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QUELLEN DES LEBENS

12.02.2013 | FILM/TV

Ab 14. Februar 2013 in den österreichischen Kinos
QUELLEN DES LEBENS
Deutschland  /  2013 
Regie und Drehbuch: Oskar Roehler
Mit: Moritz Bleibtreu, Jürgen Vogel, Meret Becker, Lavinia Wilson, Margarita Broich u.a.

Wenn man in seiner Kindheit seelisch beschädigt wurde (was bekanntlich weit verbreitet ist), kann man sich als Erwachsener auf die Psychiatercouch legen, falls gute Freunde, Freundinnen oder der Pfarrer nicht zuhören – oder man schreibt einen Roman. Oder man dreht einen Film. Wenn man Glück und Talent hat, kommt auch noch etwas dabei heraus, mit dem andere etwas anfangen können.

Filmregisseur und Autor Oskar Roehler, Jahrgang 1959, der es mit seinen Eltern schwer hatte, dürfte zumindest doppelt Talent geerbt haben – sowohl Vater Klaus Roehler wie Mutter Gisela Elsner waren Schriftsteller, sie sogar eine in der deutschen Nachkriegsszene recht bekannte, wenn auch kontroverse.

Mit dieser Mutter steht Oskar Roehler auf Kriegsfuss, wie man schon früher bemerken konnte (und wenn man „Quellen des Lebens“ gesehen hat, weiß man auch, warum): Er hat sie schon in dem Film „Die Unberührbare“ (brillant dargestellt von Hannelose Elsner) vorgeführt. Hier vernichtet er sie geradezu, denn er hat mit einer Frau, die sich nie im geringsten um ihr Kind (ihn nämlich) gekümmert hat, ein geradezu tobsüchtiges Hühnchen zu rupfen. Zeigt sie gnadenlos von der jungen, völlig gewissenlosen Hysterikerin bis zur egozentrischen, völlig abgehobenen, nur noch albernen Alten am Ende. Nicht einmal, dass sie vielleicht eine passable Schriftstellerin war, gesteht er ihr zu. Einen solchen Film machen zu können, ist vermutlich besser als jede Psychoanalyse…

Wer hat es mit seiner Familie schon leicht? Roehler braucht in „Quellen des Lebens“ drei Stunden, die für den Kinobesucher unterschiedlich anregend sind, um drei Generationen Nachkriegszeit nachzuzeichnen (wobei die Familie Roehler hier Freytag heißt). Die Ressentiments gehen in jede Richtung – Opa Freytag, der da 1949 total zerlumpt, verdreckt, zahnlos aus dem Krieg zurückkehrt (Jürgen Vogel genießt es, die Figur in jede Richtung zu überzeichnen), war schließlich ein Nazi. Seine Frau (Meret Becker, verhärmt) ist mit seiner Schwester (Sonja Kirchberger, verbiestert) lesbisch verbunden, bevor sie sich wieder zu Mann und drei Söhnen (der jüngste ist im Krieg von wer weiß wem gezeugt worden, bleibt aber in der Familie) zuwendet. Opa macht mit deutschem Fleiß Gartenzwerge und wird im Wirtschaftswunder ein so weit ganz erfolgreicher Unternehmer. Erfolgreich genug, dass die nächste Generation sich unter den Intellektuellen umtun kann.

Seinem Vater Klaus (Moritz Bleibtreu als schillernder Versager) gesteht Oskar Roehler nicht viel Talent zu – ein Schwächling, der in die Fänge von Gisela Ellers gerät (Lavinia Wilson, eine gefährliche Psychopathin). Beide wollen schreiben, sie tut es erfolgreicher als er, der Babysohn bleibt auf der Strecke.

Also erst zu den Freytag-Großeltern, dann zu den anderen: Das sind typische Fünfziger-, Sechziger-Jahre Großbürger mit ärgerlich viel Geld und Affektation: Die Oma von Margarita Broich ist unter den vielen überzeichneten Leistungen des Films die genialste, da explodiert die Parodie, da sitzt der Vernichtungsschlag punktgenau. An ihrer Seite der Gatte (Thomas Heinze, schwächlich und hochmütig). Nein, es war offenbar kein Vergnügen, ein deutscher Junge zu sein – mit solchen Eltern und Großeltern.

Mit der Figur von Sohn bzw. Enkel Robert, wenn dieser halbwegs erwachsen ist (Leonard Scheicher), tut sich der Regisseur am schwersten – das ist schließlich er selbst. Na gut, man hatte seine wilden Jahre (doch letztlich ist nur der Internatskollege – Wilson Gonzalez Ochsenknecht – so richtig mies), aber eigentlich will man doch ein netter Kerl sein. Wenn Roehler sein Gift ausgeht (zumal mit der süßen Freundin: Lisa Smit), wird er schwächlich. Auch die alten Tage von Opa Freytag (vergessen wir doch den Nazi in ihm) und Oma Freytag geraten ihm penetrant sentimental. Irgendwann ist man im Heute – schwer hat die Jugend an der Last der Vorfahren zu tragen, und der Kinobesucher trug mit.

So brillant Roehlers Film, nach seinem eigenen Roman gedreht, stellenweise ausgefallen ist, so kann er sich doch nicht auf einen filmischen Stil einpendeln. Da überdreht er teilweise dermaßen lächerlich (und nicht gut), dass jede Glaubwürdigkeit (um die es ja auch gehen muss in dieser traurigen deutschen Geschichte) flöten geht. Dann ist er wieder erschreckend sentimental. Dann bösartig. Dann banal. Dann brillant. Alles und nichts wirklich.

Immerhin, das Ambiente stimmt: Auch die Nachkriegszeit ist heute Nostalgie. Die alten Autos, die alten Klamotten, die alten Einrichtungen (samt Gartenzwergen), die alten, abgelegten Weltanschauungen – Schriftsteller-Mama links, Papa libido-gesteuerter 68er, der den Schulkind-Sprößling auch beim Beischlaf zusehen lässt, Sohn so ein bisschen Hippie, ein bisschen auf Zerstörungswut, aber nichts richtig… Na ja, Autor und Filmregisseur ist er geworden. Und als ein Stückchen deutscher Geschichte, absolut nicht liebevoll betrachtet, kann man den Film schon nehmen.

Renate Wagner

 

 

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