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PARIS/ Opéra Garnier: LEAR von Aribert Reimann. Aribert Reimanns & Calixto Bieitos End-Zeit-Spiel oder Die Hohe Schule der Grausamkeiten im zeitgenössischem Musik-Theater

01.06.2016 | Oper

Opéra Garnier: „LEAR“ – 29.5. 2016 (nachmittags)

Aribert Reimanns & Calixto Bieitos End-Zeit-Spiel oder Die Hohe Schule der Grausamkeiten im zeitgenössischem Musik-Theater

Seinerzeit, vor 38 Jahren, hatte Reimann seinen „Lear“ Dietrich Fischer-Dieskau auf „Leib und Stimme“ geschrieben und Jean Pierre Ponnelle war der Regisseur der Welt-Uraufführung. Nun war Paris, seit der französischen Premiere 1982, ein weiteres Mal Schauplatz dieses Meisterwerks der Avantgarde im Zeitraum 20.5-12.6. – Paris war nun einen „Lear“ und einen Extra-Besuch wert!

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Cordelia – Annette Dasch – rettet Vater Lear im Wahn – Pietà-Pose (c: Elisa Haberer)

Schon die Konfrontation des Publikums bei offenem Vorhang, mit nur dunkel angestrichenen Holz-Latten für Boden und Rückwand im ansonst üppigen, voller Gold-strotzendem Dekor des Second Empire im Palais-Garnier-Bau um die Zeit von Napoleon III., des Napoleon-Neffen – ist eigentlich eine veritable ästhetische Ohrfeige für jeden Betrachter vom Zuschauerraum aus! – Ist solche Kargheit nicht bereits ein Statement, als wäre die „Lear“-Welt mit Brettern vernagelt, der weite Horizont abgeschafft und man befände sich bereits in der Gruft im Sarg?!

Der berühmt-berüchtigte spanische Regisseur Calixto Bieito hat sich für dieses Universal-Bühnenbild von Rebecca Ringst entschieden, die Tristesse der Inszene wird durch die Beweglichkeit der rohen Latten und etwaige transparente Blick-Möglichkeiten hindurch zum Teil aufgehoben. In der gewaltigen Sturm-Szene ergibt sich noch dazu quasi eine Imagination von Baumstämmen zur Wald- und Natur-Anmutung (Lighting: Franck Evin). Am Spiel-Beginn stehen bereits alle handelnden Personen, nach einem Defilée, aufgereiht nebeneinander in der heutzutage schon üblichen, etwas besseren Alltags-Konfektion von der Kaufhaus-Stange (Kostümierungen: Ingo Krüger). Lear (Bo Skovhus) kommt aus der Gasse dazu, ebenso gewandet. So schaut es also bei „Königs“ und den Höflingen am englischen Hof aus?!               Dieser „Lear“ ist keineswegs ein würdiger Greis, sondern punktet mit sportlicher Körperlichkeit und scheint ebenso nicht geprägt von Amtsmüdigkeit! Eher sieht es darnach aus, als ob sein Abdanken vor versammelter Mann- und Frauenschaft mehr eine Marotte wäre, oder gar eine „Grille“ zur rigorosen Prüfung seiner Umgebung. Bald darauf wird es bereits Ernst – es geht ans Eingemachte! Lear brachte einen großen Schwarzbrot-Laib mit sich und hält ihn kurz in den Händen. Dann reißt er große Stücke aus dem Brot heraus – und so verteilt er tatsächlich symbolhaft sein „Reich“. Einzelne große Brotstücke wirft er seinen Töchtern genau zu Boden vor deren Füße. In der Folge balgen sich gierig darüber Goneril (Ricarda Merbeth) und Reagan (Erika Sunnegårdh), in der Manier zähnefletschender Wölfinnen wie um große Fleisch-Brocken. Während Lear sein „Reich“ aufteilt, werden sämtliche der von ihm verlangten Liebes-Beteuerungen dieser beiden Töchter nur mehr floskelhafte Leer-Formeln – also Zubrot! Die introvertierte, wie traum-verloren agierende Cordelia (Annette Dasch) der „Tragedy of King Lear“ verharrt librettogemäß von Claus H. Henneberg in ihrer Rolle der naiven Kindesliebe als Lears jüngste Tochter und wird wegen „Undank“ des Landes verwiesen.

Musikalisch merkwürdig blass angelegt präsentiert sich diese Rolle. Damals bei der Uraufführung am Münchnere Nationaltheater am 9.7.1978 war Julia Varady ebenso mitwirkende Ehefrau Fischer-Dieskaus. Varady, die ansonst so bekannt Explosive, sang nicht, wie vielleicht erwartet, die dramatische Sopran-Rolle der Goneril, sondern verkörperte die weniger anspruchsvolle und geringer fordernde Partie der sanften Cordelia. In den Händen von Regie-Gott Jean-Pierre Ponnelle lag damals die Spielleitung.

Macht fort – das (grausame) Spiel kann beginnen! Die Summe und die Qualität dieser und jener Teile macht es aus, selbst wenn grauenvolle Einzel-Elemente, wie Graf von Glosters „Blendung“ (gespenstisch dabei Lauris Vasar als Opfer) schon nahe die Tradition des „Grand Guignol“ streifen, so bleiben sie doch im Stück-Rahmen, wie schon von Shakespeare vorgegeben.

