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PARIS/Théâtre des Champs Elysées: FIDELIO mit J. Kaufmann, W. Meier

31.10.2012 | KRITIKEN, Oper

PARIS „FIDELIO“ Théâtre des Champs Elysées, 30.10.2012

Beethovens Hohelied der Liebe und Freiheit konzertant mit Waltraud Meier und Jonas Kaufmann


Jonas Kaufmann. Foto: Dietmar Scholz

 Wahrscheinlich weiß niemand so recht wie das genau war damals, als die erste Version der Oper Fidelio, mit dem Titel „Leonore“ am 20. November 1805 vor frz. Soldaten im besetzten Wien zum ersten Mal aufgeführt wurde. Ich darf aber der Jonas Kaufmann und Waltraud Meier „Gemeinde“ unter den Merker-Freunden mit großer Freude berichten, dass die unter elektrischer Spannung stehende Aufführung mit den Kräften des Chors und Orchesters der Bayerischen Staatsoper unter Adam Fischer zu einem heftigst umjubelten Triumph vor allem für die beiden Hauptprotagonisten wurde.

 Frankreich ist ja eng mit der Geschichte Fidelios verbunden, basiert doch das Libretto von Joseph Sonnleithner und Friedrich Treitschke (Fassung 1814) auf dem Roman „Léonore ou l’amour conjugal“ von Jean-Nicolas Bouilly. Und letzterer beruht wiederum auf einer angeblich wahren Begebenheit aus dem Loire Städtchen Tours während der frz. Revolution, wo eine Frau eine Arbeit im örtlichen Gefängnis gesucht hatte, um ihren Gatten – schließlich erfolgreich – aus diesem zu befreien. Eine wunderbare Geschichte, echtes Zeugnis französischer Kultur und Mentalität.

 Das Publikum im Saal, teilweise weit gereist (eine aufgeregte Dame neben mir kam eigens aus dem 700 km entfernten Nimes, auch den Chef der Münchner Oper, Klaus Bachler habe ich gesichtet), zu diesem Event der klassischen Musik, bereitete am Ende Standing Ovations den ganz und gar glücklichen Stars der Aufführung. Prima inter pares Waltraud Meier, mythisches Gesangs- und Ausdruckswunder, in diesem Fach nach Martha Mödl bester deutscher Exporthit. Beide auch besonders in Frankreich unglaublich beliebt. Um gleich mit möglichen Fragezeichen zu beginnen: Wie nicht anders zu erwarten, funktionieren die beiden Spitzentöne in der Arie auch bei höchstem Druck nicht mehr und geraten zu tief. Auch nicht ohne Überraschung, beginnt Frau Meier den 1. Akt sehr vorsichtig und hat ebenso wie die schon zitierte Fideliolegende Martha Mödl Schwierigkeiten mit den aus der ersten Fassung gebliebenen Verzierungen und „kurzen Noten“ der vokal immens diffizilen Titelpartie. Aber welche Intensität in Haltung und Ausdruck. Welche Steigerung und Metamorphose zum gloriosen Ende hin, welch sichtbar schönes und glaubhaftes Symbol der Gattenliebe, der Freiheit, des Unbedingten. Eine Verkörperung des Kant’schen Imperativs, jede Faser in jeder Sekunde gespannt. Und auch stimmlich im 2. Akt dramatisch unnachahmlich verkündet sie die humanistische und künstlerische Botschaft mit unverändert edlem Klang. Waltraud Meiers musikdramatische Meisterschaft siegt über die conditio humana vokaler Abstriche. Das wurde auch vom Pariser Publikum so gewürdigt, in banalen Dezibel gemessen, belegt sie den ersten Rang beim Solo-Schlussapplaus.

