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PFORZHEIM: CARMEN –

05.03.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

THEATER PFORZHEIM: CARMEN – Schwestern im Geist – Premiere am 3.3.2012, besuchte Vorstellung 6.3.2012


Anna Agathonos

Ohne Zweifel stellt die Neuinszenierung von Bizets „Carmen“ am Theater Pforzheim eine der besten Arbeiten von Bettina Lell dar. Einmal mehr wartete diese hervorragende Regisseurin, die in Pforzheim auch das Amt der stellvertretenden Operndirektorin bekleidet, mit einem wahren Geniestreich auf. Dass sie ihr Handwerk ausgezeichnet versteht, hat man ja schon immer gewusst. Ihre bisherigen Arbeiten sprechen da eine deutliche Sprache. Und auch diesmal wurde man nicht enttäuscht.

Was sie auf die Bühne brachte, war konzeptionell gut durchdacht und mit großem technischem Können umgesetzt, was Frau Lell als wahre Größe im Regiefach ausweist. Ihr Name steht schon längst für Qualität und spannendes Musiktheater vom Feinsten. So auch hier. Bettina Lell entkleidet Bizets Oper jeder altbackenen Folklore, die man sonst mit ihr in Verbindung bringt, und siedelt sie in einem neutralen Ambiente an. Das Geschehen spielt sich in einem von Sibylle Schmalbrock entworfenen, karg anmutenden und dunkel ausgeleuchteten Raum mit Blick auf die Brandwände des Pforzheimer Theaters ab. Das Bühnenbild stellt eine Arena dar. Stierkampf und Toreros werden im Lauf des Abends immer wieder mit filmischen Mitteln auf eine im Hintergrund aufragende riesige Leinwand projiziert. Ausgangspunkt von Frau Lells Konzeption ist eine Spielsituation. Wenn sich der Vorhang öffnet, sieht man die späteren Handlungsträger und den Chor im schwarzen Einheitslook auf rechts und links angebrachten Tribünen sitzen und auf den Beginn des Stücks warten. Die Rollen sind noch nicht verteilt. Diese werden erst vergeben, wenn die Sänger die an Stangen vom Schnürboden herabschwebenden, ebenfalls von Frau Schmalbrock stammenden bunten Kostüme ergreifen und anlegen. Hier stellt Frau Lell bereits wesentliche, für den gesamten weiteren Handlungsverlauf essentielle Fragen: Wer ist Carmen? Wer ist Micaela? Wer entscheidet, welche Darstellerin eine Carmen oder eine Micaela ist? Im Vorfeld einer Opern- oder Theaterproduktion kommt es oft zu Auseinandersetzungen bzgl. der Besetzung der Hauptpartie. So auch hier, wo sich zwei Sängerinnen heftig um die Rolle der Carmen streiten. Die spätere Protagonistin entscheidet die Auseinandersetzung schließlich für sich. Während sich fast sämtliche Gesangssolisten für einen Charakter entscheiden, bleibt die Sängerin der Micaela still und teilnahmslos auf ihrem Platz auf der rechten Tribüne sitzen. Sie weiß nicht so recht, welcher Part für sie bestimmt ist. Schließlich bleibt nur noch die Micaela für sie übrig. Etwas lustlos fügt sie sich in ihre Rolle und beginnt das Gespräch mit Morales in ihrem schwarzen Outfit. Ihr konventionelles blaues Kleid wird ihr erst im Verlauf der Szene von den Soldaten angelegt. Im Folgenden spielt Frau Lell stark mit Klischees, zeigt sie auf, hinterfragt sie, stellt aber auch Fragen fernab von jedem Klischee. Einfühlsam trägt sie mit ihrem Konzept der Tatsache Rechnung, dass jeder Zuschauer seine eigene Vorstellung von Carmen hat. Herkömmliche Darstellungsformen der Titelfigur mit rotem Flamencokleid und Fächer sind heute nicht mehr sonderlich interessant. Dessen ist sich Frau Lell bewusst und stellt demgemäß keine überkommenen Figuren, sondern moderne Menschen auf die Bühne.

