Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

PARIS/Palais Garnier: CAPRICCIO – Apotheose in Schönheit

17.09.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

PARIS:  „CAPRICCIO“ im Palais Garnier, 16.9.2012 . Apotheose in Schönheit, Michaela Kaune glänzt als Theatermuse Madeleine


Schlussbild mit Gräfin. Foto: E. Mahoudeau

Die Pariser Oper hat ihre Spielzeit im Palais Garnier mit einer prächtigen Wiederaufnahme des Konversationsstücks mit Musik Capriccio des alten Richard Strauss nach der Idee der Opera buffa „Prima la musica e poi le parole“ von Antonio Salieri eröffnet. Am 28. Oktober 1942 war das launige Rokokospiel in München uraufgeführt worden. Scheinbar harmlos, geht es doch ums Ganze: Sein und Schein, Kunst und Leben, Liebe und Tod. Das Theater als Ort der unerträglichen Leichtigkeit des Seins. Am Ende triumphiert die Musik.

Was ist Oper, was ist Schönheit? Nichts als eine kapriziöse Farce schwebend in die sonnennächste Sphäre des Himmels, wo der Geist mit sich selber spielt, deklinierend Mohn und Rosen? so Goethes Befund und Ratschlag an alle, die des Höheren und Höchsten teilhaftig werden wollen. Der alte Richard Strauss mag sich schon einen solchen für sein musikalisches Bühnen-Testament augenzwinkernd gedacht haben. Wäre da nicht die Musik, von unendlicher Schönheit und Melancholie, Zärtlichkeit und abendlicher Dämmerung. Die vier letzten Lieder lassen grüßen, am Ende ist das Souper serviert. Es wird Nacht, die eine schöne Frau in einem Schloss nahe von Paris alleine verbringen wird.


Michaele Kaune als Gräfin. Foto: Elisa Haberer

Das Palais Garnier gibt den optischen Rahmen für diesen kapriziösen Geburtstag der Gräfin Madeleine als Kulisse auf dem Theater ab, eine sehr reizvolle Idee des Bühnenbildners Michael Levine. Die Hinterbühne als Fenster des zum Zuschauerraum gespiegelten berühmten Foyers, Huldigung an das Theater des schönen Scheins im Goldstuck. Bevölkert ist die Bühne mit einem exzentrischen Künstlerhaufen, Sänger, Dichter, Komponist, Tänzer und Impresario, allesamt exzellent singend und köstlich sich selbst und ihre Professionen persiflierend. Das Lach-Ensemble (Ha Ha Tschin Tschin Bum Bum in bester Operettenmanier) und das Streit-Ensemble, diese bei allen Dirigenten so gefürchteten Oktette, werden zum burlesken und dramatischen Höhepunkt der Aufführung.

Im Zentrum der Oper steht die kunstsinnige Gräfin der Michaela Kaune. Ein kühl sinnlicher Vamp à la Marlene Dietrich. Atemberaubend die blau-schwarze Abendrobe (Kostüme Anthony Powell) im Schlussmonolog. Stimmlich ist Frau Kaune vom Schlag einer Felicity Lott, die technisch perfekt geführte Stimme leuchtet silbrig-herb im Kerzenlicht: „Im Wort lebt ein Sehnen nach Klang und Musik“. Um die edle Gräfin im Liebesturnier und im akademischen Streit der Gluckisten mit den Piccinisten wetteifern Olivier, der Dichter und Flamand, der Komponist. Das Gedicht „Kein andres, das mir so im Herzen loht“ von Pierre de Ronsard (ins deutsche übersetzt von Hans Swarowsky) lässt sie zu Brüdern der auf Worte gesungenen Musik werden. Der Österreicher Adrian Eröd singt einen tadellosen Olivier, in der Bühnenaktion bleibt er verhalten, beinahe etwas schüchtern. Joseph Kaiser als Flamand ist als feuriger Musiker gut gewählt, hat allerdings mit der deutschen Sprache so manches Problem und war auch stimmlich nicht ganz auf der gewohnten Höhe. Letzteres gilt auch für Bo Skovhus als Graf, dessen Stimme in den unteren Registern schlichtweg unhörbar geworden ist. Als Bühnentier vermag er indes mit etwas derbem Bühnentemperament und beeindruckenden Höhen zu überzeugen. Besonders wie hier im angestammten Metier des Hallodri. Sein Motto „Heiter entscheiden, sorglos besitzen, Glück des Augenblicks, Weisheit des Lebens“ machen ihn zum Antipoden seiner tiefgründigen Schwester Madeleine, die postuliert “Sorgend gewinnen, liebend behalten, Wahrheit des Lebens – schönster Gewinn.“ Der Brite Peter Rose als Theaterdirektor La Roche gibt einen beeindruckenden Impresario, der alle Fäden zieht und auch von der Regie vorteilhaft in Szene gesetzt. Dieser Freund der heiteren Muse und Förderer der ernsten Kunst, verpasst sich selbst eine „heitere“ Grabinschrift. Die ihr Debüt an der Opéra de Paris feiernde Michaela Schuster ist als Schauspielerin Clairon eine echte Luxusbesetzung. Erstaunlich rampentauglich sind die mit großem Burgtheaterpathos gesprochenen Passagen, üppig und samtig leuchtend der dramatische Mezzo. In den tief gelegenen Rezitativen stellt sich allerdings heraus, dass ihr die Tessitura der Partie vielleicht doch etwas zu tief liegt. Sei’s drum. Hier siegt halt die Theaterpranke über Belcanto-Gesang, was durchaus im Geiste des Erfinders ist.