Im Gegeifer des totalen Macht-Rausches geht Goneril/Ricarda Merbeth an ihre sängerischen und darstellerischen Grenzen und eigentlich ziemlich darüber hinaus! War sie doch an der Wiener Staatsoper am Karriere-Anfang vor allem als Aushänge-Schild von mädchenhafter Holdheit eingesetzt, in Wagners-„E“Rollen, wie Elsa, Eva, Elisabeth. Ebenso erfolgreich war sie als Mozart-Stilistin (Gräfin, Fiordiligi, Donna Anna). Schon bei Richard Strauss konnte sie sich mit einer sehr persönlichen Leistung als Daphne und Feldmarschallin bis hin zu ihrer charakterstarken Chrysothemis emanzipieren und eigenes dramatisches Profil entwickeln. Doch bei ihrer derzeitigen hexenhaften Dimension als intrigante Goneril kam etwas heraus, was man bisher bei ihr nie vermutet hätte. Ihre abgrundtiefe Bosheit und die Abgefeimtheit des Charakters, zu der sie mit ihrer zurzeit so emphatischen Stimme fähig ist, diese auszudrücken, war für mich d i e totale Überraschung, ja zeigte, was da noch alles in ihr drinnen steckt. (Rollenmäßig ließe sich durchaus im italienischen Fach schon an eine perfekte Lady Macbeth denken, oder gar an spätere Ausweitungen ins größere Wagner-Fach). Wirft sie doch ihre wütenden Phrasen derart explosiv in den historischen Raum und ist dabei stets von überragender Wortdeutlichkei -, man kommt aus dem Staunen nicht heraus!. – Ihre Rolle präsentierte sie als eine gestandene Vollblut-Real-Politikerin, die gar über Leichen geht…

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Goneril – Ricarda Merbeth – setzt Vater Lear – Bo Skovhus – unter Druck, Reagan (Erika Sunnegardh) geht auf Distanz, der Narr (Ernst Alisch) ist sprachlos (c: Elisa Haberer)

In Moderne und Avantgarde ebenso angekommen ist Bo Skovhus, und ganz in seinem Element, seit er sich von den „Grafen“ verabschiedet hat. Seine Anfänge in deutsch gesungenen Daponte-Opern lagen in der Wiener Volksoper in der Direktion Waechter, der damals den strahlend sportlichen dänischen Bariton als Jungstar entdeckt, eingesetzt und gefördert hatte. Nun mit seiner quasi Alterslosigkeit und reifen Frische kann Skovhus ein Lear-Spektrum abdecken, das ihn weit von der vergrübelten Intellektualität seines Rollen-Vorläufers und Ideen-Trägers Fischer-Dieskau abhebt. Stimmschönheit ist weniger gefragt, stehen im Vordergrund doch Charakter und dramatisches Rollenbild, und gerade da gilt Skovhus derzeit geradezu als Ideal-Besetzung in dieser „Alters-Rolle“. Größte Herausforderung im Spiel und in rezitativischer Diktion ist stets die aufpeitschende „Sturm“-Szene, wenn der Wahnsinn und die Elemente in Reimanns Orchester-Tsunami über das Auditorium überschwappen. Da ist sein Lear emotional und total körperhaft agierend grandios mittendrin und – außer sich!                                   Fabio Luisi am Pult ordnet diese riesenhaften Klang-Wogen genauso, wie er sensibel die vielen glitzend irisierenden und wispernden Klangflächen auffächert. Dabei zeigt er sich als ein wahrer Prospero – wie Shakespeares Be-Herrscher im „Sturm“ – in der besonders diffizilen Behandlung und im Einsatz von Orchestre et Choeurs de l´Opéra national de Paris.

 

Aus dem Rollen-Spektrum der Produktion ragte der ruhmsüchtig auftrumpfende Herzog von Albany (Andreas Schreiber) ebenso heraus wie der Tenor-Counter von Andrea Watts, der als bedauernswerter verstoßener Edgar in die Heide flüchtete. Ein echter Narr von Shakespeares, ebenso wie von Bieitos Gnaden ist Ernst Alisch in seiner Sprechrolle. Pauschal erwähnt und bedankt in der Nobilität ihrer Rangfolge der König von Frankreich (Gidon Saks), der Herzog von Cornwall und Gatte von Goneril (Michael Colvin) sowie der Graf von Kent (Kor-Jan Dusseljee).

 

Regisseur Calixto Beixto verfährt Bild-haft und Bild-stark mit dem Stück-Text. Von ihm war man bisher gewohnt, dass er der Provokation gar nicht ausgewichen ist, sondern sie im Gegenteil gesucht hat. Mit einer bei ihm ungewohnten „Normalität“ konfrontiert, gibt er geradezu ein Beispiel von „Des Widerspenstigen Zähmung“ ! Die heutzutage schon bereits übliche Praxis von Video-Unterstützung (Sarah Derendinger) im 2. Teil nach der Pause konnte man als durchaus entbehrlich ansehen. Alles andere bis zum bitteren Ende mit Gift und Dolch, mit Blut und Leichen, ist von derartiger Wucht und Bilder-Stärke, dass man am Ende wie erschlagen aus der Vorstellung herausgeht. Die Beifalls-Bezeugungen des Pariser Publikums und etlicher Touristen-Grüppchen, die sich vielleicht an diesem Sonntag-Nachmittag doch eine leichtere Kost gewünscht hätten und sich schließlich nach insgesamt 3 Stunden inkl. Champagner-Pause, doch überzeugen ließen – hörten sich enthusiastisch an.  Norbert A. Weinberger                                                                                                                               

No-Go?! Über diese Jean-Pierre-Ponnelle-Inszenierung und deren Bilder weiß man: sie waren kürzlich im Mai einige Tage in Budapest zu sehen. Die Wiener Staatsopern-Saison-Vorschau zeigt die Wieder-Aufnahme von Aribert Reimanns „Medea“ an – „Ein Besuch des Alten Herrn“, (nämlich des eben gezeigten Pariser „Lear“ im Austausch) wäre eigentlich im Zeitalter des Herumwanderns von interessanten Inszenierungen … ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen…!!!

Norbert A. Weinberger

 

 

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