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PRISONERS

09.10.2013 | FILM/TV

FilmPlakat Prisoners

Ab 11. Oktober 2013 in den österreichischen Kinos
PRISONERS
USA  / 2013 
Regie: Denis Villeneuve
Mit: Hugh Jackman, Jake Gyllenhaal, Terrence Howard, Melissa Leo, Paul Dano u.a.

Zwei kleine Mädchen werden entführt. Die Eltern sind verzweifelt, die Polizei ist im Rahmen ihrer Möglichkeiten bemüht, am Ende werden die beiden gefunden. Der Umriss dieses Films des kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve (bekannt geworden durch „Die Frau die singt – Incendies“, die wirklich aufregende Geschichte über Folter und Unterdrückung im Nahen Osten) kann auf diese simplen Tatsachen reduziert werden. Aber er ist doch viel mehr.

„Gefangene“ sind nämlich nicht nur die beiden kleinen Mädchen, die zu Halloween kurz ohne ihre großen Geschwister (wie es die Eltern aufgetragen haben) auf die Straße gehen und direkt vor ihrem Haus von unbekannten Tätern (einer oder mehrere) geschnappt werden. Gefangene ihrer Verzweiflung sind die Eltern ebenso, Verdächtige werden zu Gefangenen, und wenn sich schließlich die wirklich überraschende Schlusspointe durchaus logisch herauskristallisiert, dann ist auch der Täter/die Täterin (man muss ja alle Optionen offen lassen, wenn man nichts Konkretes verraten will) gefangen in seiner/ihrer wahnsinnigen Vorstellungswelt. Und selbst, wenn scheinbar alles noch „gut“ ausgeht, ist nichts mehr, wie es vorher war. „Prisoners“ ist im Grunde die Geschichte einer Zerstörung auf ganz breiter Ebene.

Auf der Jagd nach dem Täter kristallisiert das Drehbuch zwei Figuren heraus. Da ist Hugh Jackman als Keller Dover, der von Anfang an gar nicht als besonders sympathische Figur da steht, sondern als extrem harter Mann, den man dabei kennen lernt, wie er mit seinem älteren Sohn auf die Jagd geht und diesen kaltblütig anleitet, einen wunderschönen Hirschen abzuschießen. Immerhin, er ist ein liebender Familienvater (Maria Bello als seine Gattin darf später den gänzlichen nervlichen Verfall einer Frau angesichts eines verlorenen Kindes spielen), und man feiert mit dem befreundeten farbigen Ehepaar (glänzend Terrence Howard und Viola Davis) und den Kindern Halloween. Nein, die Rassenfrage ist keine mehr, da lebt man in allen Generationen auf Augenhöhe miteinander, auch die beiden kleinen Mädchen der Paare.

Aber als die Kinder entführt sind und ein verzweifelter Vater selbstverständlich das Gefühl hat, dass absolut nicht genug geschieht, die kleine Tochter zu finden – da blättert der Film das Thema der Selbstjustiz auf. Da spielt Paul Dano (immer hervorragend in Rollen, die vom „Normalen“ abweichen) einen offenbar geistig leicht behinderten jungen Mann, der bei einer wackeren älteren Tante wohnt („Oscar“-Preisträgerin Melissa Leo) und Keller Dover mit guten Gründen das Gefühl gibt, mehr von der Entführung zu wissen, möglicherweise selbst der Täter zu sein. Für die Polizei reicht der Verdacht nicht aus – und das Kinopublikum muss sich entscheiden, wie weit es bereit ist, mit dem verzweifelten Vater zu gehen, der blutenden Herzens tatsächlich zu Entführung und zur Folter greift. Das gibt wirklich atemberaubende Szenen, die bei aller vordergründigen Spannung nie vergessen lassen, worum es da geht…

Jake Gyllenhaal, so überzeugend wie selten, spielt Detective Loki, alles andere als ein Held, aber doch ein Mann, der mehr zu geben bereit ist als nur die Routine, die seinem Chef (der arme Mann schaut halt immer aufs Budget) genügen würde. Es wird durchaus klar, dass man im Endeffekt nur etwas erreicht, wenn man bereit ist, mehr als nur Dienst nach Vorschrift zu tun… und wie schwer es im Grunde ist, Geschehnisse, von denen man nur Bruchstücke kennt, zu durchschauen…

Das Drehbuch macht einige Wendungen, die schwer nachzuvollziehen sind (und die man hier nicht schildern kann, ohne Wesentliches der Handlung zu verraten), aber letztendlich ist die Lösung so verblüffend wie plausibel. Und man darf mit den „Guten“ buchstäblich bis zur letzten Filmsekunde bangen… und geht aus einem Film, der spannend und grausam ist und von unglaublichen Stadien der Verzweiflung erzählt. Und moralische Fragen aufwirft, die man im „Trockendock“ vermutlich gar nicht beantworten kann. Jedenfalls erfährt man viel über die Psychologie der Opfer – und auch über jene der Täter.

Renate Wagner

 

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