 Und das ist keine Kleinigkeit bei einem Partner wie Jonas Kaufmann, der als großer Publikumsliebling mit stürmischem Auftrittsapplaus begrüßt wird. Die Meriten dieses Ausnahme(helden)tenors, der am Zenit seiner Karriere steht, liegen eindeutig auf der stimmlichen Seite: Souveräner kann man diese Partie nicht singen. Vom ersten Pianissimo des „Gott, welch Dunkel hier“ bis hin zum finalen kollektiven Rausch des Hohelieds der Gattenliebe eine wahrlich großartige Gesangsleistung. Klare zarte Piani, Crescendi, Decrescendi, mächtiges heldisches Metall, Jonas Kaufmann hat „alles drauf“. Kaufmann ist ein immens musikalischer Mensch, seine interpretatorischen Fähigkeiten speisen sich denn vor allem aus der Raffinesse des Vortrags und den – scheint es – schier grenzenlosen vokalen Möglichkeiten. „Siegfried“ wäre jetzt schon locker in Bereich seiner Möglichkeiten. Von der Ausstrahlung her ist er in dieser konzertanten Aufführung der ein wenig reservierte, etwas schüchterne, ein bisschen nonchalante, gleichzeitig noch jungenhaft wirkende Mann von nebenan. Der diskrete Nachbar, den jeder gerne haben würde. Seine Konzentration entgleitet ihm manchmal sichtlich, wenn er „nicht dran“ ist. Dann wirkt der durchaus charismatische Münchner eher wie ein aufmerksamer Zuhörer und Beobachter der Kolleginnen und Kollegen und des Saals als ein Akteur. Ganz im Gegensatz zur immer präsenten Waltraud Meier, von der Florestan durch das Dirigentenpult getrennt ist, was manchmal unnötig Distanz schafft.

 Was das Gesamtensemble betrifft, so war es luxuriös, nicht aber homogen zu nennen. Drei Generationen von Sängern lieferten ein interessantes Menü, nicht aber ein besonders aufeinander abgestimmtes. Wie sieben Appetithappen ganz zufällig auf einem Teller angerichtet rein optisch alle Wonnen verheißen, aber beim Kosten nicht immer auf der Zunge harmonieren. Da sind als Vertreter der jungen Garde vor allem die Marzelline von Hanna Elisabeth Müller, der tadellose Jaquino des Österreichers Alexander Kaimbacher und der Don Fernando von Tareq Nazmi zu nennen. Hanna Elisabeth Müller, eine echte Gesangsbegabung aus dem Studio der Bayerischen Staatsoper, verfügt über einen expansionsfähigen lyrischen Sopran. Mit dem sie etwas übereifrig (naiv?) im Quartett im 1. Akt ihre Mitstreiter teils gnadenlos überdeckt. Warum kann ein Dirigent wie Herr Adam Fischer hier nicht einschreiten und – wie es auch bei einem Chor üblich ist – einfordern, auf die Ensemble-Partner zu hören? Mir ein Rätsel. Alexander Kaimbacher ist ein besonders von der Diktion her ausgezeichneter Sänger mit gut fokussiertem Charaktertenor. Der aus Kuweit stammende 30-jährige riesengroße Tareq Nazmi ist Ensemblemitglied der Bayrischen Staatsoper. Ein vielversprechender Bass mit sympathischer Ausstrahlung, von dem man sicher noch viel und das mit Freude hören wird.

 Last but noch least zwei Schwerkaliber: Der Pole Tomasz Konieczny, der als Don Pizzaro eine beeindruckende Leistung bietet. Seine Stimme, in den unteren Registern etwas weiß, entfaltet sich heldisch und gebieterisch in der Höhe. Der als Sarastro berühmt gewordene Finne Matti Salminen als Rocco liefert neben Waltraud Meier die konzentrierteste Gesamtleistung. Ohne jegliche Einschränkung wuchtet Salminen einen mustergültige Vater und Gefängniswärter auf die Bühne. Sein mächtiger Bass ist in allen Lagen souverän, sein Ausdruck und der melancholische Klang seines Basses bereits Legende. Bravo! Tadellos auch die beiden Gefangenen Tim Kuypers und Dean Power.

 Das Orchester und der Chor der Bayerischen Staatsoper versuchen dem mit toscaninihafter Zackigkeit agierenden Adam Fischer zu folgen. Nicht immer mit Erfolg. Bei allem funktionierenden Sog besonders im zweiten Akt hätte ich mir persönlich mehr „Furtwängler“ gewünscht, mehr souplesse gegenüber den Solisten, eine weniger militärkapellmeisterliche Attitüde. Die dritte Leonorenouvertüre gerät dennoch zum großen Erfolg, den oratorienhaften Schluss der Oper peitscht er in lichte Höhen. Schlussendlich entlädt sich die aufgestaute Spannung in frenetischen Jubel. Ein großer Abend im Théâtre des Champs Elysées!

Tipp: Die von France Musique mitgeschnittene Aufführung wird am 10. November um 19h im Radio übertragen.

 Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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