Michaela Schuster, Bo Skovhus. Foto: Elisa Haberer

Auch bei den kleineren Rollen hat das Besetzungsbüro eine gute Hand gehabt. Das Buffo-Paar Barbara Bargnesi und Manuel Nunez Camelino karikiert köstlich die italienische Oper, der leicht gebrechliche Souffleur Monsieur Taupe des Ryland Davies ist rührend und der Haushofmeister des Jérôme Varnier formvollendet. Nicht zuletzt möchte ich die exzellente, spielfreudige Dienerriege Christian Rodrigue, Moungoungou, Antonel Boldan, Chae Wook Lim, Vincent Morell, Slawomir Szychowiak, Ook Chung, Yves Cochois und Hyung-Jong Roh lobend erwähnen.

Die wahrlich üppige Partitur mit ihren 13 Szenen in einem großen Akt, den vielen musikalischen Zitaten, der berühmten Fuge „Wort oder Ton“ und den beiden hinreißenden Oktetten ist beim musikalischen Direktor der Pariser Oper, Philippe Jordan, in besten Händen. Das unerbittliche Vorandrängen des Werkes mit seinem reichen musikalischen Material, die unendlichen Variationen der Themen und der leuchtenden Energie, die sie entfalten, ordnet der musikalische Spiritus Rektor mit dem sehr gut disponierten Orchester der Opéra national de Paris zum perfekten Gleichgewicht.

Gehört Capriccio zum Kreis jener zwei letzten Opern Parsifal und Falstaff, deren Schöpfer kein Geringerer als Thomas Mann als „Greisenavantgardisten“ bezeichnet hat? Musikalische Avantgarde ist dem alten Richard Strauss sicher insoweit zuzugestehen, als er folgerichtig und kompromisslos nur seinem eigenen Genie gehorcht. Auch ist ihm die abgeklärte Botschaft eigen, ein großes Lebensthema mit komödiantischer Delikatesse, federhafter Leichtigkeit und heiterem Lächeln zu lösen. Nicht „Oder?“ heißt die Frage, sondern „Und!“ die Antwort. Nicht die Entscheidung zwischen, sondern das Annehmen der Fülle des Universums in Kunst, Liebe, Leben und Tod als Weisheit höchster Schluss. Wobei wahrscheinlich, siehe Gräfin, die alleine soupiert und die Nacht verbringen wird, Einsamkeit und Entsagung den Preis für vollendete Kunst darstellen. Nicht die Wahl unter „Wort oder Ton“, sondern die perfekte Durchdringung beider, deren Verschmelzen in einen musikalischen Fluss zum Meer der Nacht hin, gehört unsere Sehnsucht. Wenngleich der Musik das letzte „Wort“ zukommt, und den in ihre Träume versunkenen spät heimgekehrten Theaterbesuchern eher die schönsten Mondlicht-Melodien als der Text der Arien im Ohr bleiben. Musiktheater als Metapher des Lebens, aber auch als Gleichnis der Auflösung aller gesellschaftlichen Moral. Was die Leidenschaften angeht, freuen wir uns am Hohelied einer reizenden Dreiecksbeziehung einer kunstsinnigen Frau mit zwei Männern. Soll sie halt eines Tages zwei Liebhaber haben. Geht es doch ausschließlich augenzwinkernd um die Kunst…

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

Diese Seite drucken