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PESARO: ROSSINI-OPERA FESTIVAL – Zusammenfassung

24.08.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

ROSSINIOPERAFESTIVAL:  Pesaro 20. -24. August 2012

Da ich in den nächsten Tagen nicht dazukomme, die einzelnen Rezensionen auszuarbeiten (die Entwürfe sind bereits gemacht), der Aktualität halber eine konzentrierte Zusammenfassung. Die vollständige, ausführliche Fassung erscheint im nächsten Merker-Heft.

20. 8. VOCE CHE TENERA Ein Konzert von Mariella Devia Sie hatte eine ansehnliche internationale Karriere und tritt fast nur mehr in Italien und nur noch eher selten auf. Wer sie einst gehört hat, weiß welch wunderbare Sängerin sie ist. Antonino Fogliani leitete das Orchestra Sinfonica G. Rossini. Das Konzert war den drei wichtigsten Komponisten des Belcanto gewidmet. Zuerst Rossini: die Ouvertüre zu Semiramide, die Cavatina „Occhi miei“ der Adelaide aus der gleichnamigen Oper und Scena e Cavatina Amenaide „Di mia vita infelice“ aus dem Tancredi. Spätestens hier begann ihr Zauber zu wirken, man merkte wie die Wirkung auf die Zuhörer übergriff. Sie singt nicht nur virtuos, sondern es geht zum Herzen und bis in die Seele. Danach kam Bellini an die Reihe, mit der Ouvertüre Norma, darauf die Romanza der Giulietta „Oh! Quante volta“ und das „Casta Diva“ aus der Norma. Das war ein absoluter Höhepunkt, wie sie diese berühmte Arie formte. Der letzte Teil des Konzerts galt schließlich Donizetti mit der nachkomponierten Ouvertüre zu „Maria Stuarda“ – ich kann mich nicht erinnern, sie je gehört zu haben. Es ist ein lärmendes, uninspiriert wirkendes Stück, wie für eine Banda. Dann kam Scene e Aria Finale der Anna „Piangete… Al dolce … Coppia“. Und das war ganz große Kunst! Eine Überraschung bei der ersten Zugabe, es war der Walzer der Musetta aus der „Boheme“, den sang sie sensationell! Zum Abschluss wiederhalte sie den langsamen Teil aus „Anna Bolena“. So klang das Konzert ganz beseelt und ruhig aus. Natürlich großer Jubel.

20. 8. MATILDE DI SHABRAN


Juan Diego Florez, Paolo Bordogna. Foto: Pesaro Festival


Chiara Chialli, Juan Diego Florez, Olga Peretyatko. Foto: Pesaro-Festival

Das ist die Geschichte vom Prinzen Eisenherz, einem Militaristen und Frauenfeind, der von Matilde bekehrt wird. Die Produktion von 2004 im Teatro Rossini wurde für die große Adriatic Arena adaptiert. Die Bühne zeigt eine doppelläufige Stiege der Burg. Der junge Dirigent Michele Mariotti, Chef in Bologna (dort war einst auch Thielemann) ist mehr als eine große Hoffnung. Ihm kann man ziemlich sicher einen großen Aufstieg voraussagen. Es spielte das Orchestra e Coro del Teatro Comunale di Bologna, sehr lobenswerte Kollektive! Corradino/Cuor die Ferro Juan Diego Flórez ist natürlich das ganz große Ass, seine Stimme gewann an Volumen und Rundung ohne Verlust der Agilität. Er ist so klug, nie über sein Vermögen hinaus zu singen, ein kluger Mann. Er singt dieses Fach derzeit absolut konkurrenzlos. Als Matilde hörte man Olga Peretyatko. Sie hat alles, was man dazu braucht, dennoch, wenn man wenige Stunden zuvor die Devia gehört hat, fehlt etwas, das zu Herzen gehende. Vielleicht kommt das mit der Lebenserfahrung? Ich war nicht der einzige, der das verspürte. Ganz großen Erfolg hatte Anna Goryachova in der Hosenrolle des Edoardo. Ein Mezzo mit satten Tiefen, vollem weichen Timbre, beweglich etc. Ein großes Talent, jedenfalls. Den klugen Hausarzt Aliprando war mit gewaltiger Statur bedachte Nicola Alaimo. Sein Bariton lässt noch manches erhoffen. Paolo Bordogna war der spaßige Poet und Sänger Isidoro. Beweglich, umtriebig, mit guter Stimme. Chiara Chialli wollte als Contessa d’Arco vergeblich Corradino für sich gewinnen.

