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SALZBURG/ Felsenreitschule: DER PROZESS – von der Ausgeliefertheit des Seins

Einems "Prozess" als umjubelte Konzert-Aufführung.

15.08.2018 | Oper


Jörg Schneider, Anke Vondung, Matthäus Schmidlechner. Copyright: Marco Borelli/ Salzburger Festspiele

Felsenreitschule: VON DER AUSGELIEFERTHEIT DES SEINS: EINEM‘S „PROZESS“ALS UMJUBELTE KONZERT-AUFFÜHRUNG (14.8.2018)

Auf der Bühne: Reste der „Salome“-Dekoration; dazu der „Star“ des Abends – das RSO, das phänomenale Radio-Symphonieorchester Wien; gemeinsam mit den Solisten(an der Spitze Josef K./Michael Laurenz) und dem Dirigenten, dem Gottfried von Einem-Schüler HK Gruber werden sie zuletzt ähnlich gefeiert wie das Ensemble der Richard-Strauss-Oper. Immerhin wurden sowohl Dantons Tod(Nach dem Drama von Büchner) von Gottfried von Einem im Sommer 1947 im Salzburg zum Uraufführungs-Erfolg geführt. Und auch seine zweite Oper „Der Prozess“ – nach dem Romanfragment von Franz Kafka– erzielte im Jahr 1953 einen Triumph, der sich nun – zu einem Konzert zum 100.Geburtstag offenbar wiederholte. Allerdings herrschten ganz andere „Rahmenbedingungen“: denn zwischen den beiden Premieren lag jene menschenverachtende „Hatz“ gegen Gottfried von Einem, der sich als Mitglied des Salzburger Festspiel-Kuratoriums für die Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft an Berthold Brecht eingesetzt hatte. Dazu kam, dass sich Einem gegen die dogmatische Dominanz der Zwölftontechnik entschieden hatte. Seine Werke – etwa auch „Der Prozess“ sind alles andere als spätromantische Populär-Musik; die Partituren Einem nehmen eine Entwicklung vorweg, die Jahrzehnte später Komponisten wie Addams (Nixon in China) oder Walten („The bear“) fortgesetzt haben. Aber auch die bedrückende Aktualität der Werke von Franz Kafka hat in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Dieses – zugegeben surreale – Stück über eine nicht nachvollziehbaren Verhaftung samt abschließender Hinrichtung entspricht einem Alptraum, aber zugleich einem Lebensgefühl, das immer mehr junge Leute überfällt. Der Anlass für Kafka’s Pessimismus mag dem Ausbruch des 1.Weltkrieges und das Platzen seiner Verlobung gewesen sein; seine Schuldgefühle sind jedenfalls archetypisch. Gottfried von Einem, der als Sohn eines österreichischen Diplomaten in der Schweiz geboren wurde und in Deutschland aufwuchs, hat den „Prozess“ im Grunde als Symphonie mit obligaten Gesangsstimmen niedergeschrieben. Und die konzertante Aufführung in der  Felsenreitschule unterstrich dieses Konzept. Vor allem der Sänger  der Hauptrolle – Michael Laurenz – versuchte erst gar nicht in die Nähe der historischen Vorbilder (wie dem Ur-„Josef K.“ Max Lorenz oder dem unvergesslichen Gerhard Stolze) zu kommen. Er stolpert  sozusagen als „netter Nachbar“ in sein Unglück. Der in Halle an der Saale geborene ehemaliger Solo-Trompeter ist ein sympathischer „Kumpel-Typ“ , hat einen gut sitzenden Tenor mit Tamino-Format; auch der Rest ist zufriedenstellend. Jochen Schmeckenbecher ist ein fordernder Aufseher sowie Geistlicher bzw. Fabrikant; Matthäus Schmidlechner ist ordentlich als Student bzw. Direktor Stellvertreter; Jörg Schneider liefert als Gerichtsmaler Titorelli ein „Kabinettstück“; Lars Woldt ist ein imposanter Untersuchungsrichter und „Prügler“; Ilse Eerens ist ein ängstliches, aber inniges Fräulein Bürstner; Anke Vondung lässt als Vermieterin mit einem schönen Mezzo aufhorchen. Im Mittelpunkt des Abends stand aber unbezweifelbar das RSO. Es hatte an dem Jubel maßgeblichen Anteil.

Und die von HK  Gruber hochgehaltene Partitur Einems! Was wohl die Brecht-Jäger zu dem Abend in Salzburg gesagt hätten?

Peter Dusek

 

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