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PESARO: ROSSINI OPERA FESTIVAL: LA GAZZA LADRA, LA GAZZETTA, L'INGANNO FELICE

15.08.2015 | Oper

PESARO/ROSSINI OPERA FESTIVAL: LA GAZZA LADRA, LA GAZZETTA, L’INGANNO FELICE am 10./11./12.8.2015

Sparmaßnahmen, Sparmaßnahmen überall. Statt der angekündigten „Donna del Lago“ in der Regie von Damiano Michieletto (die nächstes Jahr nachgeholt werden soll) hat man beim diesjährigen Rossini Opera Festival die Wiederaufnahme seiner “ La Gazza Ladra (Die diebische Elster)“ – Produktion auf das Programm gesetzt.

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Copyright: Rossini-Festival Pesaro

2007 war es bei der Premiere noch zu bürgerkriegsähnlichen Tumulten gekommen, denn eine solche abstrakte, sich an Usancen des „deutschen Regietheaters“ orientierende Inszenierung (die dann die Weltkarriere des Regisseurs begründen sollte), hatte man im szenisch doch eher konservativen Pesaro bis dahin nicht gesehen.

Heuer hingegen fand der einstige Stein des Anstoßes einhelligen Zuspruch. Was insofern nicht weiter verwunderlich ist, als Michielettos Grundidee schlicht und einfach genial (anders kann man es nicht formulieren) ist. Vorangegangene „Gazza“- Versuche krankten immerdaran, dass sie den seltsam hybriden „semi-seria“-Charakter dieses ungewöhnlichen Werks nicht wirklich begreiflich machen konnten. Denn warum um alles in der Welt löst ein so lächerlicher Anlass wie der von einer naturgemäß unsichtbaren Elster erfolgte Diebstahl eines Löffels und einer Gabel eine so unglaubliche Kette von Katastrophen, die zuletzt fast bis zur Hinrichtung der unschuldigen weiblichen Hauptfigur (Lisetta) führen, aus ?

Die Antwort von Michieletto und seinem Team ( Bühne: Paolo Fantin, Kostüme: Carla Teti) ist ebenso einfach wie einleuchtend und nachvollziehbar: Es handelt sich dabei um den Alptraum einer Halbwüchsigen, einer Art Schwester von Alice im Wunderland. Diese, dargestellt von der ebenso bezaubernden wie virtuosen italo-indischen Tänzerin Sandhya Nagaraja, verwandelt sich also beim Nichteinschlafenkönnen in besagte diebische Elster, die in der völligen Naivität, Unschuld und Grausamkeit einer Pubertierenden all dieses unfassbare Unheil auslöst, dem sie zum Schluss fast selbst zum Opfer fällt. Und inmitten dieser Logik des Albtraums (die jeder von uns kennt, der schon einmal versucht hat, aus einem solchen schweißgebadet zu erwachen) wird plötzlich alles sonnenklar.

Ein großer Wurf, immer noch gültig. Und ein großes Verdienst, uns diese sonst so unwahrscheinlich, übertrieben und an den Haaren herbeigezogen erscheinende Handlung zum ersten Mal verständlich gemacht zu haben.

Donato Renzetti schaut ein wenig aus wie ein gestandener Kapellmeister, aber hinter diesem bescheidenen Erscheinungsbild verbirgt sich eine großartiger und rossinikundiger Dirigent, der die gesamten vier Stunden lang das Orchestra del Teatro Comunale di Bologna in perfekter klanglicher Balance mit den Sängern zu halten verstand.

Von diesen überzeugten in erster Linie Alex Exposito als verhängnisvoller,rigoletto-ähnlicher, die eigene Tochter mit Gewalt ins Unglück stürzen wollender Vater, Simone Alberghini als gutmütiger, dem Bacchus verfallener Schwiegervater in spe, Teresa Iervolino als neid- und hasserfüllte, bösartige Schwiegermutter und Marko Mimica als schwerst verliebter, rachsüchtiger, aber zuletzt doch reumütiger Bösewicht.

