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PROKOFIEV: Symphonien und Konzerte / Mariinsky – Valery Gergiev

30.01.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0822231857723 PROKOFIEV: Symphonien und Konzerte / Mariinsky – Valery Gergiev – 2 Mariinsky-SA-CDs – Aufnahmen mit Referenzcharakter

Nach der 5. Symphonie und dem dritten Klavierkonzert (Solist Denis Matsuev) legt das Label Mariinsky nun den zweiten Teil einer neuen Gesamtedition sämtlicher Symphonien und Klavierkonzerte von Sergei Prokofiev vor. Dramaturgisch äußerst sinnvoll werden die Symphonien und von der Schaffensperiode her korrespondierenden Klavierkonzerte gemeinsam vorgestellt. Das vorliegende Doppelalbum enthält auf Disc 1 die Klavierkonzerte Nr. 4 (Solist Alexei Volodin) und Nr. 5 (Solist Sergei Babayan) sowie die vierte Symphonie, auf Disc 2 folgen die Symphonien Nr. 6 und Nr. 7. Die Stars sind wie immer bei diesem Label das hier besonders prächtig disponierte Orchester des Mariinsky Theaters unter der Leitung von Valery Gergiev. Konnte man bisweilen nicht zu Unrecht Gergievs Hang zu pauschalem Cinemascopeklang und einen vordergründig dramatischen bis derben Zugriff konstatieren, so zeigt sich der streitbare russische Maestro hier von einer völlig anderen Seite: Alle vorgestellten Prokofiev Aufnahmen beginnend mit dem aufregenden vierten Klavierkonzert erfreuen sich einer transparente(re)n und sehnig-kräftigen Lesart, wobei die Energie nicht von außen aufgestülpt scheint, sondern von innen nach außen ihren Weg findet. Klassizistische Elemente und harte Rhythmen folgen jetzt Gergiev in einem organischen Fluss. Die weise Erkenntnis: Zur bis heute frappanten Modernität Prokofievs muss einfach nicht noch ein Mehr an (Aus-)Druck  hinzugefügt werden. 

Das vierte Klavierkonzertes, das ja als eine Auftragskomposition des einarmigen Wieners Paul Wittgenstein besonders bekannt wurde, ist in der zweihändigenFassung  bei Alexei Volodin bestens aufgehoben. Der durchgängige Klavierpart wird von dem formidablen russischen Pianisten und Kammermusikspezialisten delikat, einfühlsam und mit äußerster Präzision gespielt. Impressionistische Klangfarben mischen sich mit glasklaren Rhythmen, die nie hämmern, sondern immer einem musikantisch-jugendlichen, wenngleich bisweilen ungestümen Klangideal folgen. Vordergründige Extreme sind in dieser Interpretation nicht zu finden. Das fünfte und letzte (fünfsätzige) Klavierkonzert Prokofievs hat Gergiev klugerweise dem Pianisten Sergei Babayan anvertraut. Beim unter Wilhelm Furtwängler in Berlin uraufgeführten wesentlich “wilderen” 5. Klavierkonzert (3. Satz) kann Babayan seine außerordentliche Virtuosität faszinierend unter Beweis stellen. Im vierten Satz gelingen aber auch introvertiertere oder “sachlichere” Momente ebenso hinreissend. Gemeinsam mit der siebenten Symphonie ist dem fünften Klavierkonzert eine lebendig-energiegeladene Live-Atmosphäre zu Eigen (Mitschnitt vom 25. April 2012 aus dem Moskauer Konservatorium). 

Die Symphonien Nr. 4 (revidierte Fassung aus 1947) und Nr. 6  sind ebenso berührende wie niederschmetternde Zeugnisse einer politisch repressiven Zeit. Was Prokofiev hier mit musikalischen Mitteln erzählt, kann in Worte nicht gefasst werden. Wer nach einem verständlichen, unmittelbar unter die Haut gehenden historischen Narrativ dieser Epoche in der Sowjetunion (1945-1952) sucht, wird bei Prokofiev fündig. Mit der satirischen siebenten Symphonie schließt Gergiev diese Etappe auf dem Weg zum Prokofiev-Gipfel. Wer das weite Land der abendländischen Symphonik durchwandern will, findet in Bezug auf Prokofiev in Gergiev den besten Wegbegleiter. Kaum nötig hinzuzufügen, das das Mariinsky Orchester in diesem Repertoire technisch sowie stilistisch “alle Stückeln spielt.”

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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