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Richard Strauss: DIE FRAU OHNE SCHATTEN – Stockholm 13. Dezember 1975

15.02.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

7393338169628 Richard Strauss: DIE FRAU OHNE SCHATTEN –  Stockholm 13. Dezember 1975 – Berislav Klobucar dirigiert eine grandiose Besetzung: Wennberg, Nilsson, Berry, Kastu – Ericson STERLING 3 CDs

In den sechziger und siebziger Jahren gab es dank so eminenter Künstler wie Karl Böhm, Leonie Rysanek, Christa Ludwig, James King sowie Walter Berry weltweit eine wahre „Frau ohne Schatten Euphorie“. Wer eine dieser legendären Aufführungen wo auch immer erleben durfte, war unweigerlich fasziniert von dieser üppig instrumentierten, mystischen Märchenoper vom genialen Duo Hofmannsthal/Strauss. Als Birgit Nilsson im Spätsommer ihrer Karriere nach neuen Rollen suchte, wurde sie ebenfalls in der Färberin fündig. Die große Wagner Diva feierte bis zuletzt Triumphe als unzufriedene einfache Frau aus dem Volk, die ihren Schatten gegen Schönheit und Macht an die unfruchtbare Kaiserin verkaufen will. Die Königliche Oper in Stockholm hatte 1975 auch eine neue Produktion in der Regie von Nikolaus Lehnhoff rund um Birgit Nilsson angesetzt. Der schwedische Rundfunk war dabei und 40 Jahre später ist der Mitschnitt in exzellenter Klangqualität beim Label Sterling erschienen.

Sterling hat die Publikation zu Recht der von der Plattenindustrie komplett vernachlässigten Sopranistin Siv Wennberg gewidmet: Die „Senta vom Dienst“ und schwedische Primadonna Wennberg hat alles, wonach die Rolle der Kaiserin verlangt: Die Bewältigung einer extrem hohen Tessitura bis zum hohen D, lange Legatobögen, die Fähigkeit zu Riesenintervallsprüngen, den lyrischen Ton gleichermaßen wie dramatische Durchschlagskraft. Stilistisch ähnelt sie eher Gundula Janowitz als Leonie Rysanek, ihr Sopran ist wesentlich instrumentaler geführt als das bei der großen Wiener Kollegin der Fall war. Insgesamt ersingt sich Frau Wennberg auf ihre ganz persönliche Art ein musikalisch und als Figur gleichermaßen intensives Porträt der durch persönlichen Verzicht Befreiung für alle erwirkenden Kaiserin. Siv Wennberg hat nach Stockholm die Kaiserin noch auf sechs anderen Bühne gesungen. Birgit Nilsson ist am diesem Abend in ganz großer Form und klingt wesentlich beeindruckender als in der von der Deutschen Grammophon festgehaltenen Aufführung aus Wien unter Karl Böhm zwei Jahre später. Wie überhaupt der Mitschnitt aus Stockholm klangtechnisch, vor allem was die Präsenz der Stimmen und die Transparenz des Orchester anlangt, dem Wiener Mitschnitt aus 1977 überlegen ist.  Als Färber darf der in dieser Rolle unüberbietbare Walter Berry einmal mehr mit seiner vox humana so unnachahmlich das zu Herzen gehende „Fürchte Dich nicht“ singen und am Ende jubeln, wie keiner gejubelt. Der Finne Matti Kastu kommt mit der Wurzen Partie des Kaisers sehr gut zu Recht, wenngleich ihm eine persönliche Aneignung und Marke à la King oder Jess Thomas nicht gelingt. Dafür singt Barbro Ercison hier eine der besten Ammen der Plattengeschichte, nach meinem Geschmack nur noch von Höngen übertroffen.

Berislav Klobucar dirigiert und phrasiert die Frau ohne Schatten mit jenem „wienerischen Ton“, der die menschliche Moral von der Geschicht‘ so anrührend macht. Orchester und Chor sowie die übrigen Solisten aus dem Ensemble der Königlichen Oper Stockholm (darunter Hakan Hagegard als einer der Wächter oder Britt-Marie Aruhn als Dienerin) runden die großartigen Gesangsleistungen der fünf Protagonisten zu einer denkwürdigen Aufführung. Der mitgeschnittenen Applaus des Publikums erreicht dann auch Hitzegrade, die man den kühlen Schweden gar nicht zugetraut hätte.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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