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PARIS/Palais Garnier: DIE LUSTIGE WITWE

20.03.2012 | KRITIKEN, Oper

PARIS Opéra National de Paris – Palais Garnier « DIE LUSTIGE WITWE », 19.3.2012

Harald Serafin trägt die olympische Fackel der Operette von der Donau zurück an die Seine

Harald Serafin, Bo Skovhus und Franz Mazura Foto: Julien Benhamou

Also ist sie wieder zurück in Paris, diese sehr romantisch dekadente Geschichte rund um die reiche Witwe Glawari. Der Botschaftsattaché Danilo soll seine Jugendliebe nach den Intrigen des Lustspiels von Henri Meilhacs „L’Attaché d’Ambassade“ heiraten, um ihr Vermögen den Pontevedrinern zu erhalten und so einen drohenden Staatsbankrott abzuwenden helfen. So weit, so aktuell, was das Thema der Zahlungsfähigkeit einiger europäischer Staaten betrifft.

Die im Palais Garnier gezeigte Inszenierung des Jorge Lavelli aus dem Jahr 1997 ist im Großen und Ganzen praktikabel wie unspektakulär, die nüchternen Art-Deco Kulissen im Stile der 80er Jahre mit vielen, vielen im geschlossenen Halbrund angeordneten Doppeltüren und einem Aufzug in der Mitte (Antonio Lagarto) sowie die glamourös-schäbigen Kostüme (Franceso Zito) haben allerdings schon ordentlich Patina angesetzt. Unfreiwillig komisch gerät die Chose besonders im Falle der jungen französischen Botschaftergattin Valencienne (verführerisch Ana Maria Labin), die ein üppiges Federnkleid trägt. Auf Schritt und Tritt löst sich der weiße Flaum und hinterlässt so sichtbare Spuren auch zu Camille de Rosillon (drängend heldenhaft mit strahlendem hohem C Daniel Behle), lange vor der Aufdeckung der Affaire dieser „anständigen Frau“ im Pavillon durch den Botschaftergatten Baron Mirko Zeta. Der wird von KS Harald Serafin, der so zu seinem späten Debut an der Pariser Oper kommt, großartig wienerisch gesungen und gespielt. Der österreichische Grandseigneur und Doyen der Operette zieht mit markantem, voll intaktem Bariton die Fäden einer diplomatischen Intrige, in deren Verlauf ihm selbst als „gehörnter Ehemann“ letztlich ganz schön übel mitgespielt wird. Mit unnachahmlichem Charme und tänzerischer Eleganz ist Serafin nicht nur würdiger Botschafter und pariserischer Bohemien, sondern verkörpert burgtheatertauglich auch die melancholische Seite dieses walzerseligen Endzeitstücks. Für seine differenzierte Leistung gebührt dem Bühnenwunder Harald Serafin aller Dank der Pariser Operettenfreunde, die ihn am Ende mit großem Applaus enthusiastisch feiern. Insgesamt ist das musikalische Niveau dieser zu 100% ausgelasteten Aufführungsserie mehr als beachtlich. Allen voran Susan Graham als etwas robuste Hanna Glawari mit leicht amerikanischem Akzent. Im üppigen Blondinen-Look einer Maria Jeritza singt und spielt sie prachtvoll, das Vilja-Lied gerät dank ihrer Gesangskunst, wie es sich gehört, zum vokalen Höhepunkt der Aufführung. Mit enormer Bühnenpräsenz ist Grahams Glawari aber auch im Verhältnis zum Grafen Danilo Danilowitsch des Bo Skovhus die sprichwörtlich Tonangebende. Diesem ist seine Paraderolle des Botschaftssekretärs Danilo schon zur zweiten Haut geworden, wenngleich eine gewisse gelangweilte Routine und das zunehmends grauer werdende tiefe Register als kleine Abstriche einer im Kern sehr respektablen Leistung zu vermerken sind. Die hohen Töne des dänischen Kavaliers-Baritons sind nach wie vor fulminant. Das zweite Paar, Ana Maria Labin als Valencienne und Daniel Behle als Camille de Rosillon bezaubert besonders im Duett und der Romanze des 2. Akt mit hinreißend schmachtenden Kantilenen und purer Operettenseligkeit. Die geizigen, berechnenden Kavaliere Vicomte Cascada und Raoul de Saint Brioche, denen der Tanz mit Hanna Glawari auf jeden Fall keine 10.000 Francs wert ist, verleihen Edwin Crossley-Mercer und Francois Piolino nicht unpassend lautstarke Machoattituden. Ganz köstlich, wie der Botschaftskanzler Njegus des Franz Mazura „unter Diensteid“ die philosophische Pointe des Werkes nonchalant in den Raum streut: „Es war so – aber es war ganz anders!“ Womit wir in die eigentümliche Welt Lehars und der Wiener Operette eintauchen. Schon im Alter von sechs Jahren soll der kleine aus Komaron stammende Franz Lehar eine Melodie zu den Worten „Ich fühl’s, dass ich tief innen kranke“, geschrieben haben. Lehar verstand es wie nur ganz wenige, das Gefühl multipler Existenzen, des Nebeneinander von gesellschaftlicher Realität, Offiziellem, geheimen Nebenleben, die Janusköpfigkeit bürgerlicher Moral, permanenten Sehnsüchten („Dort, wo Du nicht bist, ist das Glück“), die immer größer werdende Stellung einer modernen Frau und die Beziehung zwischen den Geschlechtern schillernd zu thematisieren. Das überträgt sich direkt in einen unverwechselbaren üppigen Orchesterklang zwischen markanten Militärmarsch und flüsternden Geigen zu Walzer und Kerzenlicht. Freilich ist die Instrumentierung näher an Dvorak, Brahms oder Mahler als an Offenbach, was der Dirigent der Aufführung, Asher Fisch, mit dem bestens disponierten Orchester der Opéra de Paris trefflich vorführt. Asher Fisch scheut sich nicht vor dem großen Klang und auch nicht vor extremen Rubati in den leisen Dreivierteltakten. Letztendlich entsteht genau dadurch dieses Gefühl von aus vorbewusster Trauer geborener Euphorie, wo dem kurzen Rausch der lange „Kater“ folgt. Solange der Walzer seine Endlosschleifen dreht, ist alles gut, die Zeit scheint aufgehoben, wohl auch das Urteil. Und morgen ist ein anderer Tag….