Diese betrachtet sie durch die Brille der Psychologin und lässt insbesondere bei ihrer Deutung von Carmen und Micaela in genialer Art und Weise einen gehörigen Schuss von Freud’schem und Jung’schem Gedankengut in ihre Interpretation mit einfließen, was ihre Regiearbeit interessant und ungeheuer spannend erscheinen lässt. Den nach alten Deutungsmustern in diesen beiden Frauen verkörperten Gegensatz von Heilige und Hure pflegt sie nur noch bedingt. Carmen und Micaela haben jeweils auch etwas von der anderen in sich. Beide sehnen sich immer stärker in die Haut der Gegnerin, jede trägt sowohl Züge einer Hure als auch einer Heiligen in sich. Die Regisseurin führt sie sogar immer wieder an Stellen zusammen, an denen Bizet eine Begegnung zwischen ihnen gar nicht vorgesehen hat, und trägt damit gekonnt Tschechow’schen Elementen Rechnung. So beobachtet Carmen Micaelas Gespräch mit Don Jose; Micaela wird später Zeugin von Carmens Flucht und ist dann auch bei der Kartenarie der Zigeunerin präsent. Den stärksten Eindruck der Produktion hinterließ das Bild, in dem sich Carmen innig und liebevoll an Micaela schmiegt, während diese ihr „Je dis que rien m’epouvante“ singt. Auch hierdurch wird deutlich: Obwohl die zwei Mädchen eigentlich entgegengesetzte Pole des Prinzips Frau verkörpern, trägt jede letztlich zwei Seelen in ihrer Brust, was sie befähigt, sich dem Wesen der Kontrahentin anzunähern. Beide streben gleichsam eine harmonische Vereinigung der von ihnen dargestellten gegensätzlichen Prinzipien an. Damit sind sie ihrem Wesen nach kein Gegensatzpaar, sondern Schwestern im Geist. Zwischen ihnen besteht eine Seelenverwandtschaft. Damit stimmt überein, dass Carmen durchaus nicht nur negative Eigenschaften aufweist. Sie wird von Frau Lell im Gegenteil sehr vielschichtig gezeichnet. Es gibt viele Augenblicke, in denen man ihr Handeln versteht und in denen sie sogar sympathisch wirkt – eine sehr erfrischende Neudeutung.

Und Micaela ist in dieser Produktion nicht nur eine der Femme fatale Carmen entgegengesetzte brave, biedere und gehorsame Femme angelique, die am Ende des ersten Aktes hier sogar zur Heiligen Jungfrau stilisiert wird, sondern eine starke und selbstbewusste junge Frau, die immer stärker gegen die ihr zugedachte konventionelle Rolle aufbegehrt und auf Konfrontationskurs zu einem System geht, das ihr nicht dieselbe Freiheit wie Carmen zugesteht und nicht nur sie, sondern alle Figuren der Oper allzu einseitig festlegt. Jeder Handlungsträger malt sich ein eigenes Bild von den anderen Figuren, wobei die Impressionen Carmens selbstredend am vielschichtigsten ausfallen. Sie ist letztlich nur ein Mythos. Und dieser ist es, den Jose am Ende umbringt. Er tötet nicht den Menschen Carmen, der überlebt, sondern nur seine Wunschvorstellung von ihr – ein stark unter die Haut gehendes, sehr symbolisches Ende, mit dem die Regisseurin einen letzten großen Höhepunkt in ihrer ungemein gelungenen, spannenden, tiefschürfenden und sehr berührenden Inszenierung setzt.