21. 8. IL SIGNOR BRUSCHINO


Carlo Lepore. Foto: Pesaro-Festival

Die letzte der Farse des Meisters. Es sind einaktige, komische Stücke. Bei Rossini haben sie dennoch, sie haben etwa in der Hälfte ein deutlich erkennbares Finale I. Die Neuproduktion war jungen Leuten anvertraut: Regie Teatro Sotteraneo (eine junge Gruppe aus Mailand), die Ausstattung erarbeiteten Studenten der Accademia di belle arti de Urbino. So kann man annehmen, es entspreche dem Geschmack der heutigen jungen Leute: der Regisseur rennt herum, Leute bevölkern die Bühne (übrigens das ganze Stück hindurch), die Künstler kommen und ziehen sich an, es es ein schrilles, grellfarbiges Barock. Das Spiel beginnt. Daniele Rustione leitet ganz gekonnt das Orchestra Rossini. Der adelige Gaudenzio möchte sein Mündel Sofia dem Sohn des Bruschino verheiraten, sie hat aber längst in Florville ihrem Favoriten gefunden. Durch List erreichen die beiden doch ihr Ziel. Die Alten geben nach. Die beiden Alten, von mächtiger Statur und großer Stimme sind Carlo Lepore als Gaudenzio und Roberto De Candia als Bruschino. Die schlaue Sofia macht Maria Aleida mit recht hübscher Stimme, nur die Höhen sind etwas spitz. Als Bräutigam sieht man David Alegret. Seit seinen Auftritten in Wien hat er an Figur zugelegt, er ist nicht mehr ganz so dünn. Auch seiner Stimme hat das geholfen, sie ist nicht mehr so Knaben-haft, sondern deutlich voller geworden. Gerne mehr hören möchte man vom Sohn/Francisco Brito; Andrea Vincenzo Bonsignore hört sich als Wirt gut an und recht guten Eindruck gewinnt man von Chiara Amarù, Marianna, Haushälterin bei Gandenzio. Das Publikum nahm die Sache gut auf.
David Alegret. Foto: Pesaro-Festival

