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RIGA: GÖTTERDÄMMERUNG

27.01.2012 | KRITIKEN, Oper

RIGA: GÖTTERDÄMMERUNG – NI am 27.11.2011


Catherine Foster (Brünnhilde), Lyubov Sokolova (Waltraute). Foto: Lettische Nationaloper

Bereits seit 2006 ist in der schönen Hauptstadt Lettlands an der Nationaloper ein neuer „Ring des Nibelungen“ im Enststehen, der zunächst für vier verschiedene Regisseure geplant war. Nachdem Stefan Herheim mit dem „Rheingold“ begonnen hatte, übertrug man dem jungen Regisseur Viesturs  Kairiss  2007 „Die Walküre“ und ein Jahr darauf auch den „Siegfried“, da der zunächst vorgesehene Regisseur absagte. Nach dem großen Erfolg dieser beiden Werke kann man es nur als Glücksfall bezeichnen, dass Kairiss auch die „Götterdämmerung“ inszenieren durfte. Durch die lange Pause zwischen der „Walküre“ 2007 und der „Götterdämmerung“ hat sich aufgrund der fast fünfjährigen Beschäftigung mit dem „Ring“ sein Wagner-Bild sehr verändert. War für ihn in der „Walküre“ noch Abstraktion der Leitgedanke, entdeckte er – wie er in einem interessanten Interview im Programmheft mitteilt – ständig neue Inhalte und Bezüge. So bezeichnet er die Tetralogie als „…eine Reise, die einen zu unbekannten Plätzen führt. Je tiefer man in diese Welt vordringt, umso aufregender wird es.“ Wie wahr! Seine Sicht Wagners und des „Ring“ ist nun total anders als jene von 2006. Und das war an seiner Interpretation der „Götterdämmerung“ schlüssig und überzeugend zu erkennen. Wie schon sein „Siegfried“ keine eindeutigen Bezüge zur „Walküre“ hatte, ist auch die „Götterdämmerung“ szenisch nicht mit seiner „Siegfried“-Inszenierung verbunden, wirkt aber auch nicht völlig davon entfernt. Für Kairiss ist sie ein selbständiges Stück. „Aus der Intimität und Privatsphäre des „Siegfried“ geht die „Götterdämmerung“ ins Öffentliche, Globale.“  In diesem Kontext sieht er nun Parallelen zu seiner Heimat Lettland, wo er eine Gesellschaft ortet, „die von einer kleinen Zahl skrupelloser, korrupter und machtgieriger Männer kontrolliert und manipuliert wird, die alles tun, um mehr Macht zu gewinnen oder wenigstens die bestehende abzusichern, egal zu welchem Preis.“ Die übrige Gesellschaft schaut hingegen zu, ist sich dieses Missstands wohl bewusst, unternimmt aber nichts dagegen. Da sind wir in der Tat mitten in der „Götterdämmerung“. Auch wenn dieses Konzept vordergründig politisch einengend wirkt, gelingt es Kairiss mit seinem Dramaturgen Jochen Breiholz, der Bühnen- und Kostümbildnerin Ieva Jurjane und dem Lichtdesigner Christophe Forey eindrucksvoll, eine packende und zu jedem Moment unter die Haut gehende Inszenierung zu realisieren, die bei klar erkennbaren, aber nie banalisierenden Realitätsbezügen immer auch eine metaphysische Dimension hat – eine gewisse Unergründlichkeit, die weite Assoziationsspielräume öffnet. Daraus lebte die Aufführung ganz besonders und erhielt eine nie abbrechende Spannung. Was bei manch anderer oberflächlich aktualisierenden Inszenierung als leerer Gag wirkt, hatte bei Kairiss immer eine dramaturgisch durchdachte, gehaltvolle Bedeutung, auch wenn die Einfälle manchmal fast überbordend wirkten. Sie standen mit dem Geschehen einmal in kontemplativer, ein anderes Mal in eher plakativer Beziehung und wirkten also nie aufgesetzt.

