Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

SALZBURG / Felsenreitschule: CHARLOTTE SALOMON

03.08.2014 | Oper

Charlotte Salomon

SALBURGER FESTSPIELE / Felsenreitschule:
CHARLOTTE SALOMON von Marc-André Dalbavie
Auftragswerk der Salzburger Festspiele •
In memoriam Gerard Mortier
Uraufführung: 28. Juli 2014,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 2. August 2014

Reden wir nicht um den Tatbestand herum, und stellen wir zuerst fest, dass jedes Menschenleben Respekt verdient. Und dass die Schicksale jener Juden, die dem Holocaust zum Opfer gefallen sind, uns unter den Fingern brennen. Die Berliner Künstlerin Charlotte Salomon (1917-1943) war eine unter den Millionen.

Sie wurde 26jährig in Auschwitz ermordet, hinterließ Hunderte von wilden, farbigen Gouachen, dazu eine Art von autobiographischem Tagebuch-Bericht, sie hatte auch musikalische Bezüge notiert (die Stiefmutter war Sängerin, der Haushalt musikalisch), von Bizet bis Mahler, was eben durch ihr Leben geisterte. Das alles mag sehr ergreifend sein, aber Tatsache ist zweifellos, dass sich für die banale Alltäglichkeit dieser Hinterlassenschaft niemand interessieren würde (vermutlich auch für die gewiss begabten, aber keinesfalls besonderen Bilder nicht), handelte es sich bei Charlotte nicht um eine tragische Figur des jüdischen Schicksals im 20. Jahrhundert.

So aber wurde sie zur Titelheldin einer Oper, die der 1961 geborene Franzose Marc-André Dalbavie im Auftrag der Salzburger Festspiele (und im Gedenken an Gerard Mortier) schrieb. Aber was bekommt man da zu sehen? Was die Librettistin Barbara Honigmann aus den „literarischen“ Vorlagen aus Charlottes Nachlass machte, ist schlicht genug: ein sinnendes junges Mädchen, das man erst im Salon des Vaters erlebt, wo die Beziehung zur singenden Stiefmutter (sie darf endlos die „Carmen“-Arie „Ja die Liebe hat bunte Flügel“ auf Deutsch trällern, damals, im Berlin der dreißiger Jahre) schier unglaublich breiten Raum einnimmt, ohne dass man weiß, warum man sich dafür interessieren sollte. Dann wird zur hektischen Figur der mittlerweile eigentlich schon toten „echten“ Mutter zurückgeblendet.

 In der Berliner Kunsthochschule wird Charlotte gefragt, ob sie Jüdin sei, sie bejaht es, aber es bleibt ohne Folgen, sie studiert.

Nach 40 Minuten poltert eine Horde braunhemdiger Nazis über die Bühne, um weitgehend folgenlos wieder zu verschwinden, und man hat es des Langen und Breiten mit einer Liebesgeschichte zu tun: Eigentlich umschwärmt Amadeus Daberlohn, seines Zeichens „Gesangspädagoge“, undefinierbarer Künstler und definitiv eine schäbige Persönlichkeit, die Stiefmutter. Charlotte verfällt ihm „wie ein Hund“, und das plätschert traurig dahin. Sie versucht sich als Künstlerin, obwohl – wie man weiß – sie ihr Hauptwerk erst im französischen Exil geschaffen hat.

Bis die Nazis wiederkommen und ihren Vater abholen und Charlotte von der Stiefmutter mehr oder minder zu den Großeltern abgeschoben wird, vergeht viel Zeit (gefühlterweise in Wagner-Länge), bis der Abend nach 100 Minuten plötzlich abzubrechen scheint und eine Projektion verkündet, nun folge das Nachwort…

Das spielt in Frankreich, die Großeltern sind tragische Figuren, die Großmutter bringt sich um, was, wie man hört, in der Familie liegt, der Großvater ist ein wahrer Kotzbrocken, und schließlich werden er und Charlotte von den Nazis deportiert. Während sie beschließt, sich dem Leben zu stellen, verkündet lapidar eine Schrift an der Wand, dass sie nach Auschwitz deportiert und dort gleich nach der Ankunft ermordet wurde…

Vermutlich wäre das Ganze ohne die Figur der Erzählerin gar nicht zusammen zu halten, die Sache zerflattert ohnedies weitgehend. Für die Uraufführung spricht diese Erzählerin, „Charlotte Salomon“ genannt (während Charlotte in ihren Aufzeichnungen für sich den Namen „Charlotte Kann“ wählte), Deutsch – logischerweise. Aber Marc-André Dalbavie wollte natürlich eine französische Oper schreiben, also wird auch in den Szenen in Berlin französisch gesungen, nur die Nazis grölen auf Deutsch, aber das Sprachgewirr verästelt sich dramaturgisch höchst unklar, wenn auch die singende Charlotte dann gelegentlich auf Deutsch überwechselt…

