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PESARO/ Rossini Opera-Festival: MOÏSE ET PHARAON. Premiere

12.08.2021 | Oper international

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Mondfinsternis. Foto: Pesaro-Festival

PESARO / ROSSINI OPERA FESTIVAL: MOÏSE ET PHARAON

am 9.8.2021 (Premiere)

Nachdem Gioacchino Rossini seine italienische Oper Maometto II für Paris in Le Siège de Corinthe umgearbeitet hatte, erstellte er auch für Mosè in Egitto eine französische Version: Moïse et Pharaon. Wobei „Version“ untertrieben ist: der französische Moïse ist eigentlich eine ganz neue Oper, mit einem zusätzlichen Akt, acht neuen Musiknummern und eingefügter Ballettmusik.

Mit diesem vierstündigen Monumentalwerk eröffnete das Rossini Opera Festival in Pesaro nun (nach den populistischen Petitessen auf der Piazza del Popolo letzten Sommer) seine erste, fast normale (natürlich gab es Eintritt nur mit Green Pass, natürlich durften nur 70% der Plätze belegt werden) Post-Covid-Saison.

Da die Renovierung des „Palafestivals“ unglücklicherweise noch nicht abgeschlossen ist, fand die Premiere leider immer noch in einer stetig vor sich hinverfallenden Basketballhalle in einem heruntergekommenen Hartz IV-Einkaufszentrum ausserhalb Pesaros statt, deren Charme durch die Umbennung von Adriatic Arena in Vitrifrigo Arena auch nicht gerade gestiegen ist. Trotz aller Freude über das wiederbelebte Festival war die Stimmung dadurch ziemlich gedrückt.

Und die Inszenierung von Pierluigi Pizzi war wahrlich nicht dazu angetan, diese Stimmung zu heben. Der 91jährige Architekt, Regisseur, Bühnen-und Kostümbildner ist dem Festival seit seiner Gründung verbunden und hat hier in den letzten Jahrzehnten etliche absolut denkwürdige Inszenierungen geschaffen (Bianca e Falliero, Tancredi, Semiramide etc.). Die durch die Lockdown-Pause erzwungene Verschiebung der Moïse-Produktion hat er dazu benutzt, sein altes Konzept über den Haufen zu werfen und ein neues, ganz minimalistisches zu entwerfen. Und das war, wie man jetzt sehen musste, gerade für ihn, der ja eigentlich immer ein Meister des Maximalismus gewesen ist, leider keine gute Idee.

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Die weiße Pyramide. Foto: Pesaro-Festival

Ein paar sinnlose geometrische Elemente auf der sonst nackten Bühne, ein eiskaltes Hintergrund-Licht in scheusslichen Farben (ocker !), handwerkliche Schwierigkeiten, den Chor unfallsfrei auf und wieder von der Bühne zu bringen, allerstatischstes Steh-und Schreit- und An-die-Rampe-geh- und Sing-Theater (wofür die Briten den unübertrefflichen Ausdruck „Park and Bark“ – Parken und Bellen – geprägt haben), und das Ganze in für Pizzische Verhältnisse (er hätte als Modeschöpfer sicher auch grossen Erfolg gehabt) erstaunlich primitiven Kostümen. Die Juden sind gar wie islamistische Pakistanis gekleidet – was ja in seiner dreisten Opfer-Täter-Umkehr eigentlich eine riesige Niedertracht darstellt. Das Betrüblichste ist aber, dass sich der greise Pizzi, der sich seinen Ruf ja ursprünglich durch die feinziselierte und hochästhetische Nachbildung von exquisiten Renaissance-Säulen in Pappmaché erarbeitet hat, sich auf seine alten Tage (wahrscheinlich von seinem Assistenten) Videoprojektionen hat einreden lassen, und dazu noch grottenschlechte: eine weisse zweidimensionale Pyramide, die irgendwie zerbröselt, ein rotes Meer, das sich nicht perfekt öffnet, Kometen, die in der Form von Spermatozoiden in Flammen die Erde heimsuchen wollen…..das ist alles vollpeinlich…

Szenisch also genaugenommen eine Nullnummer: ein patschertes Pessach-Oratorium, das noch dazu aussah wie ein islamistischer Unter-Ammergau.

Musikalisch war da Gott sei Dank schon sehr viel mehr los. Zwar vermisst man noch immer schmerzlich das weitaus theatererprobtere Orchestra Comunale di Bologna, aber Giacomo Sagripanti vermochte es an der Spitze des Orchestra Sinfonica della Rai dann doch vier Stunden lang die Spannung dieser wunderbaren Partitur zu halten.

Bei den Stimmen überzeugten in erster Linie die weiblichen: Pesaro-Debüttantin Eleonora Buratto als Mosestochter Anaï, Gesangsdoyenne Monica Bacelli als Marie und die den meisten Zuschauern unbekannte junge Russin mit dem schwierigen Namen Vasilisa Berzanskaya als Sinaïde. Ihr Auftritt kam so überraschend und ihr Gesang war so stilsicher und makellos, dass man förmlich spüren konnte, wie dem Publikum vor lauter Überwältigung der Atem stockte.

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Brennende Spermien. Links Erwin Schrott. Foto: Pesaro-Festival

Bei den Männern sah es durchwachsener aus: die Höchstnote verdient eigentlich nur Roberto Tagliavini als Moses. Erwin Schrott als Pharao sang ziemlich rüde, und Andrew Owens als Pharaosohn Amenophis war gleich eine glatte Fehlbesetzung.

Bedauerlicherweise also kein enthusiasmierender Einstieg ins heurige Festival.

Robert Quitta, Pesaro

 

 

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