22. 8. CIRO IN BABILONIA


EwaPodles, Jessica Pratt. Foto: Pesaro-Festival

Das Thema ist der Fall Babylons aus dem Buch Daniel des Alten Testaments, verwoben mit vielen Liebeswirrungen. Es war als szenisches Oratorium für die Fastenzeit geplant. Es war einer der größten Erfolge des Rossinifestivals. Exzellent leitete Will Crutchfield das Orchester aus Bologna und den viel beschäftigten Chor/Lorenzo Fratini. Das Regieteam mit Regisseur Davide Livermore, Nicolas Bovey/Szene, Gianluca Falaschi/Kostüme und D-Wok/Videodesign (eine Gruppe aus Turin), gestalteten die Sache als alten Schwarz-weiß-Stummfilm, ganz im Stile jener Zeit, so mit oft übertriebenen Gesten und Mimik. Alles zusammen wirkte sensationell und überwältigend. Die Kostüme sind ganz prachtvoll im babylonischen Stil, interessanterweise wecken sie starke Assoziationen an den Jugendstil. Dazu kam noch eine ganz ausgesuchte, erlesene Besetzung mit der außergewöhnlichen Ewa Podleś als Ciro. Sie hat eine unglaubliche Kontraalt-Stimme von größtem Umfang, extrem beweglich, von den Höhen bis in fast bodenlose Tiefen. Warum sie mit dieser Stimme keine sensationelle Karriere hatte, ist unverständlich. Liegt es an der Agentur? Stimmenkennern ist sie sicherlich bekannt. Rossini verlangt unglaubliche Gesangskünste. Seine Frau Amiro, von Baldassare bei einem Ausfall aus der belagerten Stadt gefangen, singt Jessica Pratt. Jedes Mal, wenn ich sie wieder höre, ist sie noch besser, ihre Stimme noch schöner geworden. Operndirektoren und Agenten sollten einmal nach Pesaro fahren und sich die Vorstellungen ansehen. Neben bewährten Künstlern werden auch immer neue ausprobiert, fast immer ist es eine sehr gute Wahl. So Michael Spyres, der Baldassare. Er hat einen tollen Tenor mit Kraft, Geläufigkeit, ein schönes Timbre usw. Er verliebt sich in die Gefangene und will sie heiraten, sie aber weigert sich. Mirco Palazzi singt den Prinzen Zambri mit seinem besonders schönen Bariton. Auch ihm müsste eine Karriere bevorstehen. Es gibt dann noch die Gefährtin der Amira/Carmen Romeu und den General Arbace/Robert Mcpherson – sie werden auch ein Paar, weiters dann noch den Propheten Daniel mit Raffaele Costantini. Zum Schluss fällt Babylon den Persern in die Hände. (Übrigens Ciro/Kyros gewährten den Juden damals Religionsfreiheit). Ein ganz unglaublicher Jubel beendete die großartige Vorstellung.

Michael Spyres, Raffaele Constantini. Foto: Pesaro-Festival

23. 8. TANCREDI

Eine konzertante Vorstellung zum Abschluss des Festivals mit Übertragung auf den Hauptplatz. Alberto Zedda ist Musikdirektor des Festivals, er besitzt auch im hohen Alter eine ganz starke Ausstrahlung, Agilität und Energie. Er dirigierte die Bologneser. Es wurde das glückliche Finale gewählt. Allererste Adresse für Rossinis Hosenrollen ist Daniela Barcellona. Sie verfügt über eine der schönsten Mezzostimme, für Belcanto hat sie eine perfekte Technik, anscheinend völlig mühelos gelingen ihr selbst die schwierigsten Anforderungen. Sie hat eine gewisse maskuline Ausstrahlung, auch in der Stimmführung. Natürlich, sie hat bereits ziemlich am Anfang das berühmte „Di tanti palpiti“. Neben einer Arie im 2. Akt, hat sie 2 Duette mit der Amenaide, eines mit Argirio und das große Finale. Da kann sie alle ihre Stärken beweisen. Also so etwas wie eine Entdeckung erwies sich Elena Tsallagova in der Rolle der Amenaide. Ihre Stimme ist sehr liebreizend, gut ausgeformt, höhensicher. Selbst eine Intonation in den höchsten Höhen gelingt exakt. Sie wirkt souverän und hat einen sehnsuchtsvollen Ton. Ein Name zu merken! Der Vater, der die Verbindung Tancredi-Amenaide lange verhindern will, singt Antonino Siragusa. Er ist ein absoluter Stilist. Seine Stimme ist nicht mehr so weiß, sie wurde etwas weicher und farbiger – ganz zu seinem Vorteil. Vom Publikum wird er sehr geschätzt. Von Mirco Palazzi als Orbazzano war man wiederum sehr angetan. Es gibt dann noch Isaura, eine Vertraute der Amenaide und die Hosenrolle des Roggiero, Vertauter Tancredis. Es sangen Chiara Amarù und Carmen Romeu. Beide ließen aufhorchen und klingen vielversprechend. Eine große Begeisterung beendete die Vorstellung und das Festival.

Ohne weitere Einzelheiten sind für 2012 „Guillaume Tell“, „L’Italiana in Algeri“ und „La donna del lago“ angekündigt.

Martin Robert BOTZ

 

 

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