Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

RETZ / Stadtpfarrkirche: Kirchenoper MARIA MAGDALENA von Wolfram Wagner uraufgeführt

Biblische Frauenpower hoch drei

05.07.2019 | KRITIKEN, Oper

Das Ensemble, in der Mitte Matthias Helm, flankiert von Michael Novak und Ursula Langmayr. Foto: FESTVAL RETZ / Claudia Prieler

RETZ / Stadtpfarrkirche: Kirchenoper MARIA MAGDALENA von Wolfram Wagner
4. Juli 2019 (Uraufführung)

Biblische Frauenpower hoch drei

Von Manfred A. Schmid

Amerika feiert am 4. Juli seine Unabhängigkeit, in der Pfarrkirche St. Stephan in Retz feiert an diesem Tag ein begeistertes Publikum nicht nur die packende Uraufführung einer neuen Kirchenoper, sondern eine weitere Station im Prozess der Rehabilitierung einer der rätselhaftesten und umstrittensten biblischen Frauen-Figuren: Maria Magdalena, die lange Zeit mit dem Image einer erotisch angehauchten, reuevollen ehemaligen Prostituierten im Kreis der Jüngerinnen um Jesus behaftet war, wurde erst vor drei Jahren wieder ausdrücklich als das bestätigt, was ihr die Kirchenväter schon vor gut eineinhalb Jahrtausenden attestiert hatten: Auf Betreiben von Papst Franziskus wird diese Frau nun – deutlich sichtbar – als „Apostolin der Apostel“ (apostola apostolorum) gewürdigt. Als treue Anhängerin sorgte sie gemeinsam mit anderen Frauen in seinem Gefolge für den Lebensunterhalt von Jesus und seinen Jüngern. Im Neuen Testament ist zudem aber auch überliefert, dass sie nicht nur bei seinem Kreuzestod und bei seinem Begräbnis unmittelbar dabei war, sondern am Ostermorgen zur ersten Zeugin seiner Auferstehung wurde und diese Frohbotschaft kundtat.

Die Handlung der Oper Maria Magdalena von Wolfram Wagner beginnt mit dem Geschehen am Gründonnerstag, mit dem letzten Abendmahl und der Gefangennahme Jesu am Ölberg, und endet mit seiner Himmelfahrt. Im gelungenen und weitgehend bibelfesten Libretto von Monika Steiner, die auch für die stimmige Inszenierung verantwortlich zeichnet, tritt Jesus – die eigentliche Hauptfigur, die immer präsent ist – nie persönlich auf. Alles Geschehen um ihn herum wird zuerst aus der Sicht der mitbeteiligten Jünger (Abendmahl, Verrat durch Judas, Gefangennahme) erzählt. Im weiteren Verlauf aber sind es nur noch die Frauen, die als Augenzeugen vom weiteren Verlauf (und dann meist „live“) berichten, denn die Apostel halten sich bekanntlich aus Todesangst versteckt. Maria Magdalena ist zwar die Titelfigur, aber eigentlich ist es das Frauenterzett, das im Zentrum steht: Biblische Frauenpower hoch drei, ergänzt durch den seinem Herrn innig zugetanen Johannes. Denn nur Johannes begleitet – an der Seite von Maria Magdalena, Martha von Bethanien und Maria, der Mutter Jesu – den Herrn auf seinem Passionsweg bis nach Golgotha. Dem Liebelingsjünger wird dann auch noch die Ehre zuteil, von Jesus die Verantwortung für seine Mutter aufgetragen zu bekommen. Erst in der Schlussszene mischt sich der auferstandene Herr ins Geschehen ein und erklärt seiner Mutter, dass sie ihn nicht festhalten solle, weil er, der Auferstandene, nun zu seinem Vater und zum Vater von ihnen allen auffahren werde. Aber auch da tritt er nicht persönlich in Erscheinung, sondern nur als vernehmbare Stimme, als „Die Stimme des Herrn“. Und um diese seine Sonderstellung zu unterstreichen, wählt der Komponist Wolfram Wagner dafür keine Solistenstimme, sondern einen „Chor der Männer“.

