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REINHARDTSGRIMMA / Schloss: BAROCKE KAMMERMUSIK AM PREUSSISCHEN KÖNIGSHOF“ MIT MUSIKERN AUS SACHSENS RESIDENZ

Reinhardtsgrimma/Schloss: „BAROCKE KAMMERMUSIK AM PREUSSISCHEN KÖNIGSHOF“ MIT MUSIKERN AUS SACHSENS RESIDENZ- 17.1.2015

 Der ca. 20 km südlich von Dresdenidyllischim Osterzgebirge gelegene, OrtReinhardtsgrimma(jetzt Stadtteil von Glashütte) mit seinem spätbarocken Schloss und historischerKirche mit Silbermann-Orgel hat sich innerhalb von 20 Jahren, initiiert vom Künstlerischen Leiter Holger Gehring, Organist der Dresdener Kreuzkirche,von einem mehr lokalen zu einem überregional bedeutenden Konzertzentrum für Kammermusik und Orgelkonzerte entwickelt, das vor allem von den Dresdnern- trotz großem Kulturangebot in der eigenen Stadt – sehr gern wahrgenommen wird, zumal oft sehr gute Dresdner Künstler auftreten.

Im ersten Schlosskonzert der neuen Saison hatten sich 4 versierte Musiker: Ulrike Scobel (Barockvioline und Viola d’amore) und Bernward Gruner (Barockcello)von der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Jobst Schneiderrat, Cembalist, Pianist, Organist, gefragter Liedbegleiter, Solorepetitor der Semperoper und musikalischer Assistent bei den Bayreuther und Salzburger Festspielen, und Angelika Fritzsching (Traversflöte) zusammengefunden, um ineinem eindrucksvollen Programm Kammermusik, wie sie Mitte des 18. Jh. am preußischen Hof unter Friedrich II., dem „Großen“, gepflegt wurde, zu Gehör zu bringen.

An diesem Hof lebten, musizierten und komponierten damals bedeutende Musiker ihrer Zeit wie J. J. Quantz, C. H. Graun und Carl Philipp Emanuel Bach, dermit der von Angelika Fritzsching makellos, brillant, mit sehr viel Feingefühl und schlankem Ton wiedergegebenen, „Flötensonate G Dur“ vertreten war und gleichzeitig daran erinnerte, dass Friedrich II. selbst Flötespielte undunterAnleitung von Quantz, den er in Dresden abgeworben hatte, auch komponierte. Seine Kompositionenwerden gelegentlich noch aufgeführt.Er war mehrmals in Dresden, war fasziniert von Architektur und Kunstschätzen in Sachsens Residenz, bewunderte sie und ließ sie schließlich später im Siebenjährigen Krieg (fast) alle zerstören.

Auf dem sehr ansprechend zusammengestellten Programm standen aber auch vorwiegend Komponisten, die weniger persönliche Verbindungen zum preußischen Hof hatten, deren Werke aber dort aufgeführt wurden.

An J. S. Bachs viel zitierten Besuch am preußischen Hof 1747 erinnerte Jobst Schneiderrat am Cembalo mit dem „Ricercar a 3voc“, einer dreistimmigen Fuge, die Bach über ein von Friedrich II. vorgegebenes  Thema im „Musikalischen Oper“(BWV 1079)kunstvoll ausführte. Das Cembalo, ein Nachbau des Original-Instrumentes,von dem aus Johann Adolf Hasse wahrscheinlich die Aufführungen am Dresdner Opernhaus geleitet hat, bestach durch seinen besonders „tiefgründigen“, sonoren Klang, den Schneiderrat geschickt einsetzte. Alles, was er interpretiert, geschieht mit äußerster Sorgfalt und hoher Qualität. Sein vitales Spiel ist nicht nur von technischer Perfektion gekennzeichnet, sondern vor allem ursprünglicher Musikalität, hohem Werkverständnis und Einbeziehung aller Details in die Gesamtkomposition als deren Bestandteile. Das gleiche galt auch für Ausschnitte aus Bachs „3. Französischer Suite“, die er durchaus dynamisch und trotzdem klanglich ausgewogen, sehr lebendig erleben ließ.