Eine ansprechende Leistung erbrachte Martin Hannus am Pult. Schon im die Quadrille der Toreros versinnbildlichenden fulminanten ersten Teil des Vorspiels legte er sich mächtig ins Zeug und wartete mit viel Feuer und Stringenz auf. Im Folgenden führte er die Badische Philharmonie Pforzheim routiniert, mit Dramatik, aber auch mit viel Gefühl durch Bizets Partitur, deren spanische Elemente er gekonnt herausarbeitete.

Anna Agathonos konnte in der Titelpartie mit gut gestütztem und ausdrucksstarkem Mezzosopran zwar gesanglich überzeugen, war indes als Typ nicht sonderlich gut gewählt. Sie wirkte durchweg ziemlich herb und strahlte keine sonderliche Erotik aus. Letzteres ist aber eine unabdingbare Voraussetzung für eine Carmen. Übertroffen wurde sie von Katja Bördner, die die Micaela schauspielerisch entsprechend dem Regiekonzept sehr kraftvoll und kämpferisch anlegte und auch gesanglich ihrer Partie voll gerecht wurde. Ihr wunderbarer, italienisch geführter, substanz- und obertonreicher Prachtsopran gewinnt immer mehr an dramatischem Potential, ohne dabei seine phantastischen lyrischen Qualitäten einzubüßen. Legato und Linienführung sind sehr subtil, die Tongebung ist bei aller an den Tag gelegten Stärke auch sehr gefühlvoll und die Ausdruckspalette erstaunlich breit. Hier wächst eine ausgezeichnete Vertreterin des jugendlich dramatischen Faches nach. Bis zu Wagner dürfte es für sie nicht mehr allzu weit sein. Rein stimmlich wirkte Alessandro Rinella als Don Jose noch etwas wie ein ungeschliffener Edelstein. Er nennt einen kräftigen, markanten Tenor sein eigen, sollte diesen indes aber etwas eleganter führen. Zudem verlor er bei Pianostellen oft die nötige Körperstütze, was insbesondere am Ende seiner bis zum hohen ‚b’ reichende und im Pianissimo zu nehmende Arie „La fleur que tu m’avais jetee“ besonders schmerzlich anmutete. Diese zentrale Stelle muss ein guter Jose-Sänger besser bewältigen. Hans Gröning, dessen Germont man noch in trefflicher Erinnerung hatte, sang den Escamillo zwar solide, blieb insgesamt aber etwas blass. Das große Charisma, das von dem Stierkämpfer ausgehen sollte, konnte er nicht vermitteln.

Axel Humbert war ein jugendlich agiler und obendrein mit gefälligem Bass noch tadellos singender Zuniga. Mit bestens focussiertem Bariton wertete Aykan Aydin die kleine Rolle des Morales auf. Von den beiden Zigeunerinnen gefiel die über einen vollen und solide verankerten Mezzosopran verfügende Mercedes von Haruna Yamazaki besser als Franziska Tiedtke, die als Frasquita insbesondere im oberen Stimmbereich oft die nötige Körperstütze verlor, woraus eine ziemlich flache und halsige Tongebung resultierte. Nicht gut war es um Benjamin-Edouard Savoie (Remendado) und Sebastian Haake (Dancairo) bestellt, die zwar unterhaltsam spielten, aber ebenfalls nicht im Körper sangen. Ein vokal unauffälliger Lillas Pastia war Brian Garner.
Als Flamencotänzerin gefiel Ines Schmidt. In Topform präsentierte sich der von Salome Tendies gewissenhaft einstudierte und szenisch stark geforderte Chor.

Fazit zum Schluss: Mit dieser grandiosen „Carmen“-Inszenierung, mit der die breite Rezeptionsgeschichte des Werkes um ein erhebliches Stück weitergebracht wurde, hat das kleine, aber künstlerisch sehr beachtliche Theater Pforzheim sein hohes Niveau einmal mehr anschaulich unter Beweis gestellt. Der Besuch der Aufführung ist sehr zu empfehlen!

Ludwig Steinbach

 

 

 

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