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REGRESSION

29.09.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmPoster Regression~1

Ab 1. Oktober 2015 in den österreichischen Kinos
REGRESSION
USA / 2015
Drehbuch und Regie: Alejandro Amenábar
Mit: Ethan Hawke, Emma Watson, David Thewlis u.a.

Das ist ein interessanter Film, nämlich der Beweis dafür, dass man auch einen „realistischen“ Horrorfilm machen kann – und dass nicht nur, wie die Dichter sagen, die wahren Abenteuer „im Kopf“ sind, sondern sich auch alles andere auf dieser Welt in den Menschenköpfen spiegelt und dabei oft nur scheinbar auf die Realität zurückgreift.

Hexenjagd-Hysterie gab es in den USA im späten 17. Jahrhundert, aber andere Hysterien haben durchaus ihren Eingang ins 20. gefunden (und sagen wir nicht, dass wir heute davon frei sind, wenn die Medien irgendeinen Blödsinn anheizen). In den neunziger Jahren geisterten in den USA die Satanisten herum. Nicht, dass es sie nicht gegeben haben mag, aber gerade weil niemand etwas Genaues wusste, waren die Vorstellungen umso ausführlicher – nicht nur die Vergewaltigung von Jungfrauen nachts im Stall durch Kapuzenmänner, nein, auch die blutige Opferung neu geborener Babys… Und über dergleichen ließ (und lässt!!!) sich auch Bestseller schreiben, die die Phantasie noch gewaltig explodieren lassen.

Wenn man also in eine Kleinstadt in Minnesota im Jahr 1990 zurückblendet, und Kleinstädte, wo jeder jeden kennt, sind bekanntlich besonders anfällig für Massenhysterie, dann kann Regisseur Alejandro Amenábar nach eigenem Drehbuch, aber sicherlich inspiriert durch wahre Ereignisse, einen wirklich spannenden Horrorthriller auf die Leinwand bringen. Die Lösung darf man nicht verraten, aber sie war selten so – befriedigend.

Da ist einmal das „Harry Potter“-Mädchen Emma Watson, mittlerweile 25, ganz von ihrem Schulmädchen-Image emanzipiert, aber als unschuldsvolle Angela Gray wunderbar stark und überzeugend: Dieses Mädchen ist vor ihrer Familie in die Kirche geflohen, und sie hat offenbar den Mut, sich gegen ihre sämtlichen Angehörigen zu stellen – der Vater habe sie belästigt, und alle, auch Oma, gehörten einem Satanskult ab, der im Schuppen der verfallenen Farm die schrecklichsten Rituale vollzöge. Sie selbst war Zeugin. Absolut kein Grund, dem Mädchen nicht zu glauben. Der Vater weiß selbst, sie lügt nicht, und wenn er sich am Ende nicht daran erinnert, was er getan hat – nun, er ist Säufer, die haben schon einmal ein Blackout.

Detective Bruce Kenner hat einen Fall, tritt aber auf der Stelle: Ethan Hawke, auch schon sehr weit entfernt von dem hübschen Burschen, der er in seiner Jugend war, zergrübelt sich als schwer geplagter Mann den Kopf und wird am Ende selbst von Satans-Visionen gepeinigt. Da schlägt der Horror-Film dann mit Gänsehaut-Qualität zu.

Auftritt: der Psychiater, wobei David Thewlis als Professor Kenneth Raines zwar schrullig, aber keinesfalls inkompetent wirkt. Er schwört auf die Regressionstherapie, nämlich Patienten geradezu magisch-beschwörend in ihre eigene Vergangenheit zu führen und Verschüttetes hervorzuholen: Wenn man das überzeugend genug macht, dann spucken die Herrschaften das Erstaunlichste heraus… Man weiß ja, was die Menschen alles verdrängen.

Kinderleichen finden sich keine, so sehr man den Boden um die Farm auch umdreht. Was sich findet, ist eine Lösung – im Gegensatz zu den meisten Filmen dieser Art, die den Zuschauer mit der Unsicherheit heimschicken, dass der Teufel ja doch irgendwo lauert, liegen hier die Dinge klar. Wer u.a. als nicht ganz verlässlich zurückbleibt, ist der Psychiater (wobei die Regressionstherapie, die viel angegriffen wurde, dennoch bis heute betrieben wird!).

Alles in allem – intelligentes Kino, das die Tricks der Machart ausschöpft, aber nicht in die Esoterik-Falle hineinläuft.

Renate Wagner 

 

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