Der Chor (trefflich vorbereitet und präsent das TERPSICHOREvocalensemble und der Jugendchor der Volksoper Wien) spielt überhaupt eine bedeutende Rolle in Wagners stets wohlklingender, im Rahmen der Tonalität bleibenden Komposition. Die Gesangslinien sind singgerecht angelegt und ermöglichen ein Optimum an Textdeutlichkeit. Das Orchester ist mit 16 Soloinstrumenten sparsam besetzt, die Mischung von Holz- und Blechbläsern, Solostreichern, Harfe und Schlagwerk effektvoll eingesetzt. So vermittelt der Klang der Harfe, der von jeher gerne für entrückte, „himmlische“ Sphären verwendet wird, die stetige Präsenz Jesu in der Gefühls- und Gedankenwelt von Maria Magdalena. Die Bedrohlichkeit des Passionsgeschehens wird durch „schicksalshaften Klopfrhythmus“ (Wolfram Wagner) unterstrichen, und wenn Jesus am Kreuz stirbt, hört mit den Tom-Tom-Schlägen auch sein Herz zu schlagen auf. Doch am Schluss, mit Auferstehung und Himmelfahrt, meldet sich dieser Klopfrhythmus – nun nicht mehr nur im Schlagwerk, sondern im ganzen Orchester – mächtig zurück: Das Heilsgeschehen ist nicht zu Ende, es geht weiter.

Manchmal wirkt die Musik Wagners freilich fast zu gefällig und hat – auch in den Augenblicken höchster seelischer Bedrängnis – zu wenig Ecken und Kanten. Gefährlich nahe an den Kitsch kommt das Ganze im – zugegeben schwierig zu lösenden – Wundergeschehen im 5. Akt (Auferstehung und Himmelfahrt). Das hätte Andrew Lloyd Webber nicht besser hingekriegt. Da wirkt dann auch der aufsteigende weiße Rauch und das dahinter aufglühende Licht wie eine Verlegenheitslösung. Karfreitags- und Osterzauber unter einen Hut zu bringen ist allerdings eine schier unbezwingbare wagnersche Herausforderung.

Alois Mühlbacher (Johannes) und Ursula Langmayr (Marias Magdalena). Foto: FESTIVAL Retz / Claudia Prieler

Ursula Langmayr verleiht mit ihrem tragfähigen, warm getönten Sopran der Magdalena die Aura der gefühlsstarken, treuen und auch angesichts des ungeheuerlichen Geschehens auf dem Kreuz nie den Funken der Hoffnung verlierenden Frau: „Mein Herr kann nicht sterben…“ gibt sie sich felsenfest überzeugt, als alle anderen am Boden zerstört sind.

Gar nicht felsenfest von sich überzeugt, sondern vielmehr von Selbstzweifeln und Selbstanklagen gepeinigt zeigt sich Petrus (Michael Novak) angesichts seiner Feigheit und Verleugnung des Herrn. In diesem Augenblick ist es Maria, die Mutter Jesu, die ihm Trost zuspricht und ihn aufrichtet.: „Besinne dich, mach dich würdig der schweren Aufgabe!“ Monika Schwabegger beeindruckt als schwer geprüfte und dennoch geduldige, auf Gottes Ratschluss vertrauende Mutter. Als ihr Sohn stirbt und alle anderen zu Boden gefallen sind, stehen nur sie und Maria Magdalena „hoch aufgerichtet“ unter dem Kreuz. Berührende Stärke in höchster Not.

Die Mezzosporanistin Megan Kahts als Martha von Bethanien ist Erregung pur, stets am Rande des Nervenzusammenbruchs und weit darüber hinaus. Auch stimmlich dreht sie fast in jeder Situation zu viel auf. Etwas mehr Differenziertheit im Ausdruck würde hier nicht schaden. Matthias Helm als Josef von Arimathäa sorgt mit seiner Besonnenheit für ein Mindestmaß an Ruhe in der durch die unfassbaren Ereignisse aufgescheuchten Versammlung von Apostel und Jüngern. Einen starken Eindruck hinterlässt der erst 24-jährige Alois Mühlbacher. Eine Idealbesetzung für die Rolle des Apostels Johannes, der aus der Reihe der Jünger nicht nur mit seinem geheimnisvollen Sopran herausragt, sondern auch erscheinungsmäßig ungemein berührend – zuweilen fast engelhaft – wirkt.

Im Ensemble Festival Retz unter der umsichtigen Leitung von Andreas Schüller ist jeder Instrumentalist ein Solist und dennoch der Teil eines imponierend klingenden Ganzen. Das Publikum feiert die denkwürdige Uraufführung, das Ensemble und den Komponisten beim Schlussbeifall ausgiebig und froh. Augen und Ohren wurden nicht heillos überfordert. Das nimmt man gerne und voll Dankbarkeit zur Kenntnis.

Manfred A. Schmid (Online Merker)
4.6.2019

 

Diese Seite drucken