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RIGA: DER RING DES NIBELUNGEN – DAS RHEINGOLD

06.06.2013 | KRITIKEN, Oper

Riga DER RING DES NIBELUNGEN (4. bis 9.6..)- DAS RHEINGOLD am 4.6.2013


Foto: Lettische Nationaloper Riga

Seit 1998 findet nun jährlich das von der Lettischen Nationaloper Riga (LNO) gegründete Opernfestival Riga statt. Richard Wagner kam im August 1837 als erst 24 jähriger Kapellmeister in die damals russische Metropole Riga an das städtische deutsche Theater. Aber schon 1839 verließ er auf Grund von Schulden und Querelen mit dem Theaterdirektor fluchtartig die Stadt auf dem Seeweg nach London. Aus seinen Rigaer Lehrjahren aber nahm Wagner frühe Skizzen zu Rienzi sowie Anregungen zu seinem Plan eines Festspielhauses in Bayreuth und zu seinem Fliegenden Holländer mit.

Seit 2006 wurde das Projekt einer szenischen Aufführung der Tetralogie in Angriff genommen. Ähnlich wie in Stuttgart sollte jeder Teil von einem anderen Regisseur in Szene gesetzt werden. Begonnen wurde 2006 mit dem Rheingold in einer Inszenierung von Stefan Herheim mit seinem bewährten Team (davon noch später), das noch mit dem Bergen-Festival koproduziert worden war.

Danach wurde der ursprüngliche Plan aber verworfen und so überantwortete man den Rest der Tetralogie dem lettischen Regisseur Viestur Kairish. 2007 folgte die Walküre, 2008 Siegfried und 2011 komplettierte die Götterdämmerung schließlich den Rigaer Ring.

Das Rheingold (Reinas zelts) – 4.6. Der norwegische Regisseur Stefan Herheim (geb. 13.3.1970) ist bekannt dafür, dass er beim Publikum voraussetzt, wenigstens den Inhalt der Oper, wenn schon nicht dessen Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte zu kennen. Unter dieser Prämisse funktioniert jede Inszenierung unter dem Label “Stefan Herheim“, das noch die Ausstatterin Heike Scheele und den Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach umfasst. Die drei bedingen einander geradezu und das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit ist eine sprudelnde Bilderflut, reich an Assoziationen und Zitaten anderer Inszenierungen (sofern man jene kennt)!

Da treten zunächst die drei artig frisierten, aber umso ausgelasseneren Rheintöchter in blau weißen Schuluniformen mit ihren Schulbänken in Alberichs Klassenzimmer auf. Lehrer Alberich mit Backenbart trägt das aus unzähligen Illustrationen bekannte Wagner-Käppchen. Die Szene erinnert an Peter Konwitschnys Lohengrin aus Hamburg (2005) und Barcelona (2006). Die Gören werden nun immer lasziver und Alberich entpuppt sich als Lustmolch wenn sich seine Hand beim „garstig glattem glitschigem Glimmer“ im Unterrock eines der Mädels verfängt. Die Positionen verschieben sich nun: Alberich wird zum Schüler, die Rheintöchter belehren ihn aber über die Macht des Rheingoldes.

Und Alberich entdeckt schließlich das besagte Rheingold hinter der Schultafel: es ist ein Modell des Festspielhauses von Bayreuth, in das er klettert und die Liebe mit der rechten Hand zum Hitlergruß gestreckt verflucht.

Im zweiten Bild befinden wir uns dann in einem großbürgerlichen Salon des 19. Jhd, wo Wotan in Gestalt von Richard Wagner am Klavierflügel sitzend vor sich hin döst, während ein Komparse in Gestalt von Siegmund Freud gerade den auf einem Kanapee liegenden Friedrich Nietzsche mit einer Taschenuhr und unter den Argusaugen von Engelbert Humperdinck und Franz Liszt, hypnotisiert.

Nachdem Wotan erwacht ist, notiert sich Siegmund Freud alle Worte des Gottes, ist dieser doch möglicher Weise ein interessanter Fall für ihn als Psychoanalytiker. Nicht lange danach aber wird Dr. Freuds ganze Aufmerksamkeit durch den mit einem Schwan unter dem Arm eintretenden Bayernkönig Ludwig abgelenkt. Der Schwan lechzt nach dem letzten der Jugend spendenden Äpfel Freias, weshalb Dr. Freud kurz entschlossen gleich beide zu einer Therapiesitzung auf sein Sofa beordert.

Aber so wie der Rhein ohne Unterlass fließt, so wandeln sich auch die Figuren ständig. Passend zur stampfenden Musik treten Fasolt und Fafner als Marx und Engels mit Hammer und Sichel, sich rhythmisch wiegend, auf. Und wieder ein Zitat: als nämlich Fafner Fasolt erschlägt, dann tut er es in der Weise, wie Hunding Siegmund im Bayreuther Ring von Patrice Chéreau hingeschlachtet hatte.