In einer kleinen Blockhütte, die kurz darauf das Liebesnest von Siegfried und Brünnhilde werden soll, spinnen die Nornen an einem Computerkabel. Bald wird eine kleine Funzel verlöschen, wenn das Nornenseil reißen sollte, um das Ende der Welt anzukünden. Gleichzeitig malen sich die Schicksalsgöttinnen aber runenartige Linien auf Arme und Beine und laden damit die Mystik der optisch eher profanen Szene auf. Lyubov Sokolova singt eine charismatische Erste Norn mit glutvollem Alt. Aira Rurane ist eine hervorragende Zweite Norn mit prägnanter Tongebung und bester Diktion. Liene Kinca singt die Dritte Norn ansprechend. Im Vorspiel erleben wir eine völlig entgöttlichte Brünnhilde im hippieartigen Blümchenkleid. „Make love, not war“ hat sie sich mit Siegfried auf einem Bettlaken zum Leitmotiv gemacht und kümmert sich hausfräulich um sein Wohlergehen. Er hat allerdings nur die Abreise im Sinn. Bei seiner Wiederkehr in der letzten Szene wird dieses Laken verächtlich zu Boden geworfen – da ist Siegfried, der naive Held, schon längst zum Spielball der Mächtigen geworden. Catherine Foster ist wieder eine souveräne und stimmlich strahlende Brünnhilde, mit hochdramatischen Höhen und einer Leichtigkeit in der gesanglichen Gestaltung, die bewundernswert ist. Ihre Spitzentöne macht ihr momentan wohl kaum eine Rollenvertreterin nach. Dabei gestaltet sie die Brünnhilde mit großer Empathie und Intensität. Fosters Brünnhilde ist derzeit schlicht Weltklasse. Lars Clevemann, der neue Bayreuther Tannhäuser, kann als Siegfried stimmlich nicht mithalten. Zwar ist sein Tenor kräftig und hat auch gute Spitzentöne zu bieten. Die Stimme hat aber zu wenig Resonanz, sitzt bei einer gewissen Kopflastigkeit zu fest und neigt auch zu Verhärtungen. Das Timbre klingt nicht wirklich schön. Darstellerisch kann er weit mehr überzeugen. Die hedonistische Dekadenz der Clique, die sich seiner Naivität bedient, zeigt Kairiss knallhart mit einer Bettszene in einem verkitschten purpurroten Plüsch-Schlafzimmer, in dessen Kingsize-Bett sich Gunther und Gutrune mit Hagen beim Gruppensex räkeln. Der überaus körperfüllige Marcus Jupither als Gunther fällt dabei im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Rahmen. Er gestaltet das ungewohnte Rollenprofil intensiv und leiht dem Gunther einen lyrisch betonten farbigen Bariton. Von Beginn an wird aber klar, dass Hagen die beiden gezielt manipuliert, nur er den intellektuellen Überblick hat. Johan Schinkler, der den Albensohn auch im Karlstader „Ring“ im Frühjahr sang, bringt hier eine eindrucksvolle Charakterstudie des skrupellosen Machers, der seine Umwelt für sein einziges Ziel manipuliert. Er beeindruckt mit einem dunkel tönenden, gut geführten Bass. Elisabeth Strid ist eine lustvolle Gutrune, Spielball der Mächtigen, die durch alle emotionalen Höhen und Tiefen gehen muss. Mit ihrem schön timbrierten jugendlich dramatischen Sopran setzt sie auch stimmlich gute Akzente.