Enttäuschend hingegen Nino Machaidze als jene Ninetta, um die sich alles dreht. Einige italienische Musikkritiker legten ihr sogar nahe, endlich Gesangstunden zu nehmen. Ebenfalls enttäuschend – trotz der genialen Grundidee – Michielettos „Personenregie“, die eigentlich nur darin bestand, die Protagonisten an der Rampe unbeweglich frontal ins Publikum singen zu lassen. Da ist man von ihm mittlerweile wirklich anderes gewohnt.

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Im Gegensatz dazu ließ die einzige Neuproduktion des ROF 2015 musikalisch keinerlei Wünsche offen. Ein junges, spielfreudiges und miteinander vertrautes Sängerensemble unter der energischen Leitung von Enrique Mazzola bereitete uns mit „La Gazzetta“ einen reinen Ohrenschmaus: der elegante Maxim Mironov, der souveräne Vito Priante, der komische Nicola Alaimo, die entzückende Hasmik Torosyan, die berührende Raffaella Lupinacci etc.etc.

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Copyright: Rossini-Festival Pesaro

Szenisch gesehen waren jedoch eindeutig Zuschauer auf Plätzen mit absoluter Sichtbehinderung an diesem Abend eindeutig im Vorteil. Marco Carnitis Inszenierung war schlichtweg nicht zum Anschauen: ein hauptsächlich aus riesigen Buchstaben bestehendes Bühnenbild, eine dümmliche Kongresscenter-Beleuchtung, unpackbar hässliche, nahezu blindmachende Kostüme, banalste, vorhersehbarste „Gags“, ein zusätzlicher, aber völlig überflüssiger, weil permanent durch rampensäuisches in-den-Vordergrund-treten-wollendes Verhalten negativ auffallender „Mime“ …

Nein, so geht das wirklich nicht. Einen solchen dilettantischen Käse hätte eine wachsame Intendanz gar nicht erst „herauskommen“ lassen dürfen.

Das Premierenpublikum applaudierte trotzdem wie wild. Tja, t i a f zieht immer, auch in Italien.
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Bei der dritten und letzten Oper des Festivals, „L’Inganno felice„, herrschte wieder ein besseres Gleichgewicht zwischen dem Geschehen auf der Bühne und dem im Orchestergraben. Wenn man im Programmheft nicht den Namen Graham Vick gelesen hätte, würde man ihn nicht als Regisseur dieses frühen Einakters vermutet haben.

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Copyright: Rossini-Festival Pesaro

Denn von seinen ikonoklastischen Provokationen (wie bei „Mosè in Egitto“ oder „Guillaume Tell“), mit denen er zuletzt in Pesaro von sich reden machte, war hier weit und breit nichts zu bemerken. Vielmehr sah die ganze Sache eher nach der Arbeit eines „werktreuen“, die Anweisungen des Librettos nahezu allzu wörtlich nehmenden Regiehandwerk-Altmeisters (Peter Stein oder Otto Schenk) aus. Und das ist jetzt nicht abwertend gemeint. Denn die aus dem Jahre 1994(!!!) stammende Inszenierung wirkte auf erstaunliche Art und Weise, frisch und unverbraucht. Und effizient darin, diese „wintermärchenhafte“ Geschichte eines Mannes, der seine aufgrund von Intrigen verstoßene und totgeglaubte Gattin (wenn sie es denn wirklich ist) nach 10 Jahren wieder – zu sehen und wieder- zu finden meint, glaubhaft darzustellen.

Großartig in der schwierigen Rolle der verzeihenden „Leiche“: Mariangela Sicilia. NIcht minder gut aber auch Vassilis Kavavas als deren Gespons und Carlo Lepore als deren Retter. Und das Dirigat des jungen Russen Denis Vlasenko überzeugte vom ersten bis zum letzten Ton.

So konnte man – trotz aller im Vorfeld erfolgten Unkenrufe bezüglich eines „billigen“ und „langweiligen“ Spar- Festivals – zu guter Letzt doch noch eine ausgeglichene und erfreuliche Bilanz ziehen.

Robert Quitta, Pesaro

 

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