Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

PESARO/Rossini Opera Festival: LA DONNA DEL LAGO

11.08.2016 | Oper

PESARO/ROSSINI OPERA FESTIVAL: LA DONNA DEL LAGO am 8.8.2016

IMG_8507
Copyright: Rossini Festival Pesaro

 Damiano Michieletto ist zweifellos ein genialischer Bursche. 2007  hat er in Pesaro mit einer fulminanten „Gazza Ladra“ unter gewaltigen Publikumsprotesten debütiert.Ich habe ihn damals mit dem blanken Schwert gegen alle Kleingeister verteidigt, weil ich ihm sehr dankbar war, zum ersten Mal in meinem Leben diese seltsame, auf den ersten Blick lächerlich erscheinende Geschichte von der diebischen Elster verstanden zu haben.

Seither hat Damiano Weltkarriere gemacht, und inszeniert sehr viel (zB.Trittico und Otello in Wien), vielleicht aber auch schon zuviel. Denn von seiner „Donna del Lago“, mit der heuer das Rossini Opera Festival eröffnet wurde, kann man leider gar nichts Positives berichten.

Michieletto hat diesmal nur ein, und dazu noch nicht besonders originelles, klitzekleines Ideechen.

So wie die „Gazza“ damals der Albtraum eines jungen Mädchen war, ist es hier die Erinnerung eines alten Ehepaars, wobei die „Donna“ bis ins hohe Alter bitter bereut, damals nicht doch den Prinzen genommen zu haben. Dieses Einfällchen trägt vielleicht 10 Minuten lang, aber nicht über die gesamte, doch beträchtliche Spiellänge der Oper. Zumal die zwei armen alten Statisten das ganze Gewicht der Interpretation (die Sänger/innen, mit denen offenbar kaum gearbeitet worden, singen wie in einer beliebigen anderen Inszenierung frischfröhlich frontal ins Publikum) auf ihren zerbrechlichen Schultern tragen müssen – wozu sie halt nicht die Statur haben. Soweit, so schlecht.

Dazu kommt aber leider noch, dass ihm sein sonst so kongenialer Partner, der Ausstatter Paolo Fantin diesmal ein unfassbar scheußliches Einheitsbühnenbild(einen verfallenen Palazzo mit zerborstenen Fensterscheiben und eingestürzter Zwischendecke – wie oft hat man das schon gesehen ?!) in die riesigen Dimensionen der Adriatic Arena gestellt, das man sich dann geschlagene vier Stunden lang nahezu unverändert anschauen muss. Es ist so eine Qual, so eine optische Folter, dass man sich den guten alten „Platz mit Sichtbehinderung“(am besten hinter einer Säule)wünscht, den es hier unglückseligerweise nicht gibt.

Also die Augen zugemacht, so gut und so lange es geht. Und solange sie geschlossen bleiben, erlebt man seine akustischen Wunder, hört die Engel singen und wähnt sich im siebten Himmel.

Denn eine bessere musikalische Interpretation ist kaum, oder nur schwer vorstellbar.

Michele Mariotti, am Anfang seiner Karriere als in Pesaro geborener Sohn des ROF-Intendanten belächelt und verdächtigt, hat alle kritischen Stimmen durch seine Leistungen zwischen Bologna und New York schon längst zum Verstummen gebracht. So wie er dirigiert Rossini heute kaum einer. Und daher ist er an diesem Abend auch völlig zu Recht der eigentliche Star dank seines brillianten, souveränen und differenzierten Dirigats an der Spitze „seines“ Orchestra Comunale di Bologna, das seinem Chef jeden Wunsch von den Augen abliest.

IMG_8508
Juan Diego Florez, Salome Jicia. Copyright: Rossini Festival Pesaro

Dass Juan Diego Florez, der hier vor genau 20 Jahren als Einspringer seinen Weltruhm begründet hat, singen kann, hat man ja schon gewusst. Aber nicht, dass er immer besser wird. Sein Uberto/Giacomo V ist eine Meisterleistung, und diese Rolle liegt ihm auch viel mehr als der Aroldo im Tell (vor 3 Jahren).

Auch dass Michael Spyres (Rodrigo ) einer der besten, wenn nicht d e r beste Tenor unserer Tage ist (wie manche behaupten), war hinlänglich bekannt.

Was man von den beiden Damen des Ensembles erwarten sollte, wusste man allerdings nicht, als man ihre Namen im Programmheft las. Kein Mensch hatte vorher von Ihnen gehört. Sie waren aber dann die einhellig als solche empfundene Sensation der Produktion.

Die junge Armenierin Varduri Abrahamyan (in der Hosenrolle des Malcolm) hält mit ihrer nahezu schon zu mühelos erscheinenden Virtuosität jederzeit den Erinnerungen an ihre berühmten Rollenvorgängerinnen Luciana Valentini-Terrani und Daniela Barcellona stand.

Und die junge Georgerin Salome Jicia ist zb. in den Duetten Florez , was die Routine betrifft, natürlich ein wenig unterlegen. Aber was Schönheit des Timbres, die Phrasierungskunst und die schauspielerische Präsenz anlangt, ist sie ihm durchaus ebenbürtig. Man möge bedenken, dass Jicia noch letztes Jahr hier „nur“ Elevin in Alberto Zeddas „Accademia Rossiniana war. Dieser Teufel von einem Talent-Scout hat mit ihr zum unzähligsten Mal ein weiteres Goldkehlchen gefunden.

Standing Ovations für alle (musikalisch) Beteiligten.

 Robert Quitta, Pesaro

 

Diese Seite drucken