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QUARTETT

20.01.2013 | FILM/TV

Ab 25. Jänner 2013 in den österreichischen Kinos
QUARTETT
Quartet  /  GB  /   2012
Regie: Dustin Hoffman / Drehbuch: Ronald Harwood
Mit: Maggie Smith, Tom Courtenay, Billy Connolly, Pauline Collins, Michael Gambon, Gwyneth Jones u.a.

Das ist ein Film vom Feinsten: für Freunde exquisiter Darstellungskunst und brillanter Drehbücher – und natürlich für Freunde der Oper. „Quartet“ des britischen Autors Ronald Harwood ist vielen Theaterfreunden wohl schon auf der Bühne begegnet. Harwood, Südafrikaner und einer der besten Vertreter hervorragender Gebrauchsstücke (die über den bloßen Alltag hinausgehen), hat immer schon auch einen Schwerpunkt seines Interesses auf Musik gelegt: So schrieb er das faszinierende Stück über Furtwängler („Taking Sides“) oder behandelte das Schicksal des polnischen Pianisten Władysław Szpilman als Drehbuch für Polanskis großartigen Film („The Pianist“).

In „Quartett“ wird er allerdings nicht politisch, da geht es nur – und solcherart ist die Geschichte nicht nur  „lustig“ – um alte Menschen, die eben, und das wird mit dem gebührenden Schmunzeln betrachtet, alte Künstler sind, und Künstler sind nun einmal eine besondere Spezies…

Wir haben in Österreich unser Künstlerheim in Baden, die Briten haben fiktiverweise (schön wär’s) „Beecham-House“ („Ich weiß, wer Sir Thomas Beecham war“, giftet ein Neuankömmling über die Belehrung), und gedreht wurde der Film im noblen georgianischen Hedsor House in Buckinghamshire. Dort, in elegantestem Ambiente und wunderschöner Natur herum, kann man sich im Ruhestand  schon wohl fühlen. Und es klingt an allen Ecken und Enden – Musiker sind keine Menschen, die froh sind, ihren Beruf irgendwann los zu sein, sie existieren nur, indem sie ihn ausüben… und darum wird musiziert und gesungen, dass es nur so eine Freude ist, auch wenn es vielleicht doch keine Freude mehr ist, dabei zuzuhören („Your Singing brought Tears to my Ears“)…

Zuerst sind es drei Insassen, die ins Zentrum gerückt werden, so dass man sie besser kennen lernt (und auf Anhieb stürmisch ins Herz schließt): Reginald Paget (der herrlich verkniffene und dabei so souveräne Tom Courtenay), der offenbar ein großer Tenor war; die so lebhafte Cissy Robson, ein Mezzo (die herrlich liebenswerte Pauline Collins, die Anfälle von Alzheimer beklemmend spielt); und schließlich als jedermanns Liebling der Bariton Wilf Bond (eine Glanzrolle für Billy Connolly, mit herrlichem schottischem Klang in der Stimme, ein alter Schwerenöter zum Niederknien). Das aktuelle Ereignis im Künstlerheim ist die Vorbereitung zur alljährlichen Gala anlässlich von Verdis Geburtstag (dort braucht man kein Jubiläumsjahr!), und Cedric Livingston (Michael Gambon versprüht köstlich Eitelkeit) organisiert mit großer Geste.

Doch was ist das alles im Vergleich zum Neuankömmling: Auftritt Maggie Smith, Britanniens größte alte Dame neben Judi Dench, die als ehemalige Koloraturdiva Jean Horton sowohl den Star von einst spielt wie die alte Frau von heute, die mit Intelligenz versucht, beides auf einen Nenner zu bringen, obwohl es ihr das Herz bricht, alt geworden zu sein… Sie hat übrigens auch ihrem Exmann Reginald Paget einst das Herz gebrochen, worunter er noch immer leidet, und so kommen nun auch die persönlichen Verwicklungen zum reizvollen Künstler-Hickhack in Beecham House …

Einst waren Jean, ihr Mann, Wilf und Cissy eine legendäre „Rigoletto“-Besetzung, Cissy schleppt die CD (offenbar eine wieder veröffentliche historische Aufnahme) mit sich herum, selige Zeiten. Dieses Rigoletto-Quartett aus dem letzten Akt noch einmal auferstehen zu lassen, wie es die Königsidee für das Verdi-Konzert wäre… da sind unzählige Stolpersteine zu überwinden, und bis es so weit ist: Künstler-Eitelkeit und Künstler-Skrupel, Sentimentalität und Pragmatismus, die Geschichte fängt alles ein, was sich hier abspielt. Jedenfalls ergibt das einen Film von unwiderstehlichem Zauber.

Das dankt man natürlich dem Regisseur Dustin Hoffman, der tatsächlich gewartet hat, bis er selbst Mitte 70 war, um alles, was er über das Filmemachen weiß, einmal umzusetzen. Das Ergebnis ist nicht nur in der Schauspielerführung, sondern auch in Kamera und Schnitt, die ihre eigenen sanften Pointen setzen, ein sensibles Meisterstück, wie man es selten erlebt. (Sehr weise übrigens, die Vier beim Singen des Quartetts am Ende nicht zu zeigen – da schweben nur die wunderbaren Stimmen von einst über Beecham-House. Ein kluger Regisseur weiß, was er tut.)

Ein eigener Absatz muss natürlich einer besonderen Bewohnerin von Beecham-House gewidmet werden, denn diese Anne Langley ist so echt, wie sie sein kann, nämlich die große Gwyneth Jones als zickige Ex-Diva: Da darf sie in einer Szene den alten Karajan-„Othello“ auf Video anschauen, schwärmen, dass es solche Tenöre wie Vickers nicht mehr gäbe, sich erinnern, wie leicht ihr selbst die Rolle der Desdemona gefallen sei – „die arme Freni hat sich dagegen so damit geplagt!“ (!!!) Drehbuchautor und Regisseur waren auch nobel genug, beim Wohltätigkeitsfest Anne Langley (also Dame Gwyneth) die ganze Tosca-Arie singen zu lassen, und das gelingt immer noch höchst beeindruckend.

Sie ist wirklich ein Gewinn für diesen Film, aber man darf nicht vergessen, dass auch die meisten anderen Insassen „echt“ sind, ehemalige Pianisten, Orchestermusiker, Chorsänger, Solisten, Comedians… nur dass in diesem Fall die Briten aufgefordert sind, sie zu erkennen. Aber wir haben Dame Gwyneth Jones – und einen hinreißenden Film über Künstler, wie er nicht schöner hätte ausfallen können.

Renate Wagner

 

 

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