Dalbavies Musik benützt auch alle (viele?) Zitate, die sich in Charlottes Aufzeichnungen finden, aber ob Carmen oder Weber, stört nicht wirklich, weil es ja gewissermaßen kenntlich gemacht wird. Seltsam mutet des Komponisten Musiksprache generell an, die so angenehm tröpfelt, dass man sie auch als Filmmusik nehmen könnte (nur würde man dann weniger darauf achten). Es ist unverbindliche Schönheit, die sich auch dann nicht wirklich verdichtet, wenn das Geschehen zu etwas Dramatik hochfährt. Kurz, man hat nicht den Eindruck, dass diese „Oper“ (die ihrerseits nie als solche wirkt, sondern bestenfalls als musikunterlegter Bilderbogen) vom Komponisten wirklich intensiv mitgestaltet wurde. Allerdings garantiert man offenbar mit dieser freundlichen Mühelosigkeit des Hörens den Erfolg – ein Publikum, das man nicht eine Sekunde verstört (aber auch nicht eine Sekunde gepackt) hat, klatscht umso glücklicher.

Charlotte Salomon Szene 2

Es ist auch, bei aller Länge und Langeweile (am Ende werden es knapp zweieinhalb pausenlose Stunden ohne tiefere Akzente) ein gefälliger Abend. Ort des Geschehens ist die Felsenreitschule, die diesmal gar nicht mitspielt.  Johannes Schütz hat die Bühne in voller Breite mit einer Zimmerflucht verbaut, die durch verschiebbare Zwischenwände verändert werden können. (Da meist nur auf einem schmalen Segment gespielt wird, kann im Rest ziemlich unauffällig umgebaut werden.) Moidele Bickel sorgt für nicht weiter bemerkenswerte Kostüme der dreißiger Jahre, wobei die „doppelte Charlotte“ mit Ballerinenschuhen, Faltenrock, schlichtem Pulli einfach das zarte junge Mädchen ist (die singende Charlotte bekommt noch eine Frisur, die dann total an Audrey Tautou erinnert). Dass Luc Bondy ein Regisseur ist, der sein Handwerk beherrscht, zeigt sich – neben glattem Abspulen der Geschichte – am ehesten in der Führung der beiden Charlotten, für die er immer wieder darstellerische Zusammenhänge findet. Dennoch scheint es die stärkste Leistung des Regisseurs, wie geschickt er die Werke von Charlotte Salomon jeweils dramaturgisch richtig zum Geschehen projizieren lässt, so dass sie die eigene Geschichte kommentieren. Es sind, wie gesagt, keine wirklichen Meisterwerke, aber in ihrer Authentizität wahrscheinlich der stärkste Effekt des ganzen Abends.

Marc-André Dalbavie hat sein eigenes Musikgeplätschere (das nur während einer Beischlafszene von Charlotte und Daberlohn zu einem Orchesterzwischenspiel hochfährt, das aufhorchen lässt) mit dem Mozarteumorchester Salzburg genussvoll schön realisiert und exzellente Sänger gewählt: Da ist Marianne Crebassa eine wirklich intensive Charlotte Kann (die singende Version des Ichs), da ist Anaïk Morel verführerisch als singende, lockene Stiefmama (der Charlotte in ihren Aufzeichnungen den Namen „Paulinka Bimbam“ gegeben hatte), Jean-Sébastien Bou als Charlottes Vater bleibt eher am Rande, und wenn Frédéric Antoun als Daberlohn auch eine windige Figur auf die Bühne stellt, überzeugt er doch tenoral. Auch die selbstmörderische Mutter (Géraldine Chauvet) und die wenig sympathischen Großeltern (Cornelia Kallisch und Vincent Le Texier) zeichnen ihre Figuren überzeugend.

Den meisten Applaus gab es logischerweise für Johanna Wokalek, die mit ihrer intelligenten, lockeren, oft auch ironischen Art das Geschehen kommentierte und zusammenhielt, wohl aber auch dafür bejubelt wurde, dass man sie als einzige mühelos verstand… Wobei „Verstehen“ nicht das Problem des Abends war. Weit eher, dass er so banal, leichtfüßig und letztlich wenig interessant daherkam.

In der Felsenreitschule waren in der zweiten Vorstellung Hunderte von Plätzen frei – trotz der triumphalen Premierenkritiken und der Versicherung, es „täte nicht weh“, konnte sich das breite Publikum offenbar nicht zu diesem Werk entschließen.

Heiner Wesemann

 

Diese Seite drucken