 Eine starke Szene ist das Zusammentreffen Brünnhildes mit Waltraute, die ebenfalls von der erstklassigen Lyubov Sokolova gesungen wird. Sie bringt einen Scheit aus Walhall mit und mit ihrem wunderbaren Gesang auch ein Flair von Ewigkeit. Allein, Brünnhilde kann es nicht bekümmern, sie hat mit den Göttern für ihre Liebe zu Siegfried endgültig abgeschlossen. Umso intensiver wird dann ihre Wandlung zur hassenden Betrogenen im 2. Aufzug. Kairiss zeigt hier mit einiger Intensität, dass ihr Hass und der Entschluss, Siegfried zu zerstören, bisweilen stärker zu sein scheint als ihre Liebe zu ihm je war. Das hat für ihn etwas von den Dimensionen der griechischen Tragödie. So kommt es zu intensiven Bildern der verzweifelten Brünnhilde und der auf billigen neureichen Besitzstand pochenden Braut Gutrune. Kairiss erweist sich nicht nur hier als Meister der Erarbeitung der Psyche einzelner Protagonisten. Im Mittelaufzug zeigt er Hagen, den er neben Brünnhilde als einzigen Akteur mit einer starken Persönlichkeit in der „Götterdämmerung“ sieht und der aufgrund seiner lieblosen Entstehung und Vergangenheit eine persönliche Tragödie mit sich trägt, als skrupellosen Manipulator der Massen. Für Kairiss ist Hagen gewissermaßen ein perfekter, manipulativer und ruheloser Politiker. Die Mannenszene strahlt durch ihre Intensität große Spannung aus, Tierschädel zeugen von Jagd und Tod, dennoch wollen alle ans kalte Buffet. Immer wieder gelingt der Spagat zwischen profaner Gegenwart und Mythos. Dieser wird auch durch eine subtile Bespielung der Orchesterzwischenstücke sowie einen greisen Mann versinnbildlicht, der immer wieder im Bild ist und mal einen PC bedient, ein anderes Mal in die Handlung eingreift – er hat etwas Mysteriöses. Kosma Ranuer spielt als Alberich einen verfallenden, kranken alten Man, der von seinem Sohn kaum noch ernst genommen wird. Stimmlich macht er seine Sache gut. Der von Aigars Meri einstudierte und von Agris Danilevics fantasievoll choreografierte Chor der Lettischen Nationaloper singt mit kräftigen Stimmen bei großer Transparenz, wobei die guten Tenöre des Ensembles auffallen.

 Im 3. Aufzug findet sich die Männergesellschaft in einer Sauna wieder, in der die drei Rheintöchter (Liene Kinca als Woglinde, Aira Rurane als Wellgunde und Kristine Zadovska als Flosshilde stimmlich und darstellerisch überzeugend) ein relativ belangloses Dasein als Badewärterinnen fristen. Auch hier ist Hagen der große Manipulator, der den Grill mit den Würstchen am Spieß bedient, der dann im entscheidenden Moment in Siegfrieds Rücken endet. So banal das klingt, es hatte ebenso starke theatralische Wucht wie das jähe Umschlagen der ausgelassenen Stimmung danach. Brünnhilde führt diese „Götterdämmerung“ dann zu einem berührenden und ausdrucksstarken Finale.

 Der Rigaer Musikdirektor Cornelius Meister dirigierte im Prolog, dem Vorspiel und dem 1. Aufzug das Lettische Nationale Symphonieorchester und im 2. und 3. Aufzug das Lettische Nationale Opernorchester. Einen kompletten Orchesterwechsel in der „Götterdämmerung“ erlebt man auch nicht alle Tage… Es war keine schlechte Wahl. Sie wurde musikalisch der beste Teil der drei letzten „Ring“-Werke in Riga. Schon die herrlich weichen Auftaktakkorde im Prolog ließen einen guten Abend erwarten, an dem die Holzbläser überhaupt in Topform waren. Immer wieder konnte man einzelne Soli gut heraushören, ließ Meister der großen Musik den erforderlichen Atem. Er gestaltete die Dramatik des 2. Aufzugs bestens und nahm viel Rücksicht auf die Sänger. Es bestand stets große Harmonie zwischen Bühne und Graben; Tempi und Dynamik stimmten durchgehend. Siegfrieds Rheinfahrt, das Vorspiel zum 2. Aufzug, der Trauermarsch und das Finale zählten sicher zu den symphonischen Höhepunkten. In Riga hat sich ein dritter Weg der Herangehensweise an den „Ring“ offenbart. Statt ihn von einem Regisseur oder vier verschiedenen erarbeiten zu lassen, ist ein einziger, der aber alle drei Stücke weitgehend unabhängig voneinander sieht, eine interessante Alternative – wohl auch deshalb, weil naturgemäß bei aller Unterschiedlichkeit der jeweiligen Regiekonzepte aufgrund der Persönlichkeit des Regisseurs eben doch eine gewisse innere Kohärenz entsteht. Riga hat nun eine der interessantesten und besten „Ring“-Produktionen Europas im Repertoire. Man darf sich darauf freuen, dass er im Wagner-Jahr 2013 auch zyklisch zu sehen sein wird.                                                                 

(Fotos in der Bildergalerie)

 Klaus Billand                                                                   

 

 

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