche mit zu hellen oder zu dunklen, zu großen oder zu kleinen Stimmen, auch Flüsterer, die nur den Text vermittelten…, aber Volle ist eben ein Volltreffer).

Il tenore: Mauro Peter. Il baritono: Alessio Arduini. Beide Besitzer großer, schöner Mozartstimmen. Zwei fesche junge Männer, spielfreudig und spielbegabt, leicht erregbar, selbstgefällig, heißblütig, wenn Gefahr droht, dass sie nicht die bestmöglichen Liebhaber sein könnten. Was die beiden aufführen, wenn der Dottore sie behandelt – alle Körperteile kommen zum Einsatz, sie kriechen übereinander, rollen umher, plumpsen zu Boden, lassen als orientalische Freier ihre Beine in den weißen Pumphosen bewundern.. Ein Spaß ohne Ende.

Die jungen Frauen: Julia Kleiter (Fiordiligi) und Angela Brower (Dorabella), optisch die Verführung pur, vokal mit allen Raffinessen der Sangeskunst im Einsatz, beide mit großem Tonumfang, jeder Tiefe, jeder Höhe gewachsen, daher leicht verwechselbar und eine kleine Entschuldigung dafür, dass die Männer so leicht von der einen zur anderen übergehen können. Schwesterlicher Nachahmungstrieb veranlasst mehrmals die eine, in Ohnmacht zu fallen, weil die andere gefallen ist. Sie fallen oft und spielen noch öfter um die Wette großes Theater. Und folgen nicht ungern der größten aller Teatralikerinnen: Martina Jankova, einem hinreißend liebenswerten kleinen Miststück von Despina, wie es im Buche steht (bei Mozart und da Ponte). Die singt und quietscht und raunzt und manipuliert die Gemüter der Mitspieler mit geschärften Konsonanten oder lang gehaltenen Tönen und zerwuzelt sich dabei selber vor Lachen… Unglaublich, aber wahr. Und ist bei alledem ganz süß anzuschauen.

Was an Spielmöglichkeiten mit Aussagekraft möglich ist, kommt auch vom Orchester. Ganz konform mit dem Bühnengeschehen. Der Chor (einstudiert von Ernst Raffelsberger) spielt mit, das Licht (Friedrich Rom) spielt mit. Und das Publikum spielt mit. Kein Schmäh verpufft lautlos diesseits der Rampe und des Orchesters. (Es gab auch schon „Così“-Aufführungen, wo überhaupt nicht gelacht wurde…)

Eine wahre Salzburger FESTSPIEL-AUFFÜHRUNG! Eine, die den größten Sohn der Stadt rehabilitiert. Aber eigentlich hat er das sowieso nicht nötig. Denn die ganze Welt kennt seinen Wert.        

Sieglinde Pfabigan

 

 

 

 

Diese Seite drucken