Friedrich II. schätzte den „alten Bach“, obwohl dessen kontrapunktischer Kompositionsstil,den er in dessen Endphase neu belebt hatte, zu dieser Zeit schon als „hoffnungslos veraltet“ galt. Aus heutiger Sicht erscheinen gerade Bachs instrumentale Kammerkompositionen besonders vital, ja überschäumend an opulenter Lebensfreude. Sie bilden fast immer den Höhepunkteines Konzertes mit Barockmusik. Bachs „Triosonate G Dur“(BWV 1038) wurde auch an diesem Abend zum bekrönenden Höhepunkt und Abschluss, bei dem noch einmal alle positiven Kräfte der Ausführenden „gebündelt“ und zu einem nachhaltigen Klangerlebnis wurden.

Dass Bachs Musik damals anders empfunden wurde, liegt möglicherweise auch darin begründet, dass der damit verbundene Schwierigkeitsgrad von vielen der damals zur Verfügung stehenden Musiker oft nur bedingt bewältigt wurde und dadurch möglicherweise ein „wenig durchsichtiges“ Klangbild entstand.Deshalb wurde oft anderen Komponisten der Barockzeit und desempfindsamen, „galanten“ Stilesmehr und mehr der Vorrang gegeben. Ihre Werke enthielten technisch weniger Schwierigkeiten und ermöglichten eine größere gefühlsmäßige Wirkung.

Deshalb standen dem „Kontrapunkt“ Bachs von Georg Philipp Telemann die, mit viel Spielfreude musizierte„Triosonate für Traversflöte, Viola d’amore und Cembalo“, und von Johann Adolf Hassedie „Sonate für Violine und Basso continuo e Moll“sowie die „Sonata für Viola d’amore und Basso continuo“ von Giovanni Toeschi (1735-1800) gegenüber. Hasses Sonate wurde resolut, sicher und ausgefeilt wiedergegeben, wobei der Basso continuo mit nur 2 Instrumenten (Cello und Cembalo) eine schöne Klangfülle erreichte.Ein besonderes Klangerlebnis war der warme Klang der sehr selten zu hörenden Viola d’amore als Soloinstrument der „Sonata“ von Toeschi. Die paar leisen Töne, bei denen kurzzeitigdie Saiten nicht so recht „mitspielen“ wollten, fielen da gegenüber den unzähligen anderen, besonders schönen und berührenden Tönen nicht ins Gewicht.

Bei der perfekten Ausführung aller interpretierten Kompositionen war kaum ein Unterschied hinsichtlich Vitalität, Ausstrahlung, ansprechender Wirkung, „alt“ oder „modern“zwischen beiden Stilrichtungen bemerkbar, nur hinsichtlich des „persönlichen“ Stils des Komponisten, so frisch und vital wurden die Stücke beider Stilrichtungen musiziert.

Es wurde allgemein sehr vital, in zügigem, aber angemessenem Tempo in einem unbedingten Miteinander auf sehr hohem Niveau musiziert, so dass sich die Musik in ihrer Schönheit und Klangfülle, aber auch ihrer geistigen Substanz voll entfalten konnte.Bei jedem Werk spielten alle Beteiligten, ob solo, zu zweit, zu dritt oder zu viert, mit gleicher Musikalität und Werkauffassung, gleichem Gefühl und gleichem Sinn für die Musik und perfekt aufeinander abgestimmt, teils durch Blickkontakt, vor allem aber durch ein „Aufeinander-Hören“. Trotz weniger Instrumentekonnte sich die Musik in schöner Klangfülle entfalten und sich dem Hörer unmittelbar mitteilen.

Ingrid Gerk

 

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