Lehrer Alberich wird im dritten Bild zu Adolf Hitler, der mit seinen SS-Schergen das Gold rafft. Aus den Nibelungen werden im vierten Bild ihres Eigentums beraubte Juden und andere Personengruppen, die die Symbole ihrs Glaubens, u.a. eine siebenarmige goldene Menora, den Gekreuzigten, den tanzenden Shiva, aber auch eine Leier aus Tannhäusers Sängerkrieg auf der Wartburg und ähnlichem vor Wotan, in Gestalt Richard Wagners und mit Partitur unter dem Arm, in der er immer wieder interessiert blättert, ausbreitet. Froh als Hermann Göring und Donner als hinkender Joseph Göbbels, der den Riesen mit Mikrophon und Mantel entgegen zu treten versucht, tun das ihre zu der äußerst beklemmenden, alle Sinne ausreizenden und an die Grenze des Erträglichen gehenden Bildsprache Stefan Herheims bei.

Und Adolf Hitler verwandelt sich wieder in Alberich zurück, gefesselt an ein herab gefallenes Hakenkreuz, das das Ende seiner brutalen Herrschaft über die Nibelungen symbolisiert.

Nachhilfe in deutscher, ja europäischer Geschichte wird dem Betrachter potpourrieartig vorgeführt. Und so treten weitere Komparsen in den Kostümen von Luther, Goethe, Beethoven und Bismarck auf. Und Fricka ist natürlich die besorgte Cosima von Bülow.

Und am Ende sind alle Götter mit Smoking und nobler Abendrobe bekleidet und betreten das Bayreuther Festspielhaus. Erneut trägt der Stamm von Freias Apfelbaum Früchte und Wotan stößt das Schwert Nothung schon mal vorsorglich in seinen Stamm. Danach verschwindet er noch schnell in den Souffleurkasten, aus dem Erda zuvor entstiegen war, um mit der Wala noch rasch die Walkürenschar zu zeugen…

Fricka ahnt bereits Verrat und eilt noch einmal aus dem Festspielhaus, während Wotan wieder der Unterwelt entsteigt und noch schnell seine geöffnete Hose schließt.


Foto: Lettische Nationaloper Riga

Stefan Herheims Rheingold-Inszenierung mag den Probeanlauf zu seinem opulenten Parsifal in Bayreuth dargestellt haben. Zu Gute muss man ihm bei seiner Sichtweise aber halten, das er die oft sträflich vernachlässigten komischen Passagen im Rheingold genüsslich ausgelotet und bewegende Bilder für die ernsten Szenen geschaffen hat. Alles und jedes wird dabei thematisiert: das Verhältnis Wagners zu seinem Werk, sein geistiges Umfeld, Bayreuth und die Rezeption seiner Opern. Wagner aber durchdringt dabei symbolhaft durch die Weitergabe der Partitur an Mime, Loge und Alberich alle Figuren.

 

Für die musikalische Umsetzung zeichnete der junge 33 jährige shooting star Cornelius Meister, Chefdirigent des Radio-Symphonieorchesters Wien, verantwortlich. Es ist sein erster Ring. Da mag man noch an einzelnen Passagen herumkritteln, manche tempi anders wählen, aber im Großen und Ganzen gab er doch einen respektablen Einstand als Dirigent der Tetralogie. Das Orchester der Lettischen Nationaloper folgte ihm ergeben und so war, abgesehen von einigen verwackelten Tönen vom Blech, ein durchaus stimmungsvolles Vorspiel zu hören.

 Das aus lettischen Sängern bestehende Ensemble wurde durch internationale Gäste verstärkt. Ralf Lukas gab einen äußerst textverständlichen, zu Gewaltausbrüchen neigenden jungen Wotan in Gestalt des Komponisten, Armands Siliņš und Andris Ludvigs die kleineren Götter Donner und Froh in Gestalt von Göbbels  und Göhring. Göran Eliasson war einen durchtriebener, hinterlistiger Loge.

Als die Riesen Fasolt und Fafner überzeugten mit behäbiger Röhre Rihards Mačanovskis und Krišjānis Norvelis.

Oliver Zwarg gefiel als grapschender Alberich und später als dämonischer Schwarz-Albe in Gestalt von Adolf Hitler.

Der schwedische Tenor Bengt-Ola Morgny legte seinen larmoyanten Mime textlich präzise und in der von der Regie geforderten parodistischen Darstellung an.

Die drei Göttinnen Fricka, Freia und Erda wurden stimmlich wie darstellerisch durchaus zufrieden stellend von Martina Dike, Dana Bramane und Liubov Sokolova, letztere mit einer Altstimme, die an Zarah Leander erinnerte, interpretiert.

Ausgewogen sangen auch bei aller drastischen Spielweise die Rheintöchter Woglinde / Julianna Bavarska, Wellgunde / Aira Rūrāne und Floßgilde /Kristīne Zadovska.

Am Ende bedanke das Publikum gleichmäßig die Leistungen aller Sänger. Obwohl Regisseur Herheim nicht anwesend war, gab es doch vereinzelte Buhrufe, die aber vom Applaus der Mehrheit sofort unterdrückt wurden.

Harald Lacina

 

 

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