Susan Graham, Bo Skovhus. Foto: Julien Benhamou

Noch sind wir aber mitten im Ballgeschehen, wo sich im Qui pro Quo der Leidenschaften Bogdanowitch (Francis Bouyer) und Sylviane (Claudia Galli), Kromow (Francis Dudziak) und Olga (Andrea Hill), Pritschitsch (Fabrice Dalis) und Praskowia (Michèle Lagrange) dem erotischen Abenteuer-Reigen nicht ganz ohne Eifersucht ergeben. In Hannas Stadthaus beim pariserischen Fest machen wir noch die charmante Bekanntschaft der Grisetten Lolo (Carole Colineau), Dodo (Béatrice Malleret), Frou-Frou (Caroline Bibas), Clo Clo (Virginia Leva-Poncet) und Margot (Isabella Wnorowska-Pluchart), bevor der finale Weltklasse Can Can das Palais Garnier in einen wahren Hexenkessel verwandelt. Besonderes Lob für das Corps de Ballet der Oper, und insbesondere für den Ausnahmeakrobaten Adonis Kosmadakis. Da bleibt vor lauter Beineschleudern und gesprungenen „serpillières“ (auf deutsch heißt das Fetzen, im Tanzvokabular wird damit aber auch der „Spagat“ bezeichnet) wahrlich kein Stäubchen mehr auf der Bühne. Atemberaubend! Die süße Pariser Kirsche auf der großen Festtorte (auf gut französisch „la cerise sur le gâteau“) der wiedergefundenen Liebe zwischen Danilo und Hanna und der Rettung Pontevedros vor dem Bankrott

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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