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RAVENNA: SANCTA SUSANNA/ NOBLISSIMA VISIONE von Paul Hindemith

07.07.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

RAVENNA /Festival : SANCTA SUSANNA und NOBILISSIMA VISIONE von Paul Hindemith am 6.7.2012 im Teatro Alighieri


Foto: Ravenna-Festival

Dass ein Komponist ein Werk aus seinem Werkverzeichnis streicht, kommt ja nicht alle Tage vor. Hindemith hat es mit seiner Oper SANCTA SUSANNA aufgrund des Premierenskandals getan und gleich auch (so wie Schnitzler mit seinem „Reigen“) weitere Produktionen verboten.

Riccardo Muti hat aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen gearde an diesem 25minütigen Einakter einen Narren gefressen und ihn nun zum vierten Mal zur Aufführung gebracht – nach drei konzertanten Versionen diesmal auch szenisch.

Was war an diesem Opusculum anno 1922 nur soo skandalös ?


Foto: Ravenna-Festival

Eine junge Nonne (Susanna) hört in einer Vollmondnacht den Lustschrei eines Bauernmädchens, das sich in einem benachbarten Weizenfeld ihrem Bauernburschen hingibt. Durch einen Windstoss aufspringende Fenster und der somit ins Klosterinnere eindringende betörende Duft von Fliederblüten tun ein Übriges, um Susanna plötzlich ihre Sexualität entdecken zu lassen. Obwohl von Oberklemmschwester Klementia eindringlichst gewarnt, vollzieht sie denselben Transgressionsakt wie eine gewisse Schwester Beate 30 Jahre vor ihr. Nackt nähert sie sich unsittlich dem nackten Leibe des Gekreuzigten und wird daraufhin und „Satana!Satana!“ Rufen von ihren Mitschwestern ebenso lebendig eingemauert wie besagte Beate.

Das mag in der Zwischenkriegszeit „blasphemisch“,“obszön“ und „skandalös“ gewesen sein, regt aber heutzutage naturgemäss niemanden mehr auf, nicht einmal den bei der Premiere anwesenden Korrespondenten des Osservatore Romano.

Das Werkchen selbst ist aber in seiner atemlosen Intensität sehr packend, und Riccardo Muti dirigiert diese eigenartige Mischung aus impressionistischen und expressinistischen Elementen mit grosser Hingabe und ohne Scheu vor gelegentlich auch bombastischen Effekten.

In den einander spiegelnden Rollen von Schwester Susanna und Schwester Klementia brillieren stimmgewaltig, doch auch mit grosser Pianokultur die Ungarin Csilla Boross und die Österreicherin Brigitte Pinter.

Statt des zu hohe Gagenforderungen stellenden Peter Stein übernahm die (bisher nur als Theater – und Filmschauspielerin in Erscheinung getretene) Dirigententochter Chiara Muti die Regie und lieferte eine durchaus überzeugende, in ihrer „didaskalischen“ und „realistischen“ Herangehensweise nahezu dem Steinschen Spätstil ähnelnde Arbeit ab.

Geniale Lichtstimmungen, grossartige Beherrschung des Raumes, ausgezeichnete Sängerinnenführung.

Nun, wenn man von Kleinkindesbeinen an seine Zeit in den bedeutendsten Opernhäusern dieser Welt verbringt, wäre es ja noch schöner, wenn da nichts hängengeblieben wäre…!

Manche hätten sich vielleicht mehr „Interpretation“ gewünscht, aber das kann ja noch werden.

Weniger überzeugend die Wahl des zweiten 25minütigen Werks an diesem Abend, dem Ballett „Nobilissima Visione“ über das Leben des Hl.Franz von Assisi. Zwar hat Hindemith 1938, inspiriert von den Fresken Giottos ein Ballett gleichen Titels für den Tänzer Massine geschrieben, Muti verwendet aber nicht die die aus 11 Tableaus bestehende Originalmusik, sondern die später entstandene, auf 5 Tableaus reduzierte „Orchestersuite“.

Und die fällt in ihrer neoklassizistsichen Kontrapunkthaftigkeit nicht nur gegen die aufwühlende Partitur der Sancta Susanna ab, sondern ist auch in sich selbst – eben keine Ballettmusik.

Gegen diesen „Konstruktionsfehler“ des Projekts kämpft Choreograph Mischa van Hoecke – trotz seiner gewohnten Meisterschaft und seines untrüglichen Sinns für Ästetik – gemeinsam mit den virtuosenTänzern der Römischen Oper leider vergeblich an.

Ein bisschen Fliederduft, Lustschreie und Sex mit dem Gekreuzigten hätten doch auch gereicht !

Robert Quitta, Ravenna

 

 

 

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