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Robert Schumann: DAS PARADIES UND DIE PERI – London Symphony Orchestra Sir Simon Rattle

19.10.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

peri Robert Schumann: DAS PARADIES UND DIE PERI – London Symphony Orchestra Sir Simon Rattle LSO live, 2 SACD hybrid, 1 Pure Audio Blu-ray disc

Jede Neuaufnahme dieses weltlichen Oratoriums in drei Teilen auf ein orientalisch geprägtes Gedicht des irischen Dichters Thomas Moore ist angesichts der herausragenden, wahrlich melodienseligen Qualität der Komposition und der nach wie vor zaghaften Rezeption durch das Konzertbusiness sehr willkommen. Worum geht es in der etwas verqueren Story? Die  Engelsgestalt Peri wurde nach begangener Sünde aus dem Paradies vertrieben. Diese gefallene Engelin kann aber wieder in den Himmel kommen, wenn sie etwas bringt, was Gott am liebsten ist. Nach zwei erfolglosen Angeboten (ein Blutstropfen eines im Kampf getöteten Helden, letzter Seufzer eines Mädchens, das ihren an Pest gestorbenen Geliebten zu verlassen) gelingt es ihr im dritten Anlauf, den Forderungen des Himmels nachzukommen. Und zwar bringt die Peri die Träne eines Sünders, der angesichts eines betenden Kindes voller Scham bereut. Das Happy End mit erneutem Einlass ins Paradies ist gesichert. Diese etwas moralinsaure Geschichte veredelt Schumann mit an Orchesterliedern gemahnenden Nummern, kurzen Rezitativen, Vokalquartetten und gewaltigen Chören zu einem Triumph lyrisch romantischen Zuschnitts. Das Werk entpuppte sich rasch nach der erfolgreichen Uraufführung in Leipzig als internationaler Hit.

Für die vorliegende Edition wurde ein Konzert im Barbican in London vom 1. Jänner 2015 mitgeschnitten und vom orchestereigenen Label veröffentlicht. Die beste Leistung erbringen unter der sensitiven und kompetenten Leitung von Sir Simon Rattle Chor und Orchester. Bei den Solisten scheiden die Herren, was Charakterisierung, Stimmqualität und Stimmführung betrifft (Mark Padmore, Andrew Staples und Florian Boesch) besser ab als die Damen (Sally Matthews, Kate Royal, Bernarda Fink). Bernarda Fink hatte schon in der Einspielung unter Harnoncourt mitgewirkt.

Im Katalog findet sich eine Handvoll an Vergleichseinspielungen, allesamt auf hohem Niveau (u.a. Gardiner, Harnoncourt, Giulini, Sawallisch, Armin Jordan, Sinopoli). Die sorgfältig und liebevoll musizierte Neueinspielung ist auch deshalb von Interesse, weil sie sozusagen künstlerisch den neuen Chefdirigenten des London Symphony Orchestra (ab 2017) vorstellt. Rattle schafft mit dem britischen Klangkörper andere Farben und und eine andere Atmosphäre, als das mit den Berliner Philharmonikern der Fall gewesen wäre. Weniger brillant und poliert sicherlich, dafür aber mit einer starken metaphysischen Komponente, äußerst verinnerlicht und mit einer „schönen Träne“ im Ton. Der Käufer erhält die Aufnahme wie jetzt immer mehr üblich, zweifach. Einmal im SACD hybrid Format und wer auf ein besonderes audiophiles Erlebnis setzt, auch als Pure Audio Blu-ray Disc. Stimmfetischisten werden allerdings nicht unbedingt auf ihre Kosten kommen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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